Frauen, wieso engagieren sich so viele von euch fürs Klima?

Liegt das an Vorbildern wie Greta Thunberg? Und fühlt ihr euch alleingelassen?
Von Niko Kappel und Caroline Kunz
querfrage klima frauen cover

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Liebe Frauen,

Greta Thunberg und Luisa Neubauer diskutierten mit Angela Merkel über das Pariser Abkommen, Tonny Nowshin klärt über die Rassismus-Problematik in der Klimabewegung auf, Vanessa Nakate gründete „Youth for Future Africa“ und Anuna De Wever überquerte den Atlantik auf einem Containerschiff. Die Klimabewegung wird von jungen Frauen repräsentiert und angeführt. Natürlich gibt es auch Männer, die bei Fridays For Future, Ende Gelände und Extinction Rebellion sind, aber die Frauen sind in den Organisationen und auch in der Berichterstattung klar dominant. Woran liegt das? Seid ihr motivierter, euch zu engagieren und zu protestieren, weil die führenden Personen dieser Bewegungen weiblich sind?

Ist die Frauendominanz in der Klimabewegung also vielleicht einfach ein Zeichen der Zeit?

Beim globalen Klimastreik am 15. März 2019 waren in Deutschland laut dem Institut für Protest- und Bewegungsforschung gut 60 Prozent der teilnehmenden Personen weiblich. In allen untersuchten Ländern demonstrierten mehr Frauen als Männer, in den Niederlanden lag der Anteil weiblicher Demonstrantinnen sogar bei 74 Prozent. Das Institut schreibt in seinem Papier zur Studie, dass beim Klimastreik der hohe Frauenanteil auffällig war, vor allem im Vergleich mit sonstigen Demonstrationen wie Stuttgart 21, G20 oder Pegida. Könnt ihr euch erklären, warum gerade beim Klimastreik der Frauenanteil so hoch ist? Warum scheint das Klima ein Thema zu sein, das mehr Frauen auf die Straße zieht als alle anderen Protestbewegungen unserer Zeit?

Liegt es vielleicht daran, dass die Generation Z die emanzipierteste Generation der Weltgeschichte ist? Hat der hohe Frauenanteil vielleicht gar nichts mit dem Klima an sich zu tun? Alte, patriarchalische Strukturen werden endlich aufgebrochen und Frauen können mehr Verantwortung in allen Bereichen der Gesellschaft übernehmen. Ist die Frauendominanz in der Klimabewegung also vielleicht einfach ein Zeichen der Zeit und ein Vorbote auf ein Ende von reinen Männerclubs in führenden Positionen? Sind Luisa Neubauer und Greta Thunberg Vorbotinnen für mehr „Female Leaders“ in unserer Welt?

Wie sieht das bei euch aus? Engagiert ihr euch selbst? Fühlt ihr euch von uns Männern vielleicht auch alleine gelassen, wenn ihr seht, dass ihr mehr für die Erhaltung unseres Planeten kämpft? Lasst hören, wir sind gespannt.

Eure Männer

Die Antwort: 

Liebe Männer,

eine Sache vorneweg: Klimagerechtigkeit ist kein „Frauenthema“, sondern wird höchstens zu einem gemacht. Aber zugegeben, auch ich frage mich ständig, inwiefern sich mein Geschlecht darauf auswirkt, dass ich mich Klimaaktivistin nenne.

Die Rolle der „naturverbundenen“ Versorgerin will ich mir dabei aber nicht aufzwingen lassen. Auch wenn es zunächst logisch klingt. Frauen leisten die meiste Fürsorgearbeit auf der Welt, warum nicht auch für die Welt? Die Beobachtung, dass wir uns eher um das Wohlbefinden anderer kümmern als cis Männer, trifft auch auf die Klimafrage zu. Gleichzeitig wird uns politische Teilhabe aber auch strukturell erschwert: Frauen sind in der Klimaforschung unterrepräsentiert, zwei Drittel des Bundestags wird von Männern gefüllt. Es ist also ein echter Kampf, sich überhaupt einzumischen – in der Schule hat mir das niemand beigebracht.

Pauschal lässt sich die Frage natürlich nicht beantworten. Was war notwendig, damit wir von der Demoteilnehmerin zur Aktivistin wurden? Zehn Frauen werden mir zehn verschiedene Antworten geben. Keine davon wird lauten: „Ich fühle mich wegen meiner Weiblichkeit zur Natur hingezogen.“ Stattdessen werden sie sagen: Stuttgart 21, der Hambacher Forst, Greta Thunbergs Rede vor der UN, die politisch aktive Freundin, dass ein Elternteil den Job in der Solarbranche verloren hat.

Vor meiner ersten Rede hatte ich Angst. Aber die Frauen auf der Demo gaben mir Kraft

Aber egal, wie unterschiedlich der Kontext ist, Klimaaktivistinnen haben mindestens eines gemeinsam: Sie haben sich getraut, sich in einer Klimagruppe zu organisieren. Das kostet in der Klimagerechtigkeitsbewegung vermutlich weniger Überwindung als etwa bei einer antifaschistischen Demo gegen rechts. Dort ist der Anteil an cis Männern nämlich höher, die Parolen klingen schärfer. Aber Wut und Gewalt sind Eigenschaften, die Frauen sich abtrainieren. In der Klimagruppe hingegen sind vielleicht schon mehr FINTA* (Frauen, Inter, Nicht-Binär, Trans, Agender) Personen engagiert, mit denen Frauen sich identifizieren können. 

Meine erste Rede hielt ich beim globalen Klimastreik am 15. März 2019. Ich hatte total Schiss, aber ich dachte mir: Wenn ein 15-jähriges Mädchen wie Greta Thunberg vor Tausenden Menschen sprechen kann, dann kann ich auch vor ein paar Hundert reden. Das war sehr empowernd für mich. Trotzdem fühle ich mich eineinhalb Jahre später immer noch unwohl, wenn ich durch ein Megaphon rufe. Denn männlich gelesene Megaphon-Stimmen klingen vertrauter und werden besser gehört. Ich mache es trotzdem. Wegen der Aktivistinnen, die auf meine Sprechchöre antworten.

Greta Thunberg, Luisa Neubauer und Nike Malhaus sind nicht zufällig Frauen. Wir Klimaaktivist*innen legen Wert darauf, dass vornehmlich Frauen für uns in der Öffentlichkeit stehen. Der Einfluss dieser Aktivistinnen auf andere junge Frauen wiederum ist nicht zu unterschätzen, da habt ihr Recht. Frauen können sich eher mit der Klimafrage identifizieren, weil sie innerhalb der Bewegung Vorbilder haben. 

Die Feinde der Klimagerechtigkeitsbewegung sind alte, weiße, konservative Männer

Einerseits. Andererseits, und das ist auch wichtig, hängt die Klimakrise untrennbar mit der Ausbeutung von Menschen und natürlichen Ressourcen zusammen. Und mit Ausbeutung kennen wir Frauen uns aus – unter anderem, wenn es um unbezahlte Care-Arbeit geht. Die erderhitzende Verstromung von Braun- und Steinkohle und der Gender Pay Gap haben also etwas gemeinsam. Beide zeugen davon, dass Macht sehr ungleich verteilt ist. Und das macht uns wütend.

Und das Ende des Patriarchats? Die Frauendominanz innerhalb der Bewegung ist kein Vorbote darauf. So optimistisch bin ich nicht. Sie ist Symptom einer Krise, die auf alten Männerclubs fußt. Denn die Feinde der Klimagerechtigkeitsbewegung sind alte, weiße, konservative Männer, die in den Ministerien und den Vorstandszimmern von Energiekonzernen und Automobilbranche sitzen. Diese Männer haben nicht erst seit zehn Jahren etwas zu sagen. Klimakämpfe sind daher untrennbar mit feministischen Kämpfen verbunden. Auch deswegen seht ihr auf dem Klimastreik in den ersten Reihen und an den Megaphonen mehr von uns.

Denn wir wissen, wer in der Vergangenheit zu wenig Mitspracherecht hatte und fordern dieses ab sofort für Frauen, Schwarze Menschen, People of Color, Indigene und die Länder des Globalen Südens ein. Das können und wollen wir aber nicht ohne euch durchsetzen. Darum: Ja, ihr lasst uns allein. Zumindest, wenn ihr den Klimakampf zur Frauensache kleinredet. 

Wir sehen uns auf der Straße,

eure Frauen

Unsere Autorin ist seit Anfang 2019 in der Klimabewegung, vor allem bei FFF, aktiv.

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