Horror-Mitfahrgelegenheit: Der gehörlose Raser

Manchmal wird die Mitfahrgelegenheit zum Horror-Trip. Folge 8: In Schlangenlinien über die Autobahn.
Von Tanja Koch
horrormitfahrgelegenheit taubstumm

Illustration: Federico Delfrati

Die Strecke: von Potsdam nach München

Der Fahrer: Marius, der gehörlose 7er-BMW-Fahrer (Name geändert)

Horror-Stufe: 8 von 10

Eigentlich buche ich Mitfahrgelegenheiten mindestens eine Woche vorher. So kann ich die Fahrten vergleichen und die Bewertungen der Fahrer checken. Diesmal musste ich kurzfristig buchen. Es war Freitagnachmittag und ich wollte noch am Abend in München sein. Ich scrollte hektisch durch die wenigen verbleibenden Inserate der Blablacar-App. Es gab fast nur Übernacht-Fahrten oder solche mit schlechter Bewertung.

Nach etwa zehn Minuten fand ich die für mich einzige akzeptable Alternative: Eine Mitfahrgelegenheit ab Potsdam bei einem männlichen Anbieter ohne Bewertungen. Im Normalfall ein No-Go für mich. „Ein einziges Mal wird das schon gut gehen“, dachte ich und schob meine vermeintlich irrationalen Ängste beiseite.

Ich schickte Marius eine Anfrage und rannte zur S-Bahn. Zwei Minuten später erhielt ich eine Zusage. Dass ich ein wenig zu spät kommen würde, sei kein Problem, er habe es nicht eilig. Als ich eine halbe Stunde später am Auto ankam, erblickte ich zwei weitere weibliche Mitfahrerinnen. Glück gehabt – als Einzige zu einem fremden Mann ins Auto zu steigen, wäre mir unangenehm gewesen. Doch die Erleichterung sollte nicht lange anhalten.

Ob gehörlose Menschen Auto fahren können oder dürfen, darüber hatte ich mir bisher nie Gedanken gemacht

Freundlich begrüßte ich die drei und bedankte mich, dass es so spontan geklappt hatte. Vom Fahrer und seiner Begleitung erhielt ich nur einen neutral-netten Begrüßungsblick, die andere Mitfahrerin ignorierte mich. Ich war zutiefst irritiert. Wortlos verstauten wir mein Gepäck im Kofferraum und stiegen ein. In mir machte sich ein schlechtes Gewissen für meine Unpünktlichkeit breit. Als hätte Marius es gespürt, drehte er sich um, lächelte mich an und machte eine Handbewegung, die aussah, als wollte er sagen: „Kein Problem, alles gut.“ Dann sah er seine Beifahrerin an und sagte etwas in Gebärdensprache. Die Situation ergab plötzlich Sinn. Marius und seine Begleiterin waren gehörlos.

Ich wandte mich zur zweiten Mitfahrerin, die aus dem Fenster starrte. War sie eine Freundin der beiden und ebenfalls gehörlos? Jedenfalls schien sie nicht daran interessiert, sich mit mir zu unterhalten. Vielleicht war sie sauer auf mich, weil die Fahrt nicht pünktlich starten konnte? Oder war ihr die Situation unangenehm? Ich für meinen Teil war nach anfänglichen Berührungsängsten fasziniert. Ob gehörlose Menschen Auto fahren können oder dürfen, darüber hatte ich mir bisher nie Gedanken gemacht. Ich googelte und fand heraus: Autofahren ist nur ein Problem, wenn das Gleichgewichtsorgan im Ohr gestört ist.

Es war unerträglich, dem Fahrer nicht mitteilen zu können, dass er etwas vorsichtiger fahren sollte

Marius und die Beifahrerin begannen, ein angeregtes Gespräch zu führen. Blitzschnell bewegten sich ihre Hände, die ich zwischen den beiden Sitzen erspähen konnte. Gleichzeitig steuerte Marius das Auto durch den Feierabendverkehr. Im Rückspiegel sah ich, wie er immer wieder statt auf die Straße zur Beifahrerin schaute. Dann ging alles ganz schnell: Marius wechselte hektisch auf die stark befahrene Spur rechts von uns und erwischte gerade noch so die Auffahrt zur Autobahn. Dass er dabei beinahe eine Radfahrerin überfuhr, nahm er gar nicht wahr. Die zweite Mitfahrerin neben mir zuckte zusammen und warf mir einen ängstlichen Blick zu.

Je mehr sich der Stau auf der Autobahn auflöste, desto stärker trat Marius aufs Gaspedal. Je näher wir der 200 km/h-Marke kamen, desto ruppiger wurde ich im Sitz hin- und hergerüttelt. Marius unterhielt sich mit der rechten Hand und versuchte mit der linken, die Spur zu halten. Dem Drang, sie auch zum Sprechen zu nutzen, konnte er offenbar kaum widerstehen. Immer wieder ließ er das Steuer ganz los. Der Spurhalteassistent ertönte mehrmals pro Minute und ich betete, dass Marius einen Vibrationsalarm erhielt oder dass zumindest irgendwo eine Lampe aufleuchtete. Ich war dankbar für das teure Auto und hoffte auf gute Airbags. Um die Anspannung zu lösen, sprach ich die andere Mitfahrerin an und hoffte, dass sie nicht gehörlos ist. Ich fragte, ob sie ebenfalls bei Blablacar gebucht hatte. Sie bejahte und wandte sich wieder dem Fenster zu.

Nach etwa zweieinhalb Stunden fuhr Marius auf eine Raststätte. Seine Beifahrerin drehte sich um und sagte langsam und etwas undeutlich „Pause“. Sie lächelte. Ich atmete auf. Doch zehn Minuten später ging die Horror-Fahrt weiter. Genauso schnell wie vor der Pause. Weiterhin in Schlangenlinien. Als wir bei einem kopflosen Überholmanöver fast ein anderes Auto rammten, krallte sich die andere Mitfahrerin in den Sitz.

Ich überlegte, ob ich Marius bitten sollte, langsamer zu fahren, wollte ihm aber auch nicht zu nahe treten. Ich hatte Angst, er könnte meine Kritik missverstehen. Hätte ich es einfach sagen können, hätte ich mich wohl getraut. Dass ich es ins Handy hätte eintippen oder mich per Zeichensprache hätte verständlich machen müssen, erhöhte die Hemmschwelle. Also verwarf ich die Überlegung, sendete meinem Freund die Live-Ortung bei Whatsapp und betete in Gedanken. Gefühlt dauerte die Fahrt eine Ewigkeit. Als wir in München von der Autobahn abfuhren, beruhigte sich mein Puls.

Einen Tag später stellte ich fest, dass ich aufgrund des Zeitdrucks vergessen hatte, die Fahrt offiziell zu buchen. So hatte ich keine Chance, Marius eine Bewertung zu hinterlassen – zum Glück. Denn einerseits würde ich nicht wollen, dass jemand aufgrund von Berührungsängsten von der Buchung absieht. Andererseits hätte ich mich verpflichtet gefühlt, die nächsten Mitfahrer vor der ruppigen, unaufmerksamen Fahrweise zu warnen.

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