Männer, habt ihr nie gelernt, richtig zu putzen?

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Liebe Männer,

vor Kurzem habe ich mit einer Freundin per Video-Call telefoniert und im Hintergrund spielten sich unglaubliche Szenen ab. Ihr Freund wollte nämlich saubermachen. Zum ersten Mal seit Langem. Saubermachen, das hieß in diesem Fall: einen Mob unter den Wasserhahn halten und dann den Boden wischen. Einen Boden, der vorher nicht gesaugt worden war. Mit sehr viel Wasser. Und sehr wenig Koordination. Meine Freundin rollte nur noch mit den Augen.

Das hört sich jetzt wahrscheinlich spießig an, aber der Gedanke daran, dass ein klitschnasser Wischmob mal hier, mal dort über einen Holzboden fährt und jede Menge Staubflusen hinter sich herzieht, macht auch mich richtig kirre. Meine Mutter brachte mir nämlich schon als Kind bei: Der Mob wird erst in einem Eimer voll Wasser gemischt mit sanftem Putzmittel nass gemacht, dann ausgewrungen, bis er nicht mehr tropft, dann in Achterbahnen über den Boden gezogen. Nur so, das habe ich gelernt, wird der Boden richtig fleckenfrei sauber.

Er verstand unter „Bad putzen“, die Ablagen einmal kurz mit Klopapier abzuwischen

Natürlich sagen der Freund meiner Freundin, ihre Empörung über seinen Putzstil und meine Achterbahnen beim Wischen noch rein gar nichts darüber aus, ob es, was das Thema Putzen angeht, wirklich einen signifikanten Unterschied zwischen Frauen und Männern gibt. Aber Statistiken quantifizieren das. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur ergab 2019 beispielsweise, dass Frauen und Männern Sauberkeit zwar gleich wichtig ist. Auf die Frage „Wer putzt bei Ihnen zu Hause?“ antworteten aber 84 Prozent der Frauen mit „Ich selbst“, von den Männern sagten das nur 58 Prozent.

Zur Gründlichkeit beim Putzen sagen die Statistiken zwar entweder wenig oder gar nichts aus – aber ich habe da schon so einiges beobachtet, das mich vermuten lässt: Einige von euch nehmen es nicht so genau damit. Einmal wurde ein Freund von mir von seiner Mitbewohnerin zurechtgewiesen, weil er unter „Bad putzen“ offenbar verstand, die Ablagen einmal kurz mit Klopapier abzuwischen. Und vor Kurzem kam ich dazu, als ein Freund nur den oberen Teil des Badspiegels putzte – weil vor dem unteren Teil ja die Kosmetiktuben und Zahnputzbecher stehen. Es sah ein bisschen aus, als würde er sie als Schablone nutzen, um das Putzen spannender zu machen.

Nehmt ihr diesen Unterschied denn auch wahr?

Natürlich gibt es immer Gegenbeispiele. Ich habe schon mit Gegenbeispielen zusammengelebt. Und einige der Gegenbeispiele würden vermutlich den Vorwurf umdrehen und sagen: Du putzt nicht richtig. Will sagen: Natürlich gibt es Männer, die oft und gründlich putzen. Und Frauen, die selten und ungründlich putzen. Aber es gibt sie meiner Erfahrung nach eben seltener als andersherum.

Also liebe Männer, was meint ihr: Nehmt ihr diesen Unterschied auch wahr? Putzt ihr seltener und weniger gründlich als eure Schwestern, Mitbewohnerinnen, Partnerinnen? Warum? Habt ihr etwa gerade erst gelernt, dass man vor dem Wischen Staubsaugen sollte und dass man Staub nicht mit Klopapier beseitigt? Haben euch eure Mütter nicht schon als Kinder gelehrt, wie Dinge wirklich sauber werden? Oder findet ihr einfach: „Das passt schon so“? Eure Frauen

Liebe Frauen,

gut, an den Statistiken lässt sich ja kaum was drehen. Wir sind kleine Schmutzferkel. Verzeiht! Oink, oink. Deutlich mehr von euch putzen, keine Frage. Und das hat definitiv mit Erziehungsmustern zu tun, die immer noch Mädchen eher auf ein Leben als Hausmäuschen und Jungs eher auf ein Leben als erfolgreicher Karriereheld vorbereiten sollen. Das muss nicht einmal bewusst oder beabsichtigt sein.

Warum zur Hölle sollte man täglich das Waschbecken oder die Toilette putzen?

Meine Mutter etwa hat wirklich geduldig versucht, mir und meinen Brüdern putzen als tägliche Selbstverständlichkeit zu vermitteln. Aber unsere medialen Männer-Vorbilder – die putzten nicht. Sie hatten Wichtigeres zu tun. Wie übrigens auch unser Vater. Mittlerweile putzen wir zwar so oft und gründlich, wie meine Mutter es sich gewünscht hätte. Aber nur, weil es niemand mehr für uns macht.

Soweit also die Erklärung für unsere tendenzielle Putzträgheit, der ich aber noch eine weitere These nachschieben würde. Die von euch zitierte Umfrage ergab auch, dass ​​46 Prozent der Frauen nahezu täglich Toiletten und Waschbecken putzen und nur 27 Prozent der Männer. Und dieses Detail ergänzt vielleicht ganz gut die Erklärung „Männern wurde nie beigebracht, zu putzen“ mit „Manchen Frauen wurde beigebracht, zu viel zu putzen“. Denn, pardon, aber warum zur Hölle sollte man täglich das Waschbecken oder die Toilette putzen? (im Sitzen pinkelnde Männer vorausgesetzt). Ja, klar, man sieht auf weißer Keramik schneller kleine Unreinheiten – aber geht es dabei wirklich um Hygiene oder darum, dass es nach Hygiene aussieht?

Also ja, wir putzen definitiv seltener – aber zumindest gefühlt auch mit etwas mehr Zweckdienlichkeit und weniger Performance-Charakter. Ein paar Beispiele aus meinem bisherigen Beziehungsleben: Partnerin X warf mir gelegentlich vor, nicht oft genug zu saugen. Wenn ich dann saugte, war sie erstaunt darüber, dass ich auch unter den Möbeln und in Ecken saugte, wo sich trotz ihres zweiwöchentlichen Saugens Weberknechte an Hausstaubmilben labten. Partnerin Y legte viel Wert darauf, dass morgens das Bett gemacht wurde, so richtig Hotel-mäßig. Gleichzeitig ließ sie darunter ihre Schmutzwäsche auf dem Boden liegen.

Wir dürfen Jungen nicht vermitteln, dass putzen unter ihrer Würde sei

Auch das sind natürliche völlig unrepräsentative Beispiele (die mich scheinbar so sehr empört haben, dass ich sie mir tatsächlich über Jahre hinweg gemerkt hab.) Und auch hier ist sicher oft das Gegenteil der Fall. Trotzdem halte ich es nicht für unwahrscheinlich, dass euch nicht nur beigebracht wurde, mehr zu putzen, sondern auch, viel Wert darauf zu legen, dass andere euch für saubere Menschen halten. 

Ich würde also sagen: Wir sollten Männern unbedingt von klein auf beibringen, mehr Verantwortung im Haushalt zu übernehmen und ihnen nicht vermitteln, dass putzen unter ihrer Würde sei. Und dadurch wiederum Frauen die Freiheit geben, auch mal drauf zu scheißen. Damit sie nicht die gleichen Putzneurosen abkriegen wie Mütter- und Großmüttergenerationen vor ihnen, denen mit einer männerdominierten Auffassung von Arbeit und Haushalt eingetrichtert wurde, ihr Selbstwert sei primär von glänzenden Armaturen, reinlichen Arbeitsflächen und sauber gestutzten Vorgartenhecken abhängig.

Von diesem Freund, der Holzböden klitschnass wischt, möchte ich mich an dieser Stelle übrigens ausdrücklich distanzieren. Bevor ich einen Fußboden reinige, prüfe ich natürlich erstmal um was es sich handelt: Laminat, Fliesen, Holz, unbehandelt, lackiert, gewachst, geölt? Und je nachdem beinhaltet mein weiteres Vorgehen dann eine Vorreinigung mit einem trockenen Bodenwischer aus Baumwolltuch oder einem Staubsauger mit Parkettdüse. Ein unbehandelter Holzboden wird dann anschließend höchstens nebelfeucht und mit einem rückfettenden Putzmittel behelligt, wobei ich – Kopfschüttel – keinen „Achterbahnen“ folge, sondern selbstredend der Richtung der Maserung. 

Also so, oder ich spuck einfach kurz auf die gröbsten Flecken, wisch mit einer alten Unterhose drüber und sag dann laut: „Das passt schon so.“

Propere Grüße,

Eure Männer

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