Queers, müsst ihr euch der Szene anpassen?

Fühlt ihr euch verpflichtet, beim CSD auf die Straße zu gehen oder in Schwulenbars zu tanzen?
Von Niko Kappel und Florine Pfleger

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Liebe Queers,

in Stuttgart gab es Anfang dieses Jahres einen großen Aufschrei, weil die städtische Gaststättenbehörde eine Schwulenbar als „Gefahr für die Sittlichkeit“ einstufte. Der Bar sollten Dating-Partys, das Betreiben eines Darkrooms und sogar das Abspielen von Musik verboten werden. Sofort und zum Glück solidarisierten sich Tausende Menschen mit den Betreibern. Die Stadt ruderte zurück.  

Doch dieses Beispiel steht für etwas: Auch 2020 wird eure Sexualität immer noch oft zu einem Politikum gemacht. In der heteronormativen Medienberichterstattung liest man dann Überschriften wie „die Szene wehrt sich“ oder „Großdemo der Schwulenszene“. Aber: Wie sehr fühlt ihr euch überhaupt als Teil einer Szene? Klar, Journalist*innen müssen immer irgendwie einordnen. Aber setzt euch sowas nicht unter Druck? 

Wenn man sich mit Minderheiten beschäftigt, vergisst man schnell, dass jede Minderheit aus einzelnen Individuen besteht. Das führt zu Stereotypen, die diskriminierend sein können: Nicht jede Lesbe hat kurze Haare und nicht jeder Schwule steht auf Madonna. Wie schlimm ist es für euch, dass ihr wegen eurer sexuellen Orientierung oft über einen Kamm geschert werdet? Oder stimmt es auch teilweise? Verändert ihr euch für die Szene? Habt ihr das Gefühl, bestimmten Kriterien entsprechen zu müssen, um dort bestehen zu können? 

Und: Gibt es Situationen, in denen das besonders krass ist, zum Beispiel während des Christopher Street Days? Fühlt ihr euch schlecht, wenn ihr lieber daheim sitzt und Netflix schaut, während eure Freund*innen beim CSD feiern und Party-Bilder posten?

Wir sind gespannt auf eure Antwort.

Eure Heteros

Die Antwort:

Liebe Heterosexuelle,

die jetzt-Lesbe, die hier immer wieder alle mit ihrer Frauenliebe nervt, behauptet nun etwas, und zwar rotzfrech: Ich definiere mich nicht vorrangig über meine Sexualität. Das war von Anfang an so. Während sich andere nach ihrem Outing ihre Rainbow-Treffs gesucht haben, habe ich unverändert weitergelebt. Es gab kein erzählenswertes Davor und Danach. Vielleicht roch mein Bett morgens anders. Vielleicht war ich befriedigter.

Funktioniert hat das so easy, weil meine Umgebung offen war. Es gab keine Regenbogentorte, aber man hat mich weiterhin akzeptiert und geliebt. Im Gegensatz zu anderen wurde ich nie gezwungen, mich großartig über meine Sexualität zu definieren. Aber auch freiwillig habe ich mich nie dazu entschieden, das zu tun.

Ich habe mich zum Beispiel als Teil eines Vereins gesehen, als Teil einer Hochschule oder einer Freundesgruppe, aber nie als Teil der LGBTQI-Szene oder speziell der Lesben-Szene. Für euch, liebe Heteros, gehört man als Lesbe wahrscheinlich automatisch dazu, und ich denke, dass das auch die Meinung einiger queerer Menschen ist. Deshalb will ich es nochmal so ausdrücken: Ich habe nie aktiv etwas mit der oder für die Szene unternommen. Daher habe ich mich auch nicht an ihr orientiert, habe die Kriterien gar nicht gekannt.

Ich brauche den Rückhalt der Szene nicht, weil andere für mich gekämpft haben

Das heißt aber lange nicht, und jetzt wird es spannend für mich, dass ich ein reines Gewissen gegenüber der Szene habe. Mir ist sehr bewusst, warum ich die Möglichkeit habe, mich gegen diese Zugehörigkeit zu entscheiden. Ich brauche den Rückhalt nicht, weil andere gekämpft haben. Andere, die gezwungen wurden, sich zu definieren, die dafür Qualen erlitten haben, körperlich und seelisch. Dazu zähle ich nicht nur die Lesbenbewegung, sondern auch die Schwulenbewegung, und alle, die noch etwas zum Wohle der LGBTQI-Community beigetragen haben.

Manchmal macht es mich richtig wütend, wenn ich von queeren Demos lese. Denn dann bin ich wütend auf mich selbst: Was bin ich für ein egoistisches, undankbares Stück! Ich bin es der Community schuldig! So richtig herausfiltern, wie viel sexuelle Identifikation dahintersteckt, fällt mir schwer. Denn ähnlich reagiere ich auch auf groß angelegte FFF-Demos. Egal, ob ich mich der speziellen Gruppe zugehörig fühle oder nicht: Wenn jemand für meine Belange, für meinen Nutzen auf die Straße geht, und ich daheim rumsitze, dann finde ich mich doof. Das kennt ihr bestimmt auch, liebe Heteros.

Ach, und ihr hattet noch speziell wegen des Christopher-Street-Days gefragt: Dort gilt das schlechte Gewissen für mich nicht. Die gelallten Inhalte dort versteht eh keiner.

Ich hoffe, ich konnte euch regenbogenbunt erleuchten! Aber da ich nicht weiß, für wie viele Homos ich mit meiner Position sprechen kann, unterschreibe ich heute mal vorsichtig mit:

eure jetzt-Lesbe

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