Das Herz ist beim Anderen, aber die Klamotten sind immer noch daheim. Richtig so!

Das Herz ist beim Anderen, aber die Klamotten sind immer noch daheim. Richtig so!

Foto: Shanna Camilleri / Unsplash

Bevor ich abends meine Wohnung verlasse, um meinen Freund zu besuchen, ziehe ich mich um. Nicht irgendwas Schickes, damit er denkt, dass ich mich immer noch nicht gehen lasse, sondern einfach das, was ich am nächsten Tag anziehen will. Der Vorteil daran ist, dass ich weder an diesem Abend noch am folgenden Morgen jeweils eine Garnitur Wechselklamotten mit mir herumtragen muss, sondern bloß Socken und Unterwäsche. Ich finde das praktisch: frische Kleidung und leichtes Gepäck, eine Kombination aus dem Paradies!

Wenn ich mit Freunden über diese Taktik spreche, machen diejenigen, die auch mal eine Beziehung geführt haben, in der die Partner in zwei verschiedenen Wohnungen wohnten (also die meisten), runde Verwunderungsaugen. Und unter den runden Augen sagt der Mund genauso verwundert: „Hast du etwa kein Fach in seinem Schrank, für deine Sachen?“ 

Nein, habe ich nicht. Und ich will auch keins. Dabei hat er mir sogar eins angeboten. Als ich es ablehnte, war er kurz gekränkt, weil er befürchtete, das könnte so eine Ich-lege-mich-nicht-gerne-fest-Sachen-beim-Partner-lassen-oh-Gott-das-ist-mir-zu-viel-Commitment-Nummer sein. Ist es aber nicht, ich schwöre. Schwor ich auch ihm. Die Entscheidung, meine Sachen nicht aufzuteilen, sondern in meiner eigenen Wohnung zu horten, hat andere Gründe. Einen völlig banalen und einen emotionalen.

Der banale Grund ist, dass Alltagslogistik nicht gerade meine Stärke ist und mir darum einfachste Aufgaben schnell sehr komplex erscheinen. Wäsche waschen, einkaufen, Sport machen, das Rad zur Reparatur bringen, zur Post gehen, kochen, die Zeitung lesen, Freunde treffen: Was davon ich wann am besten wie erledige, was sich dafür wann am besten wo befindet und was ich darum wann wohin mitnehmen muss, das alles bringe ich selten geordnet in meinem Gehirn unter. Darum neige ich dazu, mich zu verzetteln, sodass ich am Ende irgendwas schnell zusammenraffen oder irgendwodrin umständlich kramen muss, damit alles hinhaut. Voraussetzung für das Hinhauen ist aber, dass sich alles, was ich zusammenraffen oder in dem ich kramen kann, gesammelt an einem einzigen Ort befindet.

Wäre ich in der Lage, vollständige Inventarlisten in meinem Kopf zu führen, die ich durchgehen kann, könnte ich natürlich sagen: Dieses Paar Schuhe lasse ich bei meinem Partner und wenn ich am nächsten Wochenende zum Geburtstag meiner Oma fahre, für den ich diese Schuhe brauche, denke ich Freitagmorgen, wenn ich seine Wohnung verlasse, auf jeden Fall daran, sie mitzunehmen. Die Realität sähe aber leider so aus, dass ich Samstagmorgen zehn Minuten, bevor ich zum Zug muss, merke, dass die Schuhe in der anderen Wohnung sind und ich darum in dreckigen Sneakers zu Oma muss.

Wenn ich anfinge, meine Sachen in der Wohnung zu verteilen, würde ich vom Gast zur Bewohnerin

Aber selbst, wenn es diese Inventarlisten in meinem Kopf gäbe, würde ich die Schuhe trotzdem daheim im Regal lagern. Denn der emotionale Grund für meine Verweigerungshaltung ist, dass ich gerne ein Zuhause habe. Mit Betonung auf ein. Ein einziges. Es fühlt sich für mich völlig falsch an, meine Besitztümer zweizuteilen, nämlich so, als würde ich mich selbst zweiteilen. Genauso schlimm fände ich es aber, meine Sachen zu verdoppeln, um in beiden Wohnungen die gleiche Ausstattung zu haben. Ich hege und pflege meine überschaubare Garderobe mit Stolz und finde es gut, nicht allzu viel Kram anzuhäufen.

Würde ich einen Teil meiner Sachen in die Wohnung meines Partners verlagern, würde  das außerdem nicht nur mein Zuhause verändern, sondern auch seins. Und zwar nicht nur für ihn, sondern auch für mich. Das Schönste an dieser Wohnung, für die ich zwar einen Schlüssel habe und in der ich viel Zeit verbringe, ist für mich, dass es seine Wohnung ist. Man sieht ihr an, dass er dort wohnt, und ich begebe mich gerne in dieses bewohnte Umfeld, das anders aussieht, anders riecht und sich anders anfühlt als mein eigenes. In dem es wenig Spuren von mir selbst gibt und in dem ich mich trotzdem wohl fühle. Ich bin dort Gast und das gefällt mir. Ein Ehrengast zwar, aber trotzdem nur vorübergehend da. Und das ist jedes Mal ein bisschen wie Ferien machen. Ich kann nirgends so gut runterkommen wie dort, frei von allen Verpflichtungen und sicher eingehegt von seinen Dingen.

 

Wenn ich jetzt allerdings anfinge, mein Hab und Gut dort zu verteilen, mir den Ort oder Teile davon zu Eigen zu machen, dann ginge das verloren. Denn dann würde ich zur Bewohnerin dieser Wohnung und müsste mich ihr gegenüber auch so verhalten. Sie putzen und den Müll runterbringen, mich um sie sorgen, wenn etwas kaputt ginge. Ich müsste die Wohn-Regeln meines Freundes übernehmen und befolgen, sie eventuell sogar modifizieren. Und dann würde die Wohnung ihre Gemütlichkeit verlieren, die ja vor allem daraus entstanden ist, dass mein Freund sich jahrelang in sie hineingewohnt und sie zu seinem Zuhause gemacht hat.

 

Wenn wir zusammenziehen, ja, dann können wir gemeinsam ein neues Zuhause aufbauen. Eines, in dem die Sachen von uns beiden ihren Platz haben und in dem unsere gemeinsamen Regeln gelten. Aber bis dahin soll in beiden Wohnungen alles so bleiben, wie es ist. Damit jeder von uns Gast beim anderen sein kann. Und damit ich meine Schuhe nicht immer gerade dort habe, wo ich selbst nicht bin.

 

Dieser Text stammt aus der jetzt-Redaktion. Die Autorin möchte gerne anonym bleiben, damit nicht noch mehr Menschen es seltsam finden, dass sie kein Fach im Schrank ihres Freundes hat – oder sie fragen, wann sie denn jetzt endlich mal mit ihm zusammenzieht.

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