Non-binäre Menschen, was bedeutet euch die Unisex-Toilette?

Die hat sich bisher kaum durchgesetzt. Welche Folgen hat es für euch, wenn ihr euch für eine Toilettentür entscheiden müsst?
Von Sophie Aschenbrenner und René_ Hornstein

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Liebe nicht-binäre Menschen,

ein Kollege hat neulich getwittert: „Unisex-Toiletten in Deutschland immer HÖCHST UMSTRITTEN außer halt in jedem ICE“ – und damit auf den Punkt gebracht, wie absurd der Streit über nicht geschlechtergetrennte Toiletten eigentlich ist. Denn es stimmt: Im Zug, im Flugzeug oder im Fernbus nutzen alle Menschen die gleichen Toiletten, ohne das groß zu hinterfragen. Auch in vielen Clubs und Bars gibt es geschlechtsneutrale Toiletten. Und die Toilette für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen ist in der Regel auch geschlechtsneutral. In New York sind Unisex-Toiletten schon eine Weile Pflicht.

In öffentlichen Räumen in Deutschland ist das anders: Ob im Büro, in der Uni oder im Museum, meist müssen wir uns für eine Toilettentüre entscheiden, wenn wir mal müssen. Für cis Menschen – also Menschen, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde – ist das ja auch kein Problem.

Wohl aber für diejenigen, bei denen das anders ist. Deswegen frage ich euch, liebe nicht-binäre und trans* Menschen: Wie findet ihr es, dass sich Deutschland noch immer so schwer tut mit Unisex-Toiletten? Für welche Tür entscheidet ihr euch, wenn ihr sagt: Ich bin weder Mann noch Frau? Wie geht es euch, wenn ihr männlich gelesen werdet, euch aber als Frau identifiziert, und dann auf dem Frauenklo von manchen Frauen im besten Fall irritiert angeschaut, im schlimmsten Fall tätlich angegangen werdet oder sogar sexualisierte Gewalt erlebt? Und wie reagiert ihr, wenn euch jemand auf die andere Toilette schicken möchte, weil er oder sie denkt, ihr habt euch nur vertan?

Was ist mit einem Schutzraum für euch?

Viele verteidigen geschlechtergetrennte Toiletten auch deswegen, weil sie – vor allem für Frauen – ein Raum sein können, der vor körperlicher Gewalt schützt. Nicht alle fühlen sich wohl bei dem Gedanken, die Toilettenräume mit cis Männern oder Menschen, die sie für Männer halten, zu teilen. Schlimm genug, dass wir darüber diskutieren müssen. Aber was ist mit einem Schutzraum für euch?

Steht die Toilettenfrage eigentlich für etwas Größeres, nämlich für die Akzeptanz von nicht-binären und trans* Menschen in unserer Gesellschaft? Oder findet ihr es eigentlich super, einfach immer die Tür mit der kürzeren Schlange nehmen zu können?

Wir sind gespannt auf eure Antwort.

Bis dahin

Eure cis Menschen  

Die Antwort:

Liebe cis Menschen,

der öffentliche Raum ist für viele Menschen unsicher und möglicherweise gewaltvoll – für mich, für Menschen, die sich keinem der binären Geschlechter weiblich und männlich zuordnen und für Menschen, die von Außenstehenden diesen binären Geschlechtern nicht ohne Fragezeichen zugeordnet werden können. Diese Gewalt kann sich auf der Straße abspielen, in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Supermärkten, Kneipen, Kinos, Sportclubs, Schulen und Hochschulen, Krankenhäusern oder in behördlichen Gebäuden. Diese Unsicherheit verstärkt sich nochmal in Räumen, die für bestimmte Geschlechter reserviert sind, so wie Umkleiden, Duschen oder Toiletten.

Es gibt bei manchen Menschen eine Anspruchshaltung, den Menschen in ihrer Umgebung immer ein binäres Geschlecht zuweisen zu können und bei Irritationen das Recht darauf zu haben, Auskunft über ihre Genitalien zu erhalten. Davon können trans*, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen ein Lied singen. Aber auch cis Menschen, die Geschlechterklischees nicht entsprechen, kennen das. Wir sind übergriffige Fragen und skeptische bis feindselige Blicke gewohnt. Diese Anspruchshaltung gegenüber uns verschärft sich in nach binären Geschlechtern getrennten Toiletten.

Viele non-binäre Menschen vermeiden es, auf öffentliche Toiletten zu gehen

Es kann passieren, dass ich als Person, die Geschlechterrollen nicht so entspricht, wie viele Menschen das erwarten, auf die andere Toilette geschickt werde, angeschrien werde, dass das Wachpersonal oder die Polizei geholt werden, meine verschlossene Toilettentür aufgebrochen wird oder ich körperlicher und sexualisierter Gewalt ausgesetzt bin. Darum vermeiden viele Menschen die Benutzung von binären Toiletten, indem sie zum Beispiel weniger trinken, sich den Toilettengang verkneifen oder an bestimmte Orte nicht mehr gehen. Damit schaden sie sich und ihrer Gesundheit und werden vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Wenn mir als nicht-binärer Person nur die Wahl zwischen zwei binären Toiletten gelassen wird, dann muss ich mich selbst dem falschen Geschlecht zuordnen, mich also selbst misgendern, um auf die Toilette zu gehen. Das ist schmerzhaft und selbstverleugnend. Es ist ein Akt psychischer und symbolischer Gewalt.

Wieso bezeichnen wir öffentliche Toiletten nicht einfach nach ihrer Funktion?

Wichtig wäre es dafür erst einmal, sich von der Idee zu verabschieden, dass das über Aussehen und Kleidung ausgedrückte Geschlecht zwangsweise mit bestimmten Genitalien einhergeht. In unserer Gesellschaft wird davon ausgegangen, dass Menschen zwei Sets von Genitalien haben und ihnen über ihr Aussehen und ihre Kleidung angesehen werden kann, welches von beiden Sets sie haben. Aber das stimmt nicht. 

Besser wäre es, wenn wir öffentliche Toiletten einfach nach ihrer Funktion bezeichnen und sie nicht entweder nur Frauen oder nur Männern zuweisen. Ein Beispiel: Die AG trans*emanzipatorische Hochschulpolitik hat entsprechende Schilder für Toiletten erstellt, die auch für Duschen oder Umkleiden anpassbar sind. Das Schild benennt ganz einfach, ob in dem Raum Urinale und Sitztoiletten oder nur Sitztoiletten sind. Menschen können dann selbst entscheiden, welche Funktion sie benutzen wollen. Auf den Schildern wird auf Formulierungen zurückgegriffen, die wirklich alle Geschlechter ansprechen (z.B. „all genders welcome“ oder „Toilette für alle Geschlechter“).

Wenn ich einem Menschen Gewalt antun will, dann hindert mich die Toilettentür nicht daran

Für die Planung neuer Gebäude schlage ich jedoch vor, gar keine Gruppenraumtoiletten mehr zu konstruieren, wenn das möglich ist, sondern viele separate Einzeltoiletten mit eigenen Waschgelegenheiten zu bauen. Diese könnten dann nur noch als „WC“ oder „Toilette“ gekennzeichnet werden und es stellt sich gar nicht mehr die Frage nach dem Geschlecht der Benutzer*innen. Möglich wäre auch ein Zwischenschritt: Man könnte die Beschriftung der Toiletten nach den Stockwerken eines Gebäudes (z.B. einer Schule oder eines Bürogebäudes) variieren. So könnten auf jeder zweiten Etage „All genders welcome“-Toiletten eingerichtet werden und auf den restlichen Etagen bleibt die Binarität erhalten. 

Ein weiterer Vorschlag: In einem Gebäude werden Gruppenraumtoiletten für alle Geschlechter eingerichtet und zusätzlich eine Toilette für Frauen, Lesben, inter*, nicht-binäre und trans* (FLINT) Personen. Das bedeutet, cis Männer wären von der Benutzung der einen Toilette ausgeschlossen, was eventuell dem Sicherheitsbedürfnis mancher Personen entspräche. Hier ist jedoch die Frage, ob nicht neue Normen aufgebaut werden, die es zum Beispiel trans* Männern erschweren, die FLINT-Toilette zu nutzen, weil sie für cis Männer gehalten werden. Die Geschlechterpolizei könnte auch hier wieder zuschlagen. An dieser Stelle möchte ich auch erwähnen, dass auch in ausschließlich Männern vorbehaltene Toiletten Mülleimer für Menstruationsartikel stehen sollten, denn auch Männer können menstruieren.

Ich als non-binäre Person fühle mich unwohl bei dem Gedanken, einen Toilettenraum mit trans*feindlichen Menschen zu teilen

Grundsätzlich stelle ich jedoch die Frage, inwiefern ein öffentlich zugänglicher Raum vor körperlicher Gewalt schützen kann. Die Toilette an sich besitzt durch ihr geschlechtsbezogenes Schild keinen machtvollen Mechanismus, um Menschen mit Gewaltintentionen fernzuhalten. Wenn ich einem Menschen Gewalt antun will, dann hindert mich die Toilettentür oder das Schild an ihr in der Regel nicht daran, es sei denn es gibt zusätzliche Hindernisse wie Drehkreuze und Wachpersonal. Diese Mechanismen sortieren Menschen aber im Zweifel nach zugeschriebenem Geschlecht aus und nicht nach Gewaltintention.

In der obigen Frage wird die These aufgestellt, dass sich nicht alle bei dem Gedanken wohl fühlen, die Toilettenräume mit cis Männern oder Menschen, die sie für Männer halten, zu teilen. Ich als non-binäre Person fühle mich auch sehr unwohl bei dem Gedanken, einen Toilettenraum mit trans*feindlichen Menschen zu teilen. 

Ein Schild „Toilette nur für trans*freundliche Menschen“ scheint mir das Problem aber auch nicht zu lösen. Ich denke, hier braucht es einen gesellschaftlichen Wandel. Und dieser Wandel könnte damit beginnen, dass ihr, liebe Leser*innen dieses Artikels, überlegt, an welchen Orten ihr Veränderungsprozesse hin zu geschlechtlich inklusiveren Toiletten, Umkleiden oder Duschen anstoßen könnt. Vielleicht könnt ihr ja eure Schule oder eure Firma dazu bewegen, mehrere „All genders welcome Toiletten“ einzurichten?

Eure non-binären Menschen

René_ Rain Hornstein, ist weiß, deutsch, Jahrgang 1986, Akademiker*in und Aktivist*in. René_ identifiziert sich als nicht-binär und wünscht sich das Pronomen „em“ oder andere nicht-binäre Pronomen. Em macht psychologische Forschung u.a. zu Trans*verbündetenschaft und internalisierter Trans*unterdrückung. Außerdem streitet René_ für die Rechte nicht-binärer, trans* und inter* Personen, z.B. über juristischen Aktivismus. Mehr Infos unter: www.rhornstein.de und @HornsteinRene_

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