Wieso Medien ihren Umgang mit Rassismus ändern müssen

Sandra Maischberger, aus USA zugeschaltet: Priscilla Layne
Foto: WDR/Max Kohr / Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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2020 war nicht nur wegen der Corona-Pandemie ein einschneidendes Jahr. Im Februar wurden Ferhat Unvar, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Vili Viorel Păun, Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Sedat Gürbüz und Gökhan Gültekin von einem Rechtsterroristen in Hanau ermordet. Seit Beginn der Pandemie erleben viele asiatische Menschen durch Corona bedingten Rassismus. Sie werden mit Desinfektionsmittel besprüht und als Virus-Schleuder beschimpft. Im April wurde der 15-jährige Jeside Arkan Hussein Khalaf erstochen. Der Täter äußerte sich danach rassistisch, ihm gefallen auf Facebook rechtsradikale Seiten.

In Deutschland ist vielen Menschen nicht einmal klar, dass es hier Rassismus gibt

Im Mai wurde der Afroamerikaner George Floyd von weißen Polizisten ermordet, weltweit kam es zu „Black Lives Matter“-Demonstrationen, auch in Deutschland. Regelmäßig fliegen hier rassistische Chat-Gruppen und rechtsradikale Netzwerke in der Polizei auf. Seitdem sich Gegner*innen der Corona-Maßnahmen massenhaft zu Demonstrationen treffen, sind mit ihnen auch immer öfter gewaltbereite Rechtsradikale auf den Straßen, sodass sich nicht-weiße Menschen an diesen Tagen draußen nicht mehr sicher fühlen. 

Das waren nur die präsentesten Beispiele, die dieses Jahr gezeigt haben, welche Folgen Rassismus in Deutschland hat. Aber der weißen Mehrheitsgesellschaft fehlt es immer noch an einem nachhaltigen Problembewusstsein. Ehrlich gesagt bin ich genervt und erschöpft, dass das Thema dieser Kolumne immer noch nötig ist. Doch wie das Thema Rassismus in den Medien dargestellt und diskutiert wird, ist zu wichtig und zu problematisch, um nicht darüber zu schreiben.

Nach dem Tod von George Floyd begann auch hier in Deutschland eine Diskussion über Rassismus, die das Potenzial hatte, in eine richtige Richtung zu gehen, sich aber dann doch in Abwehr und Whataboutism verlief. Ich bin mir sicher, dass viele Menschen mittlerweile George Floyds Namen kennen und das ist richtig so. Ich würde aber auch jede Wette eingehen, dass die Namen Ousman Sey oder Oury Jalloh den wenigsten etwas sagen. Ousman und Oury waren Schwarze Menschen, die in Polizeigewahrsam ums Leben kamen. Ihre Angehörigen gehen von rassistischen Todesumständen aus. Nicht in den USA, sondern hier in Deutschland.

Es fällt dem Großteil der weißen Deutschen so unfassbar leicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen und umso schwerer, vor der eigenen Haustür zu kehren. Die Diskussionen fühlten sich ein bisschen so an, als würde man mit einem toxischen Ex-Freund reden, der erst alles abstreitet und sich im Nachhinein als der große Versteher profiliert: „Hast du gesehen, wie krass der Rassismus in den USA ist? Wow!“

Als Person, die den Diskurs mitverfolgt und selbst in den USA gelebt hat, weiß ich aber, dass man sich dort zumindest größtenteils des Rassismusproblems bewusst ist. Hier in Deutschland besteht nicht einmal der gesellschaftliche Konsens, dass es ein solches Problem hier überhaupt gibt. Von Betroffenen wird oftmals erwartet, dass sie erst einmal „beweisen“, ob und wie sich Rassismus in Deutschland äußert. Das heißt, wenn sie überhaupt zu Wort kommen dürfen.

Auch im Jahr 2020 wird noch über Rassismus gesprochen, ohne in Betracht zu ziehen, dass auch Betroffene mitreden sollten. So kam das Talkshow-Debakel bei Sandra Maischberger im Juni zustande. Diskutiert werden sollte über Rassismus und rassistisch motivierte Polizeigewalt – ohne einen Gast, der selbst betroffen ist und Expertise dazu hat. Nachdem in den sozialen Medien Kritik laut geworden war, erklärte Maischberger auf Twitter, es gehe ja in der Ausgabe auch noch um andere Themen. Letztlich wurde dann doch noch die afroamerikanische Germanistin Priscilla Layne eingeladen.

Seit dem Maischberger-Debakel habe ich immer mal wieder nicht-weiße Gäste gesehen, wobei natürlich immer Luft nach oben ist. Talkshow-Redaktionen sollten sich zwei Dinge klarmachen: Einerseits ist es wichtig, Betroffene mit Expertise zum Thema Rassismus einzuladen. Andererseits muss man nicht-weiße Menschen nicht nur zum Thema Rassismus sprechen lassen. Es gibt haufenweise nicht-weiße Menschen, die Expertise in anderen Feldern haben und die man genauso einladen kann, einfach um seine Gästelisten weniger homogen zu gestalten und die deutsche Gesellschaft ein bisschen realistischer abzubilden.

Wenn wir schon bei Kritik an redaktionellen Entscheidungen sind, sollten wir auch über einen problematischen Frame, also einen medialen Kontext, sprechen, der rassistische Ressentiments befeuern kann: Bevor es die grafische Darstellung des Coronavirus gab, wurden Artikel zum Thema Corona meist mit Stockfotos von Asiat*innen bebildert, die eine Maske trugen – egal ob in der Zeit, im Spiegel oder in der FAZ. Diese Bildauswahl suggeriert, dass Asiat*innen in direktem Zusammenhang mit dem Virus stehen. Die Tagesschau veröffentlichte trotz anhaltender Kritik an diesem Bild-Frame erst vergangenen Monat eine problematische News-Kachel. „Rekord bei Neuinfektionen“ hieß es da in Bezug auf die Fälle in Deutschland. Zu sehen war eine ostasiatische Frau mit Mundschutz. Angesichts der Tatsache, dass viele südost- und ostasiatische Länder das Virus besser im Griff haben als Europa, ist das besonders ärgerlich.

Eigentlich reicht eine Kolumne gar nicht aus, um alle problematischen Medien-Narrative im Zusammenhang mit Rassismus zu analysieren. Ich könnte darüber schreiben, dass Rassismus oftmals immer noch als „Ausländerfeindlichkeit“ bezeichnet wird und somit rassifizierte Menschen zu Ausländer*innen gemacht werden. Oder darüber, dass Betroffene von Rassismus oft nach schlimmen einschneidenden persönlichen Erlebnissen gefragt werden und die Debatte damit unnötig emotionalisiert wird, statt über strukturellen Rassismus zu sprechen.  

Wir können es uns nicht leisten, immer wieder bei null anzufangen

Ich will einerseits schreiben können, dass sich ja schrittchenweise etwas verändert hat. Meiner Meinung nach haben gerade junge Medien am besten über das Gedenken an Hanau berichtet, Angehörige zu Wort kommen lassen, ihnen eine Bühne geboten, die sie sonst nicht haben. Das gibt mir Hoffnung, aber ich werde andererseits trotzdem nicht das Gefühl los, dass sich die Mehrheitsgesellschaft gar nicht mal so sehr für Rassismus und Rechtsradikalismus interessiert.

Jedes Thema hat im Diskurs immer nur eine bestimmte Aufmerksamkeitsspanne, bevor dann das nächste kommt und dann darüber diskutiert wird. Wir können uns aber nicht leisten, bei Rassismus immer wieder von vorne, immer wieder bei null anzufangen. Das würden meine Nerven und die vieler Betroffener und Engagierter einfach nicht mehr mitmachen. Wir würden schon ein ganzes Stück vorankommen, wenn wir einfach zugeben würden, dass auch Deutschland ein Rassismusproblem hat.

Wir müssen uns klarmachen, dass es zwischen passiv-aggressiven Fragen und körperlicher Gewalt enorm viele Formen von Rassismus geben kann, dass Rassismus nicht einfach „Fremden- oder Ausländerfeindlichkeit“ ist und auch kein Randphänomen, mit dem sich halt ein paar Minderheiten rumschlagen müssen. Manchmal bin ich ein bisschen mürbe oder gar frustriert, wie man hier unschwer zwischen den Zeilen erkennen kann. Aber ich bin auch zuversichtlich, dass sich Engagement gegen Rassismus auszahlt und das alles nicht umsonst ist.

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