Homosexuelle, wärt ihr manchmal lieber hetero?

Einfach, weil die Gesellschaft es einem dann leichter macht?
Von Marcel Laskus und Agnes Striegan

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Liebe Queers,

diese Frage ist natürlich provokant – und sie ohne Kontext einem oder einer Fremden ins Gesicht zu sagen, wäre ziemlich übergriffig: Wärt ihr manchmal lieber hetero? Vielleicht ist sie auch schlichtweg unnötig, weil ihr die Frage hoffentlich ohnehin mit Nein beantworten würdet. Aber tut ihr das?

Als ich als Teenager festgestellt habe, dass ich Frauen sexuell anziehend finde, Männer aber eher nicht, habe ich über vieles nachgedacht – aber nicht darüber, ob es anders nicht besser wäre. Ich lebte ja das vermeintliche Normal. Später blieb es ähnlich. In meinem Studium gab es viele Abende, in denen ich der einzige heterosexuelle Mann in einer Runde von Freundinnen und Freunden war. Klar, bei manchen Themen konnte ich dann eher weniger mitreden. Mir aber deswegen eine andere Sexualität wünschen? Darüber hätte ich nie nachgedacht. 

Wünscht ihr euch manchmal einfach nur, Teil der Norm zu sein?

Das liegt vermutlich daran, dass ich nie spürbare Nachteile wegen meiner sexuellen Orientierung erfahren musste. Ich musste sie nicht hinterfragen. Ich hatte kein Coming-out. Ich wurde nie diskriminiert, weil ich auf Frauen stehe. Und bei euch? Sicher, in den vergangenen Jahrzehnten habt ihr euch immer weiter in Richtung Gleichberechtigung gekämpft. Aber trotz allem ist Heterosexualität in vielen Bereichen der Gesellschaft noch immer so etwas wie die Norm. Und in Deutschland gibt es noch immer ziemlich viele homofeindliche Übergriffe. Lese ich das, kann ich mir vorstellen, dass man manchmal so wütend und ohnmächtig ist, dass man sich einfach nur wünscht, zum anerkannt „Normalen“ dazugehören, um das nicht weiter ertragen zu müssen. Nicht aufzufallen. Oder ist das völliger Quatsch?

Hattet ihr Momente und Situationen in eurem Leben, in denen ihr euch gewünscht habt, heterosexuell zu sein? Zum Beispiel vor eurem Coming-out? Oder gibt es – im Gegenteil – nichts, das euch so befremdlich und fern ist wie die Vorstellung, hetero zu sein?

Erzählt doch mal bitte. 

Eure Heteros

Die Antwort:

Liebe Heteros,

klar, die Vorstellung ist schön: mit dem oder der Freund*in Händchen halten, ohne dass das Aufmerksamkeit erregt. Ihr oder ihm auf dem Bahnsteig ganz selbstverständlich einen Abschiedskuss geben. Nicht darüber nachdenken müssen, ob man im Beruf über seine*n Partner*in spricht – im vergangenen Jahr hat sich das die Mehrheit der queeren Menschen noch nicht getraut. Was für Heteros normal ist, ist es für Nicht-Heteros noch lange nicht.

Ihr schreibt es selbst: Wir haben uns in den vergangenen Jahrzehnten viel Gleichberechtigung erkämpft. Immer mehr Menschen akzeptieren gleichgeschlechtliche Liebe, oder behaupten das zumindest. Aber unterschwellig haben viele immer noch Vorurteile. Finden, dass Homosexuelle zu viel Wirbel um ihre Sexualität machen. Dass die Toleranz gegenüber Lesben und Schwulen übertrieben wird. Dass es unangenehm ist, wenn sich zwei Männer in der Öffentlichkeit küssen –unangenehmer, als wenn ein Mann und eine Frau das tun.

Queere Menschen werden auch in Deutschland immer noch benachteiligt: Der Stundenlohn heterosexueller Männer liegt deutlich über dem hetero- und homosexueller Frauen und homosexueller Männer – obwohl die im Schnitt eine höhere Schulbildung haben. Männer, die mit Männern schlafen, dürfen kein Blut spenden. Wenn zwei Frauen ein Kind bekommen, werden nicht beide sofort als Mütter in die Geburtsurkunde eingetragen – die eine muss ihr Kind erst aufwendig adoptieren. Und auch das habt ihr richtig beobachtet: Die Zahl queerfeindlicher Übergriffe steigt.

Ich will nicht hetero sein. Was ich will, sind die gleichen Rechte

Trotzdem wäre ich nicht lieber hetero. Ich mag es, Frauen zu mögen – so, wie ich es mag, eine Frau zu sein. Es fühlt sich richtig an. Zu fragen, ob ich lieber hetero wäre, weil unsere Welt heteronormativ ist, ist wie fragen, ob ich lieber ein Mann wäre, weil unsere Welt sexistisch ist. Auch wenn ich schlecht in Worte fassen kann, warum: Nein, das will ich nicht. Was ich will, sind die gleichen Rechte. Ich will, dass meine Art zu lieben auch selbstverständlich ist – selbst wenn ich damit immer in der Minderheit bleibe.

Ich glaube, das war auch damals in der Schule schon so, als ich mich endlich in einen Jungen verlieben und mit ihm zusammenkommen wollte – das war vor meinem Coming-out. Es ging mir nicht um das Label „heterosexuell“, sondern darum, zu erleben, was anscheinend alle anderen erlebten: die erste Liebe, die erste Beziehung. Hätte ich Homosexualität als eine Möglichkeit gesehen – ich hätte vermutlich nicht gehofft, bald etwas mit einem Jungen zu haben, sondern mit einem Mädchen. Weggewünscht habe ich mir meine Gefühle für Frauen jedenfalls nie; verliebt sein ist ja trotz allem irgendwie schön. Als ich verstanden habe, dass ich lesbisch bin, war das kein Schock. Es war befreiend.

Überhaupt ist einiges befreiend daran, nicht heterosexuell zu sein. Dass unsere Liebe noch nicht für normal gehalten wird, bedeutet nämlich auch: Wir werden kaum in veraltete Rollen gedrängt. Bei nicht-heterosexuellen Paaren gibt es keine Regeln, wer wen anspricht, wer beim ersten Date zahlt oder wer den Heiratsantrag macht. Gleichgeschlechtliche Paare teilen Hausarbeit tendenziell gleichmäßiger untereinander auf, und selbst, wenn sie das nicht tun, sind sie mit der Verteilung zufriedener. Wir verhandeln selbst, wie unsere Beziehungen aussehen. Das ist manchmal anstrengend – aber immerhin können wir es.

Manchmal ist es einfacherer, als hetero durchzugehen – und sicherer

Viele von uns können aber noch etwas; etwas, das Angehörige anderer Minderheiten nicht können: nämlich als Teil der Mehrheit durchgehen. Und damit meine ich nicht unbedingt, dass Bi- oder Pansexuelle verschiedengeschlechtliche Beziehungen eingehen können, sondern dass man einer Person ihre sexuelle Orientierung nicht ansieht. Einerseits nervt es natürlich, ständig in eine falsche Schublade gesteckt zu werden, andererseits hat es auch in meinem Leben Momente gegeben, in denen ich es bewusst nicht korrigiert habe, wenn jemand mich für hetero gehalten hat. Das heißt nicht, dass ich in diesen Momenten hetero sein wollte – aber dass ich als hetero durchgehen wollte, weil das einfacher war oder sicherer.

Als hetero durchgehen, das wollen manche aber auch innerhalb der queeren Community. Auf Dating-Apps zum Beispiel suchen bisweilen „maskuline Männer“ explizit nur nach anderen „maskulinen Männern“, nicht nach „Sissys“, also femininen Männern, die dem schwulen Klischee eher entsprechen. Auch wenn ich persönlich niemanden kenne, der so etwas schreibt: Internalisierte Homophobie, also die Ablehnung der eigenen queeren Sexualität, existiert. Und die kenne ich dann doch ein wenig: Ich weiß, dass ich ok bin, und trotzdem hinterfragt mein Bauch das manchmal. Wir queeren Menschen wachsen eben in der gleichen vorurteilsbehafteten Welt auf wie Heteros.

Und schließlich gibt es sicher nicht-heterosexuelle Menschen, die sich aufrichtig wünschen, heterosexuell zu sein, weil in einer anderen Zeit geboren wurden oder an einem Ort, an dem ihre Sexualität komplett abgelehnt wird. Wo sie nicht mit der Person zusammen sein können, die sie lieben. Wo sie verfolgt werden. Mein Umfeld und die Gesetze meines Heimatlandes sind doch einigermaßen tolerant; ich wurde noch nie persönlich angegriffen, weil ich lesbisch bin. Vielleicht würde ich eure Frage anders beantworten, wenn das anders wäre.

Alles Liebe

eure Nicht-Heteros

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