Frauen, habt ihr Angst davor, unattraktiver zu werden?

Machen sich Frauen mehr Gedanken um's Älterwerden als Männer?
Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Liebe Frauen,

die Welt ist grausam und dumm. Der Beweis: Sie hat das Konzept der MILF hervorgebracht. Also eine Bezeichnung für Frauen, die in einem Alter sind, das gemeinhin als Mütter-Alter gilt, also mindestens über 40, und – festhalten – trotzdem körperlich attraktiv sind! Wörtlich übersetzt: Die man (trotz ihres Alters) f****n würde. Aus Sicht nicht weniger Männer eine der höchsten und seltensten Auszeichnungen für eine Frau. 

MILF ist vor allem eine Porno-Kategorie. Und natürlich ist die Pornowelt durchwuchert von Stumpfsinn und Sexismus, weswegen eine Einteilung in MILFs und Nicht-MILFs im echten Leben kaum Bestand hat. Trotzdem verweist dieses Phänomen – wenn auch hässlich zugespitzt – auf reale Zustände. Denn hier wird impliziert, dass attraktive Frauen ab einem gewissen Alter die Ausnahme von der Regel sind. Und das scheint zumindest teilweise dem Empfinden vieler Hetero-Männer zu entsprechen. 

Packt euch die blanke Angst, wenn ihr an euer 40-jähriges Äußeres denkt?

In einer Studie der Universität von Chicago etwa wurde gut belegt, dass die Attraktivität von Gesichtszügen bei Frauen nach der Menopause von Männern als deutlich geringer wahrgenommen wird als vor der Menopause. Im Vergleich dazu war dieser Unterschied kleiner bei der Bewertung von männlichen Gesichtern der entsprechenden Altersgruppen durch Frauen. Heißt: Männer scheinen im Schnitt länger als hot zu gelten als Frauen. Und wenn wir schon dabei sind – eine andere Studie kommt zu dem Schluss, dass Frauen, unabhängig von ihrem eigenen Alter, tendenziell Männer attraktiv finden, die immer eher etwas älter als sie selbst sind. Während die von Männern wahrgenommene Attraktivität von Frauen ihren Höhepunkt Anfang 20 hat und ab da konstant abnimmt. Vermutet wird, dass das damit zu tun hat, dass in diesem Alter Frauen auf dem Zenit ihrer Fruchtbarkeit sind. Schon irgendwie deprimierend. Übrigens auch für uns Männer. Denn wirklich praktisch ist es auch nicht, sein Leben lang auf Erstsemester zu stehen.

Aber, wohlgemerkt: Hier ist ja auch nur die Rede von körperlicher Attraktivität – es ist damit längst nicht gesagt, dass Männer in jedem Alter 20-jährige Partnerinnen wollen. Und natürlich bleibt auch bis zu einem gewissen Grad offen, wie viel hier veränderbare gesellschaftliche Normen und Trends mit reinspielen. 

Trotzdem stellt sich uns die Frage, wie sehr euch das belastet. Erlebt ihr eure Körper ab Anfang zwanzig in einem ständigen Verfallsprozess begriffen? Packt euch die blanke Angst, wenn ihr an euer 40-jähriges Äußeres denkt? Wie sehr seid ihr unter Druck, die euch verbleibende Jugendlichkeit zu nutzen und möglichst viele oder möglichst den „richtigen“ Partner zu finden? Hasst ihr uns dafür, dass wir euch scheinbar ab einem bestimmten Alter einfach weniger oder nur noch als irgendwelche sexuell irrelevanten Wesen wahrnehmen? Oder eben als extrem rares MILF-Unicorn? Während wir selbst unsere Bierbäuche vor uns her schleppen und uns dabei für George Clooney halten? Oder arbeitet ihr darauf hin, euren Selbstwert komplett vom männlichen Blick unabhängig zu machen?

Eure Männer

Die Antwort:

Liebe Männer, 

ich bin jetzt Ende 20 und ich habe Anfang dieses Sommers eine Beobachtung gemacht: Meine Haut lässt nach. Es fiel mir auf, als ich vor meinem Badspiegel stand und mir eine Kette umhängte. Da, wo sich die Kette im Sommer zuvor immer auf glatte Haut gelegt hatte, fügte sie sich nun in eine Furche ein, die ich vorher noch nie bemerkt hatte. Eine Falte, beim Übergang von Hals zu Dekolleté. Ich zog mein T-Shirt am Kragen ein Stück nach unten, um mehr sehen zu können. Mehrere feine Falten schlängelten sich wie ein Bach erst weit über mein Dekolleté, um dann in der Ritze zwischen den Brüsten zu münden. Ich hatte das schon einmal gesehen. Bei meiner Mutter. Einer alten Frau.

Als ich da so vor dem Spiegel stand, krochen in mir zwei Gedanken hoch. Erstens: Der Verfall setzt ein. Zweitens: Eigentlich könnten wir auch heiraten.

Für den zweiten Gedanken schäme ich mich in diesem Kontext ein bisschen, aber er war nun mal da. Die Logik dahinter geht ungefähr so: ‚Du wirst jetzt alt und unattraktiv und das erträgt sich leichter, wenn man in einer stabilen Beziehung ist – und nicht mehr nach einem Partner suchen muss.‘ Denn dabei spielen optische Merkmale (Haarfülle, Straffheit, Körpergewicht) ja traditionell eine wichtige Rolle. Ich war in diesem Moment also einfach extrem dankbar, schon in einer guten Beziehung angekommen zu sein – wo Äußerlichkeiten inzwischen nicht mehr so wichtig sind. 

Niemand schaut sich selbst gerne dabei zu, wie er oder sie schrumpeliger und unförmiger wird

Ich glaube zwar nicht, dass ich jenseits der 40 vollkommen unansehnlich sein werde – das sind in meinen Augen wirklich die allerwenigsten Frauen. Aber ich werde sicher noch tiefere Falten auf der Brust haben, einige graue Haare auf dem Kopf, mehr Fett an Hüften und Bauch und noch mehr Cellulite an Hintern und Beinen. Soweit zumindest meine Prognose.  

Also: Ja, es gibt die Momente, in denen ich Sorge habe, unattraktiver zu werden. Niemand schaut sich selbst gerne dabei zu, wie er oder sie schrumpeliger und unförmiger wird. Ich denke aber, dass meine Angst größer würde, wenn ich plötzlich wieder Single wäre – und mich wirklich nochmal mit der Frage beschäftigen müsste, ob ich jetzt (etwas faltiger und dicker als früher) weniger gut beim Dating ankomme. 

Ich gebe übrigens (mindestens) einem Mann die Mitschuld daran, dass ich denke, man hätte es mit mehr Cellulite und grauen Haare auch automatisch schwer, Liebe zu finden. Mein Vater funktionierte nämlich so, wie ihr das oben beschreibt: Jüngere Frauen fand er schön, ältere Frauen nicht schön. Meine Mutter jedenfalls hielt er nicht lange für eine MILF. Er suchte sich jüngere Frauen und kommentierte immer wieder, dass unsere Mutter eben schon lange nicht mehr richtig in Schuss sei. Das mag ein besonderer Fall gewesen sein. Aber im Grunde haben wir das doch alle genau so gelernt: Frauen werden nicht schöner mit der Zeit. Und wenn, dann sind sie eine Ausnahme. Gleichzeitig hat es mir auch die Gegenseite belegt: Männer müssen sich wenig Sorgen machen, schon mit 40 altersbedingt ausrangiert zu werden. Dass ihr das bei Frauen anders handhabt und der weiblichen Attraktivität – wenn auch unbewusst – ein Verfallsdatum aufstempelt, finde ich natürlich nicht besonders prickelnd.

Es gibt aber auch die guten Momente: Die, in denen ich mit Ver- und Bewunderung für mich selbst feststelle, dass mir Äußerlichkeiten insgesamt jährlich egaler werden. Wie hätte ich die Falten am Hals sonst so lange übersehen können? Seit ich mich erwachsen fühle, schaue ich seltener in den Spiegel, stelle ich mich kaum mehr auf die Waage. Wenn eine Hose zu eng wird, hungere ich mich nicht zurück in sie hinein, wie ich es als unsicherer Teenie getan hätte. Ich gehe los und kaufe eine größere. Und ob ihr mich dann weniger gut finden könntet – daran denke ich meistens überhaupt nicht mehr. Je reifer ich werde, desto mehr schließe ich auch Frieden mit mir. Ähnliches habe auch schon von vielen anderen Frauen gehört. Was ich dagegen noch nie gehört habe: Dass irgendeine von uns den Wunsch hätte, noch ein paar Jahre länger von Männern sexualisiert zu werden. Auch und vor allem nicht als MILF.

Eure Frauen

*Anm. der Redaktion: Unsere Autorin möchte nach der Veröffentlichung dieses Textes weder auf Falten untersucht noch zu ihrer familiären Situation befragt werden. Sie hat sich deshalb entschieden anonym bleiben zu wollen. Wir respektieren das. Ihr Name ist uns bekannt.

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