In der Pandemie ist mein sozialer Muskel erschlafft

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Ich erinnere mich an diesen Abend vor ein paar Monaten. Er war sehr schön, wir waren zu viert, es gab Wein und leckeres Essen und gute Gespräche. Genau das, was ich dringend mal wieder gebraucht hatte. Aber dann merkte ich, wie ich müde wurde. Lange vor der Zeit, zu der ich normalerweise müde werde. Meine Zunge wurde ganz schwer und das lag nicht am Alkohol. Ich war einfach erschöpft. Warum? Der anstrengenden Arbeitswoche wegen? Oder hatte ich zu viel gegessen? Und dann erschrak ich innerlich (und wurde dadurch immerhin wieder etwas wacher), weil mir etwas bewusst wurde: Ich bin aus dem Training! Ich bin diese Art von sozialem Kontakt nicht mehr gewöhnt! Hilfe – ich habe meine Geselligkeit verlernt!

Mehr als ein Jahr ist es jetzt her, dass wir in vollen Bars waren, mit beschlagenen Scheiben und ständigen Anremplern, weil sich wieder jemand durch die Menge aufs Klo drängelte. Auch Abende an einem voll besetzten Tisch, an dem alle laut durcheinander redeten und herzhaft lachten, fanden das letzte Mal im Februar 2020 statt, vielleicht noch Anfang März. Aber dann: Ende. Abstandsregeln, Kontaktbeschränkungen, Isolation. 

Ich habe Angst, dass ich vielleicht gar nicht mehr ausgelassen sein kann

Jetzt, da endlich geimpft wird, hoffen wir alle darauf, dass es bald wieder anders wird. Dass wir uns wieder treffen und ohne Abstand zusammen feiern und tanzen und knutschen und lachen können. Viele fühlen sich sozial völlig ausgehungert und glauben darum, dass sie so richtig über die Stränge schlagen werden, wenn es wieder möglich ist. Aber ich habe Angst. Davor, dass ich gar nicht mehr ausgelassen sein kann. Dass mein sozialer Muskel erschlafft ist. Ich ihn erst mal wieder trainieren muss – und dass das vielleicht nicht funktioniert.

Ich lebe in Belgien, dessen niedlich benannte Corona-Maßnahme, der sogenannte „Knuffelcontact“, im vergangenen Jahr berühmt wurde. „Knuffelcontact“ bedeutet, dass jeder Mensch nur einen weiteren Menschen aus einem anderen Haushalt regelmäßig drinnen und ohne Abstand und Maske treffen darf. Offiziell aufgehoben wurde die Regel bis heute nicht. Und obwohl ich mich nicht in aller Strenge daran gehalten habe, ist die Bilanz meiner Sozialkontakte seit dem zweiten Lockdown, der im vergangenen Herbst begann, für meine Verhältnisse erschreckend (wenn auch epidemiologisch sinnvoll): Mein Partner und ich haben seitdem mit einem anderen Paar und mit einer einzelnen Person unmaskiert und länger als 30 Minuten Zeit in einem Raum verbracht. Und das auch nur maximal einmal im Monat, eher sogar seltener. Eine Ausnahme waren die Weihnachtstage, an denen wir, eingerahmt von Quarantänen und PCR-Tests, unsere Familien in Deutschland gesehen haben.

Die Rückreise-Quarantäne nach Weihnachten kam mir wie Urlaub vor

Weihnachten war vielleicht sogar der Moment, an dem mir mein erschlaffter Muskel noch stärker bewusst geworden ist als bei dem Abendessen mit dem befreundeten Paar. Weil der mit den Besuchen verbundene Stress, die Testerei und die unter der Oberfläche trotzdem immer schwelende Angst, jemanden anzustecken oder angesteckt zu werden, einfach sehr ermüdend war. Aber auch, weil ich so viele andere Menschen (wir waren sechs Erwachsene und zwei Kinder, insgesamt drei (!) Haushalte) gar nicht mehr gewöhnt war.

Wenn am Tisch mehrere Gespräche gleichzeitig geführt wurden, drangen sie alle auf einmal in meine Ohren und mein Gehirn, so, als sei da früher ein Filter gewesen und jetzt verloren gegangen. Oder eben so, als würde ich jetzt normalerweise einen Muskel aktivieren, der mich stabilisiert und mir dabei hilft, mich auf ein Gespräch zu konzentrieren, aber auch flexibel in ein anderes zu wechseln. Aber da war nichts mehr zum Anspannen. Muskelkraft weg. Ich war so überfordert, dass mir die Rückreise-Quarantäne nach Weihnachten, als wir wieder nur zu zweit tagelang auf dem Sofa saßen, beinahe wie Urlaub vorkam.

Es gibt nichts, was ich zur Vorbereitung tun könnte, denn es gibt kein Muskelaufbau-Programm für Geselligkeit

Das Schlimmste ist: Gleichzeitig fehlen mir die echten, physischen, völlig un-digitalen sozialen Kontakte unendlich. Manchmal vermisse ich meine Freund*innen (von denen die meisten auch noch durch eine aktuell für nicht-essenzielle Reisen geschlossene Landesgrenze von mir getrennt sind) so sehr, dass ich fluchen und heulen will. Und ab und zu tue ich das dann auch einfach, was soll ich auch sonst machen? Der Gedanke, dass mich Tage oder Abende mit ihnen ermüden könnten, wenn ich sie demnächst hoffentlich wieder treffen darf, macht mich traurig. Und es gibt nichts, was ich in Vorbereitung darauf tun könnte. Es gibt kein 30-Tage-Yoga-Challenge und kein Muskelaufbau-Programm für Geselligkeit. Kein Videocall kann mich darauf vorbereiten, wie ein Abend ohne ausgeschaltete Mikros und „Handheben“-Icons ablaufen wird. Nämlich laut und chaotisch. Ich will diesen Abend unbedingt. Und befürchte trotzdem, früher nach Hause und ins Bett gehen zu müssen. 

Ich hoffe aber einfach darauf, dass ich schnell wieder ins Training komme. Dass ich mich von netten über ausgelassene zu eskalierenden Abenden hocharbeiten kann. Vielleicht muss ich, wenn wir dereinst alle geimpft sind, meine eigene 30-Tage-Challenge starten: jeden Abend ein Treffen, erst mit einer, zum Schluss mit 30 Personen, die alle möglichst laut reden und sich gegenseitig ins Gesicht fassen müssen. Es wird anstrengend werden. Aber auch wunderschön.

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