Bisexuelle Menschen, wie oft hört ihr, ihr hättet „nur eine Phase“?

Selbst in der queeren Community wird eure Sexualität nicht immer anerkannt. Was macht das mit euch?
Von Sophie Aschenbrenner und Paula Charlotte
querfragen phase bi cover

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Liebe bisexuelle Menschen,

neulich trendete auf Twitter das Hashtag #BisexualMenExist. Bisexuelle Männer wollten zeigen: Wir existieren und wir sind mehr als fein damit, dass wir bi sind. Viele beschrieben in ihren Beiträgen die Vorurteile, mit denen sie von verschiedenen Seiten immer wieder konfrontiert werden: Ihnen wird vorgeworfen, sie seien einfach verwirrt, unfähig sich zu entscheiden, nicht in der Lage, eine Beziehung zu führen oder jemals treu zu sein. Manche Menschen behaupten, alle bisexuellen Männer seien eigentlich schwul. Ich fürchte, bisexuelle Frauen müssen sich ähnliche Vorurteile anhören. Zahlreiche Bisexuelle berichten davon, dass ihre Sexualität nicht wirklich akzeptiert wird. Deswegen gibt es am 23. September seit 20 Jahren auch den Bisexual Visibility Day. 

Was machen all diese Klischees mit eurem sexuellen Selbstbewusstsein?

Auch eine Studie der Columbia University zeigt, dass viele Menschen Bisexualität nicht ernst nehmen oder sogar in Frage stellen, dass es bisexuelle Menschen überhaupt wirklich gibt. 15 Prozent der Befragten halten die sexuelle Neigung zu beiden Geschlechtern für nicht existent. Viele denken, dass sich das mit dem Alter dann schon irgendwie „auswachse“ und man sich dann in punkto Partner*innenwahl für ein einziges Geschlecht entscheide.

Es ist immer nervig, ungefragt Einschätzungen zum eigenen Liebes- und Sexleben zu bekommen. Aber ich frage mich: Inwieweit wirken sich diese Vorurteile tiefergehend auf euch aus? Was machen all diese Klischees mit eurer eigenen Sexualität? Mit eurem sexuellen Selbstbewusstsein? 

Klar, viele Heteros können sich zumindest in der Theorie vorstellen, auch mal mit einer Person des gleichen Geschlechts rumzumachen oder Sex zu haben. Aber ich fürchte, das macht es für euch nicht leichter, im Gegenteil. Oder lässt euch das alles kalt?

Und wie ist es innerhalb der LGBTQ*-Szene? Müsst ihr euch da manchmal anhören, ihr wärt ja gar nicht richtig queer, weil ihr eben auch Beziehungen und Affären habt mit Menschen des anderen Geschlechts?

Ganz viel Liebe

Eure Heteros

Die Antwort: 

Liebe Straight People,

ich antworte euch als bisexuelle cis Frau. Zuerst möchte ich erwähnen, dass ich bisher nur in heterosexuellen festen Beziehungen war, gleichgeschlechtlichen Sex hatte ich bisher in Form von One Night Stands und Casual Dating. Das ist mir wichtig zu sagen, weil ich damit oft als hetero gelesen werde („straight passing“) und so ein Stück weit privilegiert bin.

Hier fängt das Problem der von euch ja angesprochenen Vorurteile gegenüber bisexuellen Menschen aber auch schon irgendwie an: Ich meine, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich bisher „nur in Hetero-Beziehungen war, obwohl ich bi bin“.

Bis ich mir eingestanden habe – zugestanden, könnte ich fast sagen – dass ich bisexuell bin, hat es sehr lange gedauert. Mochte ich andere Frauen, habe ich es als „girl crush“ abgetan. Ich erinnere mich, wie ich vor etwa fünf Jahren mit einer Freundin darüber sprach, ob wir uns vorstellen könnten, Sex mit einer anderen Frau zu haben. Ich weiß noch, wie ich sagte:­­ „Also, knutschen ist ja ganz geil, aber für den Sex brauche ich dann da schon auch einen Penis.“

Heute habe ich, was das angeht, zwei essentielle Dinge begriffen. Erstens: Sex kann so vieles sein. Sex ist nicht gleich Penetration. Dass wir den reinen Penetrationsakt als „Sex“ und andere Dinge als „Vorspiel“ oder „Petting“ bezeichnen, konzentriert Sexualität darauf, dass ein Penis oder zumindest ein penisähnlicher Gegenstand eine Rolle spielen muss – was nicht der Fall ist. Zweitens verdeutlicht diese damalige Annahme von mir sehr gut, dass ich im Geschlechterdualismus gefangen war. Das macht einmal mehr deutlich, wie gefährlich und hinderlich cis Heteronormativität ist.

Ich dachte von mir selber, ich wolle mich nur mal ausprobieren

Ich gestand mir nicht zu, dass ich auch gerne Sex mit anderen Frauen wollte, weil mich die bekannten Vorurteile daran hinderten. Zum einen dachte ich, ich sei gar nicht bi, sondern wolle nur mal „experimentieren“ – dadurch habe ich mir verweigert, Erfahrungen zu sammeln. Ich hatte Angst, eine von denen zu sein, die sich nur ausprobieren, um dann zurück in die Arme der cis Dudes zu laufen. Heute denke ich mir: Und selbst wenn? Insofern offen über Absichten und Bedürfnisse kommuniziert wird, ist das auch absolut in Ordnung. Das Gegenüber sollte nur darüber informiert und okay damit sein. Inzwischen gibt es dafür übrigens auch Bezeichnungen, „heteroflexible“ oder „questioning“.

Anyway: Damals hatte ich Angst, es seien nur „girl crushes“. Ich dachte, beim Sex würde ich dann merken, dass ich eigentlich hetero bin. Ich hatte Angst, ich „dürfe“ nicht auf Frauen stehen, weil ich doch bisher nur heterosexuelle Erfahrungen gemacht hatte. Ich hatte Angst, es sei eine Phase und ich müsste mich danach rechtfertigen. Ich wollte nicht einer Art „Modetrend“ folgen. Ihr merkt: Da war sehr viel Angst, etwas falsch zu machen, von außen bewertet und vor allem abgewertet zu werden dafür, schlicht und ergreifend erst einmal Erfahrungen sammeln zu wollen. Also ließ ich es sein und schaute weiter meine gleichgeschlechtlichen Pornos.

Das ging so lange, bis ich einen Dreier hatte, mit einer Frau und ihrem Freund – und danach feststellte: Ich hatte das im Grunde vor allem wegen der Frau gemacht, die ich heiß fand. Dass der Typ dabei war, hatte ich eher als notwendiges Übel in Kauf genommen. In diesem Moment verstand ich „maybe it’s a ‚girl crush‘, maybe you’re queer“ – lange bevor ich auf Florence Givens Illustrationen stieß und sie mir die notwendige Formulierung für dieses Gefühl gab.

Nach diesem Dreier konnte ich zumindest mir selbst gegenüber eingestehen, dass ich Sex mit Frauen wollte, definitiv. Doch sofort kamen die nächsten Zweifel: Könnte ich auch mit einer Frau eine Beziehung führen? Dürfte ich mich offen als bisexuell und damit queer bezeichnen, oder würde ich dann einen Raum in der queeren Community einnehmen, der mir eigentlich nicht zusteht? Und wie ist das, wenn ich bisexuell bin, aber bisher einfach weniger Sex mit Frauen hatte – weil ich, was das angeht, quasi eine zweite Pubertät erlebte („Wie flirte ich denn mit einer Frau, wie stelle ich fest, ob sie auch interessiert ist, …“) – ein Rattenschwanz an Zweifeln, der es, nachdem ich immerhin meine eigene Sexualität etwas sortiert hatte, mir schwer machte, diese auch auszusprechen und auszuleben.

Bisexuelle sind oft geduldet, aber nicht erwünscht 

Zum Beispiel, was Dates mit lesbischen Frauen angeht: Ich habe mir angewöhnt, direkt zu sagen, dass ich bisexuell bin (insofern es auf Dating-Apps beispielsweise nicht ohnehin angegeben werden kann) – ich fühle mich verpflichtet, das offenzulegen, weil die andere Person damit ja ein Problem haben könnte. Ich fühle mich verpflichtet und befürchte, als Antwort genau die genannten Vorurteile zu hören – „nee, keine Lust, sorry, ich will kein Versuchskaninchen sein, bevor du wieder zu deinem Boyfriend gehst“. Alles schon vorgekommen, tatsächlich habe ich aber auch schon gute Erfahrungen gemacht. Ich merke vor allem, dass mir selbst oft all die Vorurteile im Weg standen, mit denen ich sozialisiert wurde. 

Mir ist wichtig zu sagen, dass ich Diskriminierung von bisexuellen Menschen schrecklich und unnötig finde. Ich kann aber den Frust beispielsweise homosexueller Menschen verstehen: Ich könnte, wenn ich wollte, als hetero durchgehen. Ich könnte in der hetero-cis-Norm leben und nur einen Teil meiner Sexualität verstecken müssen. Trotzdem fände ich es schön, wenn uns Bisexuellen unsere Sexualität weniger abgesprochen werden würde. Dass Heteros uns nicht ernst nehmen – erwartbar. Doch aus der queeren Community würde ich mir wünschen, dass auch unsere sexuelle Orientierung anerkannt wird. Eine bisexuelle Freundin drückte es neulich so aus: „Ich bin geduldet, aber nicht erwünscht.“

Viele denken, dass uns beim Sex immer etwas fehlen würde

Und dann ist da noch das Vorurteil, wir wären unfähig, eine Beziehung zu führen. Ich gehe davon aus, dass viele denken, dass uns in einer monogamen Beziehung beim Sex etwas fehlen würde. Ich sag mal so – davon auszugehen, dass eine einzige Person all unsere sexuellen Bedürfnisse erfüllen kann, sind wir nun homo-, bi- oder heterosexuell sind, ist meiner Meinung nach ohnehin ein Trugschluss. In einer heterosexuellen monogamen Beziehung kann mir auch etwas fehlen, wenn ich nicht bisexuell bin. Genauso kann ich als bisexuelle Person sexuell erfüllt sein, obwohl ich „nur“ in einer monogamen heterosexuellen Beziehung bin. Das hat etwas mit Kompromissbereitschaft, Vertrauen und Kommunikation zu tun und auch damit, welchen Stellenwert Sex generell in meinem Leben hat. Nicht umsonst führen auch heterosexuelle Menschen offene Beziehungen. Man sollte die Frage, ob man monogam leben will oder nicht, nicht mit der sexuellen Orientierung eines Menschen vermischen.

Zum Abschluss möchte ich noch auf eine Aussage Hella von Sinnen eingehen, die exemplarisch für vieles steht: „Ich hab die Theorie, jeder Mann, der sagt, er ist bisexuell, ist schwul, und jede Frau, die sagt, sie sei bisexuell, ist hetero.“ Das ist nicht nur diskriminierend gegenüber bisexuellen Menschen, das spiegelt auch patriarchale Machtstrukturen wieder: Letztendlich können sich viele nicht vorstellen, dass es mal NICHT um cis Dudes geht und dass ihre Penisse mal nicht im Fokus der sexuellen Begierde stehen. Deswegen ist der Kampf bisexueller Menschen um Anerkennung auch immer ein Kampf gegen das Patriarchat.

Also: Ja, wir hören diese Vorurteile, oft und von beiden Seiten. Sie machen es schwierig, zur Bisexualität zu stehen, aber eins ist sicher: Wir werden nicht aufhören zu kämpfen.

Danke, dass ihr gefragt habt.

Eure Paula

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