Unser Urlaub muss wieder werden wie die Schulferien

Kino, Freibad, Bücherei und sehr viel Langeweile.
Von Christina Waechter

Illustration: Federico Delfrati

Der Klimawandel ist längst Realität und wir alle wissen genau: Wir haben keine Zeit, auf Regierungen oder Konzerne zu warten, um unsere Erde zu retten. Wir müssen unser Leben ändern – und zwar jetzt. Ein Weg, das zu tun, wäre es, auch unsere Vorstellung davon, wie Urlaub auszusehen hat, zu überdenken und dafür ein paar Jahre zurückzuschauen. In die Zeit, als wir Zeit im Überfluss hatten. Und sie verschwendet haben. Und vor allem daran denken, wie gut sich diese Verschwendung angefühlt hat.

Denn die einfachste und effektivste Möglichkeit, die Umwelt zu schonen, ist es für Privatpersonen immer noch, weitgehend auf Flugreisen zu verzichten. Das ist für manche Menschen eine schmerzhafte Erkenntnis, trotzdem bleibt sie wahr.

Der längste Sommer meines Lebens

Den längsten Sommer meines Lebens hatte ich mit 16 Jahren. Als die Schule aus war, kein Geld für große Fernreisen da war, die Eltern arbeiten mussten und ich nichts zu tun hatte. Außer mich nach Herzenslust zu langweilen.

Und das tat ich dann auch. Ich langweilte mich im Bett, so lange, bis ich es in der Waagrechten wirklich nicht mehr aushielt und aufstehen musste. Ich langweilte mich dann zur Abwechslung auf dem Balkon, auf dem ich es nur eine halbe Stunde aushielt, bevor ich vor dem drohenden Sonnenstich wieder in mein überhitztes Zimmer fliehen musste.

Ich langweilte mich ein paar Tage so ausgiebig, bis es mir reichte und ich genug Energie aufbringen konnte, meinen Hintern aufs Fahrrad zu schwingen. Von da an fuhr ich fast täglich in die örtliche Bücherei, wo ich mir Bücher auslieh, die man im Nullkommanichts durchgelesen hat. Also: historische Herzschmerz-Schinken, in denen bedeutungsschwangere Blicke getauscht werden und jungfräuliche Wangen erröten. Psychothriller, in denen Ehepartner in Säure aufgelöst werden und die DetektivInnen stets ein Ehe- und Alkoholproblem haben, dennoch mit ihren analytischen Fähigkeiten sämtliche Fallstricke durchschauen und am Ende gerade so dem Killer entkommen – und ihn stellen.

Bücher also, über die jeder Lehrer zurecht die Nase gerümpft hätte. Die aber meinem vor Hitze und Langeweile gallertartig verwabbelten Gehirn genau entsprachen.

Die entspannende Duftmischung im Freibad

Direkt von der Bücherei radelte ich ins Freibad, wo ich mir für ein paar Euro den Zugang zu ein paar tausend Quadratmetern Rasen, gechlortem Wasser und Hintergrundgeräuschen erkaufte, die ich seitdem verzweifelt in jeder „White Noise“-Maschine suche. Nichts ist entspannender und einschläfernder als die akustische Kulisse „Freibad“: kreischende Kinder, die frappierend aufgeregten Möwenschwärmen gleichen, ermahnende Durchsagen („sprotzlchchrch NICHT vom Beckenrand einspringen! Das gilt auch für Özlem! chrchrsportzl“). Dazu diese einzigartige Duftmischung aus Sonnenöl, Frittieröl und weichem Teer.

Schon beim Gedanken an diese Duft- und Geräusch-Kulisse bin ich auf der Stelle entspannt und fühle, wie ein leichter Sonnenbrand meinen Rücken überzieht. Kein schlimmer, sondern ein angenehmer leichter Schmerz, der sich schon am nächsten Tag in eine satte Bräune verwandelt haben wird. Am Ende eines solchen Freibadtages war ich weichgekocht, sauber geduscht, erholt und ausgeruht und konnte zum zweiten Teil des Tages übergehen:

Abends machte ich mich also auf, die paar zu Hause gebliebenen Freundinnen und Freunde zu treffen. Meist radelten wir zusammen die Isar aufwärts auf der Suche nach einer Menschengruppe, die nett und lustig aussah. Hatten wir eine gefunden, setzten uns einfach einen Meter neben die Leute auf ein Handtuch und warteten, bis wir in deren Runde eingeladen wurden. Gegen Mitternacht radelte ich nach Hause und legte mich rechtschaffen erschöpft und tiefenentspannt ins Bett – in der Gewissheit, dass noch eine unendliche Kette an Tagen vor mir lag, an denen ich genau nullkommanull Verpflichtungen hatte – und keinen Plan.

Der Neid auf die Malediven-Uschi währte nur kurz

Klar: Am ersten Schultag nach den Ferien war ich oft neidisch auf Freunde, die aus einem Griechenlandurlaub oder von den Malediven erzählten. Aber wenn ich ihren Erzählungen zuhörte, hatten sich ihre Ferientage scheinbar nur wenig von meinen unterschieden. Mit Ausnahme der Tatsache natürlich, dass sie eine sehr viel längere An- und Abreise gehabt hatten. Wir alle hatten uns erholt. Die eben dort und ich: hier. 

Übrigens: Das Beste an solchen Zuhause-Urlauben ist die Kosten-Nutzen-Rechnung. Wenn man mal kurz durchrechnet, wie viel Geld man sich mit so einem Low Key-Urlaub spart, dann kann man sich plötzlich auch ein paar bekloppte Dinge leisten: eine große Portion Freibadpommes zum Beispiel; oder eine Flasche Champagner, den man am Fluss, im Park oder meinetwegen auch an der Haltestelle mit einer Freundin teilt; den täglichen Freibadbesuch, Kino-Matineen am Vormittag, Konzertkarten. All das sind Peanuts im Vergleich zu den Kosten einer Urlaubsreise.

Die Ferien zu Hause haben keinen guten Ruf. Sie gelten als der allerletzte Ausweg, wenn wirklich gar kein Geld da ist und kein Reisepartner, wenn man zu verplant war, rechtzeitig zu buchen und es einfach „nicht drauf“ hat. Und selbst dann, wenn wir das Experiment wagen, verplanen wir unsere Tage so hektisch, um auch auf gar keinen Fall die Ferien zu „verschwenden“. Und vergessen dabei, dass genau das der Sinn von Ferien ist: Wir sollen unsere Tage verschwenden, wir sollen nichts machen. Unsere Ruhe haben. Rumliegen. So lange, bis wir wieder aufstehen wollen.

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