Queers, wie wichtig sind euch eigene Magazine?

Welche Rolle spielen für euch Blogs und Zeitschriften, die sich ausschließlich an die LGBTQ*-Community richten?
Von Sophie Aschenbrenner und Matthias Kreienbrink
querfrge queere magazine cover

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Liebe Queers, 

neulich wandte sich das queere Berliner Magazin „Siegessäule“ auf Instagram an seine Follower*innen: „Die Corona-Krise hat auch uns hart getroffen. Ein Großteil unseres Umsatzes ist weggebrochen“, schreiben die Verantwortlichen. Sie baten um Hilfe – mit Erfolg. Knapp 100 000 Euro sammeln sie innerhalb weniger Tage, auch Künstler*innen wie der Fotograf Wolfgang Tillmans unterstützten die Aktion. 

Würden riesige Lücken entstehen, wenn queere Magazine verschwinden würden?

Natürlich gibt es noch viele weitere kleinere und größere Magazine, Blogs und Websites, die sich vor allem oder ausschließlich mit queeren Themen beschäftigen. Die die Probleme und Bedürfnisse der LGBTQ*-Community besonders im Blick haben und in den Texten zum Beispiel LGBTQ*-feindliche Äußerungen von Regierungschef*innen, die Ehe für alle oder queere Stars viel genauer im Blick haben als die Mainstream-Medien. 

Wie wichtig sind euch Queers solche Magazine, welche Rolle spielen sie in eurem Leben? Sind sie eine Art Safe Space? Helfen sie zum Beispiel in der Zeit vor dem Coming-out beim Orientieren, Informieren, Sortieren der eigenen Gefühle? Würden riesige Lücken entstehen, wenn queere Magazine verschwinden würden? Oder sagt ihr: Wir und unsere Themen müssen eh rein in die Mainstream-Medien, darauf kommt es an? 

Alles Liebe

eure Non-Queers 

Die Antwort:

Liebe Non-Queers,

im vergangenen Jahr hat die US-Amerikanische Drag Queen Taylor Mac insgesamt 24 Stunden damit verbracht, die Geschichte der Popmusik zu dekonstruieren und dann zu rekonstruieren. Sie interpretierte Lieder neu, lud sie politisch auf, verband sie mit queeren Personen der Zeitgeschichte. Auf vier lange Abende aufgeteilt spielte Taylor auch in Berlin – im Haus der Berliner Festspiele. 1000 Plätze, jeden Abend ausverkauft. Am letzten Abend sprach Taylor zum Publikum: Oft sei die Frage gestellt worden, wieso es diese großen Bühnen sein müssen. Die Antwort: Queere Menschen sollten sich nicht mit dem Keller begnügen. Die großen Bühnen seien ihre Orte.

Diese Szene hat sich mir eingebrannt. Denn sie verdeutlicht einen Konflikt, den viele queere Menschen kennen: die Auseinandersetzung mit der eigenen Subkultur. Mit Sichtbarkeit, einer lauten Stimme – und den Unsicherheiten, die diese mit sich bringen. Taylor Mac hat, wie wohl jeder Künstler und jede Künstlerin, auf den kleinen Bühnen angefangen. Sie sind die Pfeiler, auf dem die Kunst heute steht.

Wir entwickeln und finden unsere Stimmen in queeren Magazinen

Was sind queere Blogs, Magazine, Websites? Sind sie die selbst gebaute Nische? Sind sie eine Subkultur, die unter sich bleiben möchte? Sind sie die Bubble, in der man nur sich selbst hört und sonst niemanden?

Queere Menschen hören überall die anderen. Das Normative und der Imperativ, diesem zu entsprechen – sie sind wohl im Kopf jedes queeren Menschen eingepflanzt. Finden dort einen Resonanzraum. Anzunehmen, dass diese queeren Spaces nur dazu dienen, diese Stimmen auszublenden, ist töricht. Denn das ist nicht möglich. Aber sie können die kleinen Bühnen sein, auf denen queere Menschen ihre eigenen Stimmen entwickeln – eine Sprache finden können, die nicht die der Mehrheitsgesellschaft ist. Sie können Räume des Verstehens bieten, ohne den langwierigen und auch ermüdenden Prozess, das Gesagte und Gemeinte denen zu übersetzen, die etwa keine Diskriminierungserfahrungen erleben haben, oder die queere Kultur und Künste nicht verstehen.

Queere Menschen können hier lesen und erkennen. Vielleicht sich selbst. Und jedes Wort kann eine Ermutigung sein, auch selbst zu sprechen. Die Sätze können Anleitungen sein, vielleicht für jene, die in der Provinz leben und keine Menschen in ihrem Umfeld haben, die ihnen helfen können beim Coming-out, bei Diskriminierung, bei Hass, beim Verstehen.

Hier stehen keine Gatekeeper, die meinen, queere Themen seien Nische

Ein Magazin wie die „Siegessäule“ kann eigene, queere, Themen setzen. Über die entsetzlichen Geschehnisse in der Welt berichten, die andere Magazine nicht aufgreifen. Queere Magazine behalten die Verfolgung queerer Menschen oder diskriminierende Gesetzgebungen im Auge, wo andere schon längst wieder wegschauen. Jeder noch so kleine Blog kann Zusammenhänge, Problematiken, Schönes, Hässliches aufzeigen; kann Menschen eine Plattform bieten. Das Scheinwerferlicht mag flackern oder funzelig sein – aber es ist dennoch da. Hier stehen keine Gatekeeper, die meinen, queere Themen seien Nische. 

Denn viele große Medien finden das noch immer: dass queere Themen eine Nische seien. Ich selbst, wie wohl viele queere Autoren oder Autorinnen kennen diese Momente: Ein weiteres Thema abgelehnt von einem großen Verlag, einer wichtigen Redaktion, einer reichweitenstarken Website. Die Begründung ist oft, dass „schon vor einem Monat ein queeres Thema auf der Seite war“. Oder „wir erstmal genug von Gender-Themen haben“. Man beginnt mit der Annahme zu leben, dass diese Themen wahrlich für die Nische sind. Dass sie ein großes Publikum nichts angehen – die haben schließlich ihre eigenen Probleme, wieso stören? Man beginnt mit der Annahme zu leben, dass man selbst diese Nische ist. Nicht für die große Bühne.

In den queeren Blogs, Magazinen und Websites sind es nicht die Gatekeeper, die auch noch die Texte, die Themen, die Meinungen redigieren und ihnen somit oftmals das Queere nehmen. Etwa dann, wenn Szenebegriffe entfernt werden. Oder jeder Begriff einem vermeintlich heterosexuellen Publikum erklärt werden muss. Die Sprache verliert so oftmals ein Drängen und eine Radikalität, die sie nötig hat. Oder aber es werden Worte falsch benutzt - transsexuell etwa da, wo transgender gemeint ist. In queeren Magazinen kann eine eigene Sprache entstehen. Oder ein Ton, der sich zu vielen anderen Tönen gesellt, die zusammen Harmonien bauen.

Unsere eigenen Magazine dürfen nicht der einzige Ort sein, an dem wir gehört werden

Doch: Ein Ton trägt erst mit der nötigen Resonanz richtig. Und das ist der Punkt, von dem aus Taylor Mac von der Bühne zum Berliner Publikum spricht. Für die vier Abende, an denen Taylor das Haus der Berliner Festspiele bespielte, gab sie die Regeln vor, konstruierte er sich den eigenen Rahmen – den sie auch jederzeit wieder sprengen konnte. Schließlich ist er eine Drag Queen.

Und so gilt es gerade für queere Menschen, den eigenen Tönen den größtmöglichen Resonanzraum zu geben. Queere Blogs, Magazine und Websites sind unglaublich wichtig. Sie sollten geschützt, erhalten – sogar ausgebaut werden. Doch sollten wir nicht denken, dass sie unsere einzigen Orte sind. Wir sollten auch unbeirrt und immer wieder vor den Gatekeepern stehen und ihnen sagen, dass wir wichtig sind. Keine Nische, kein Thema, das man einmal alle zwei Monate abhakt und dann wieder wegpackt.

An einem Punkt der Show von Taylor Mac glitten zwei riesige, aufgeblasene Penisse über das Publikum hinweg. Bewegt vom Publikum sollten sie den kalten Krieg symbolisieren: Ein Penis die USA, ein Penis die Sowjetunion. Aber auch das Patriarchat, die heteronormative Gesellschaft, die Unterdrückung. All das hätte ein queerer Mensch zum Platzen bringen können. Mit einer langen Nadel hinein in den Penis. Mit einem lauten Knall wären sie zerplatzt. Das ist genau die Lautstärke, die wir brauchen. 

Also dann, wir lesen uns. 

Eure Queers

  • teilen
  • schließen