Ab in den Urlaub! Oder doch lieber nicht?

Zwischen Reise-Scham und Erholung: Warum ich im Dezember gern auf Fuerteventura war – und Corona trotzdem ernst nehme.
Von Hanna Lohmann
reisen pandemie

Illustration: FDE

Ich fühle mich erwischt. Denn gerade begegnete mir der Artikel „Habe ich das Recht, andere für ihre Corona-Reisen zu verurteilen?". Die Autorin führt darin ziemlich vernünftige Gründe auf, die gegen das Verreisen in der Pandemie sprechen. 

Ich war aber selbst vor Kurzem auf Fuerteventura und habe mir bei viel Sonne eine Auszeit von den Unannehmlichkeiten des Shutdown gegönnt. Die Kanaren, zu denen Fuerteventura gehört, gelten zwar laut RKI als Risikogebiet, doch der Inzidenzwert ist vergleichsweise niedrig. Es gibt dort viele Corona-Regeln, aber Gastronomie, Unterkünfte und Geschäfte sind geöffnet. Vor dem Urlaub war ich chronisch schlecht gelaunt, seitdem kann mir wenig die Laune vermiesen. Ich habe Energie getankt, bin motiviert und finde den Lockdown nur noch halb so schwer zu ertragen.

So ganz ohne Gewissensbisse kann ich trotzdem nicht von diesem Urlaub erzählen, und bis auf einige Storys in den ersten Tagen habe ich nichts von der Reise gepostet, denn natürlich nehme ich die Corona-Pandemie ernst und weiß, dass wir unsere Mobilität einschränken müssen. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen besteht aktuell wohl immer ein erhöhtes Infektionsrisiko, wenn ich nicht den ganzen Tag alleine auf dem Sofa sitze. Irgendwie fühlte es sich da falsch an, fröhliche Urlaubsfotos zu posten, ohne mich zu erklären – besonders als am Tag vor meinem Abflug die gesamten Kanaren zum Risikogebiet erklärt wurden. Ist halt alles etwas kompliziert dieser Tage. Vor der Abreise habe ich einen Test gemacht – der ist zwar ohnehin Pflicht, aber mir war es auch wichtig, niemanden potenziell zu gefährden.

Mir fällt keine Situation während meiner Reise ein, die unvernünftiger gewesen wäre, als mit dem Regionalexpress ins Büro zu fahren. In den Flieger und in die Unterkunft wurde ich nur gelassen, nachdem ich ein negatives Testergebnis, die spanische Corona-App und ein Einreiseformular, in dem mein Sitzplatz im Flugzeug eingetragen wurde, vorzeigte. Natürlich trug ich während des Flugs eine FFP2-Maske, außerdem waren ja – anders als in der Straßenbahn und im Büro – alle um mich herum getestet. Vor Ort war ich fast nur an der frischen Luft. An Heiligabend hatte ich von einer Live-Band am Strand gehört und bin hin. Es war wie eine andere Welt. Die Leute trugen Weihnachtsmützen und Masken (wenn sie nicht am Platz saßen, darauf achteten strenge Securitys) und tanzten und feierten. Nach einem Getränk bin ich wieder abgehauen. Open-Air und Abstand hin oder her – das fühlte sich falsch an. 

Klar, man muss nicht alles machen, was erlaubt ist. Und manchmal saß Immanuel Kant mit mir in der Weinbar, guckte verträumt auf die Wellen und fragte: Und wenn jetzt alle so handeln würden? Und ab und an setzte sich meine Freundin, die Solidarität, dazu, und fragte: Die alleinerziehende Mutter von vier Kindern, die von ALG II lebt, macht die morgen auch einen Surf-Kurs, weil es ihr gut tut, mal nicht übers Distanzlernen nachzudenken? Trotzdem habe ich mit meiner Reise niemandem geschadet. Im Gegenteil: Der Surflehrer, die Kellnerin, der Autoverleiher, die Frau mit den geführten Ausritten, die mit der eingenommenen Kohle Pferde rettet, die waren ziemlich froh, dass ich da war.

Eine Kollegin postete kürzlich Fotos, die entfernt an eine Feier erinnern. Sofort wollte ich gedanklich den Zeigefinger heben. Dann fiel mir meine Fuerteventura-Reise ein. Und dass jede*r anders mit Dingen umgeht. Und dass „Bleiben Sie gesund” nicht nur keine Corona-Infektion, sondern auch seelische Gesundheit bedeuten sollte. Ich habe vereinzelt sowas wie „Travel-Shame” empfunden, als ich wieder zu Hause war. Dass Menschen irritiert guckten oder sich (trotz erneutem Test) ein paar Tage fern hielten, wenn ich erzählte, wie mein Corona-Silvester war. Das war völlig in Ordnung.

Richtig wütend machen mich andere Dinge

Richtig wütend machen mich andere Dinge: Dass ich aktuell mehr Arbeitskolleg*innen legal treffe als Familienmitglieder. Dass meine Freundin, die vor wenigen Tagen ein Kind bekommen hat, wegen etwas Fieber nicht in der Klinik bei ihrem Baby bleiben darf. Oder dass der inklusive Reithof um die Ecke seine Pferde kaum noch zu versorgen weiß, weil die dort ihre Therapiestunden im Freien in den vergangenen Wochen nicht anbieten durften, eine Fahrschulstunde in unserem Bundesland (unter bestimmten Bedingungen) hingegen erlaubt ist.

Würde ich es wieder tun? Ein klares Jein. Ich vermisse den Strand und die Sonne und das Gefühl, einfach mal ein paar Stunden zu vergessen, dass wir eine Pandemie haben. Vor ein paar Tagen habe ich aber ein Interview mit der Virologin Melanie Brinkmann gelesen. Da sagt sie: “Was Urlaubsreisen ins Ausland angeht – dass das immer noch geht, macht mich fassungslos.” Da habe ich schon gegrübelt, ob ich mich nochmal für wenig Geld in den Flieger setzen würde. Ich weiß es nicht. Aber wenn jemand es tut, höre ich mir gerne die Geschichten dazu an.

 

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