Habe ich das Recht, andere für ihre Corona-Reisen zu verurteilen?

Illustration: FDE

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„Wo bist du?“, schreibe ich in das Chat-Fenster auf Instagram. „Ist mir ein bisschen peinlich“, antwortet die Freundin. Sie ist auf Sansibar. Das Wasser auf dem Foto, das sie kurz zuvor gepostet hat, gehört zum Indischen Ozean. Ich sende sechs Emojis, die Tränen lachen. „Sind wir noch Freundinnen?“, schreibt die Freundin.

Mit ihrer Reise nach Sansibar, mitten in einer Pandemie, hat sie nichts Verbotenes getan. Bei der Einreise wird dort nicht einmal ein negativer Corona-Test verlangt. Ich bin trotzdem sauer. Die Bundeskanzlerin hat aufgefordert „miteinander und füreinander“ durch die Krise zu gehen, solidarisch zu sein. Ist es solidarisch, im harten Lockdown eine Fernreise zu machen? Ich finde nicht. Aber habe ich das Recht, darüber zu urteilen?

Bestimmt ist es angenehmer, die Zeit zwischen den Jahren auf einer Insel zu verbringen, auf der es laut tansanischer Regierung kein Corona gibt, als sich in Berlin durch die überfüllten Supermärkte zu drängen. Aber auch die Freundin wird vor Abflug vor die Tür gegangen sein: Arzt und Apotheke für Malariaprophylaxe, Drogerie für Sonnencreme. Bei meinem Hausarzt im Wartezimmer zu sitzen und dann nach Malariaprophylaxe zu fragen: Das wäre mir peinlich.

Ich hätte den Pass, die Impfungen und das Geld, es ihr gleich zu tun. Viele machen das, zeigt mein Instagram-Feed. Nach Sansibar oder in ein anderes Land, in dem es gerade schön warm ist, will ich trotzdem nicht. Ich bin ein Lockdown-Hardliner. Mein moralischer Kompass dreht schon durch, wenn ich mit zwei Freunden im Hinterhof am Feuerkorb stehe, statt nur mit einem.

Ich nenne es: das Sozialsystem entlasten

Für den Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt ist das „Lockdown-Fetischismus“. Ich nenne es: das Sozialsystem entlasten. Ich denke an meine Schwester, die Erzieherin ist und der „nur erkältete“ Eltern ihre Kinder in die Hand drücken, weil sie zu ihrem Präsenzjob müssen. An die Pflegerinnen meiner Großmutter, die ihre FFP2-Masken im Flur an einer Wäscheleine trocknen lassen. Ich reiße mich zusammen, weil andere das auch tun.

„Ich habe es nicht mehr ausgehalten“, schreibt die Freundin. Was hält diese 27-jährige festangestellte, kinderlose deutsche Frau nicht mehr aus, dass es eine Reise nach Sansibar rechtfertigt? Corona-müde sind wir alle. Zukunftsängste, Lagerkoller? Schlimm, ist aber Teil der Pandemie. Vielleicht steckt sie in einer Beziehungskrise? Ich komme nicht drauf.

Aber ich bin mir sicher: Es wird kälter in unserer Gemeinschaft, wenn die einen am Strand liegen, während die anderen die Zähne zusammenbeißen. Ich werde kälter. Ich schreibe der Freundin, dass sie auf Sansibar in einem Paralleluniversum lebt. Sie stimmt mir zu. Und dann entziehe ich ihr meine Aufmerksamkeit. Keine Herzchen, keine Feuer-Emojis. Bin ich womöglich neidisch?

Die Fotos, die ich ab jetzt offiziell ignoriere, zeigen den Himmel über Afrika, Tanzen im Freien, ohne Masken. Wer Urlaub macht, unterbricht den Corona-Alltag. Im harten Lockdown habe ich plötzlich begonnen darüber zu richten, wem ich diese Verschnaufpause zugestehe. Der Bekannten, die ihre Wahlfamilie in Brasilien vermisst und deshalb für drei Monate hinfliegt? Na gut. Dem 80-jährigen Witwer, der das zweite Weihnachten ohne seine Frau lieber im Ferienhaus in Florida feiert? Okay.

Was wäre, wenn die Krankheitsfälle auf Sansibar nach ihrer Rückkehr anstiegen?

Der Sansibar-Freundin? Vielleicht musste sie dieses Jahr Dinge ertragen, für die es in unseren Kneipen-Videokonferenzen keine Sprache gab. Vielleicht wollte sie wirklich nur an den Strand. Dann müsste ich aushalten, dass wir eine unterschiedliche Corona-Moral haben.

Aber was wäre, wenn die Krankheitsfälle auf Sansibar nach ihrer Rückkehr anstiegen? So sehr, dass Tansanias Präsident John Magufuli, ein Mann, der Schlangenöl gegen Corona empfiehlt, reagieren muss? Wir besuchen unsere Alten nicht, weil die sich gegen eine Ansteckung schlecht wehren können, obwohl sie sich so sehr Besuch wünschen. Aber wir besuchen Sansibar, das bei einem Corona-Ausbruch angeblich nur mit drei funktionierenden Beatmungsgeräten dastehen würde? Das ist doch Wahnsinn.

Sansibar lebt vom Tourismus. So gesehen ist meine Freundin ein Gast, den die Sansibaris dringend brauchen. Aber wenn es ihr darum ginge, könnte sie dann nicht einfach einen 2000-Euro-Gutschein für Strandhotelurlaub kaufen, gültig bis 2024?

In der Pandemie eine Fernreise zu machen, ist, als würde man gerade jeden Abend eine andere Person treffen. Als würde man jeden Tag ins Büro fahren, obwohl man von zu Hause arbeiten kann. Es ist zwar erlaubt, aber es muss wirklich nicht sein.

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