Eine Liebeserklärung an das Sprachniveau A1

Weil es großartig ist, in einer neuen Sprache einfach draufloszureden.
Von Eva Hoffmann

„Ähm, hier, trois... nee, tres cervezas?“ Sprachniveau A1 bringt uns ins Schwitzen – ist aber eigentlich wunderschön!

Illustration: Katharina Bitzl

Eigentlich wollte ich sagen „Ich habe kein Messer“. Gesagt habe ich stattdessen: „Ich habe kein Gehirn.“ Als mein Mitbewohner mich daraufhin fragend anschaute, versuchte ich es noch mal mit viel Nachdruck und übermäßiger Betonung: „Ich brauche ein G-E-H-I-R-N!“ Erst als er einen Lachkrampf bekam, war mir klar, dass es irgendein Missverständnis geben musste.

Es sind Momente wie diese, in denen ich merke, dass ich die Sprache, die ich da spreche, noch nicht wirklich beherrsche. Die französischen Vokabeln „couteau“ und „cerveau“ klingen in meinen ungeübten Ohren einfach zu ähnlich. Mein Mitbewohner fand das ziemlich witzig, mir war die Situation kurz peinlich, weil sie freigelegt hat, was ich schon ahnte: Mein Sprachniveau ist einfach auf A1 hängengeblieben.

A1, das ist das Niveau, das man hat, wenn man seit einem halben Jahr eine Sprache lernt, aber außer Essen bestellen und nach dem Weg fragen noch kaum gehaltvolle Sätze zustande bringt. Und das ist eigentlich nichts, wofür man sich schämen sollte. Schlechte Aussprache, Vokabelmangel und brüchige Grammatik gehören halt dazu, wenn man am Anfang einer Sprache steht. Hauptsache ist doch, dass ich mir Mühe gebe und dass mein Gegenüber das merkt, oder? Warum schäme ich mich dann aber trotzdem, wenn ich über Vokabeln stolpere und es zu diesen kleinen Missverständnissen kommt? Und warum wird so oft über ältere Menschen gelacht, die sich im Urlaub mit einer Sprache abmühen und aus Versehen Unsinn reden?

Es ist das Sich-Mühe-Geben, das den A1-Lerner so liebenswürdig macht

Vielleicht hängt mein vorauseilendes Schamgefühl mit dem Bild zusammen, das bei Kamikaze-Grammatik und urdeutscher Aussprache direkt in meinem Kopf entsteht: Der Ballermann-Touri, der in Adiletten und mit Deutschland-Cap dem Kellner „Tres Zerwesas!“ hinterhergrölt. Ich muss gestehen, so ganz lässt sich dieses Bild auch nicht auf den peinlichen Bierbauch-Deutschen reduzieren – damals auf der Abi-Fahrt haben wir uns ähnlich benommen. Wir waren 18, die Reise ging nach Calella del Mar, das Motto war „Abi 10, lass dich gehen“ und wirklich niemand sprach auch nur einen Satz Spanisch. „Gracias“ war das höchste der Gefühle. Wir waren Feier-Parasiten ohne Anstand. Dass wir nicht den geringsten Willen zeigten, mit ein bisschen Anstrengung drei ordentliche Sätze zusammenzubringen, erfüllt mich noch heute mit tiefer Scham. 

Zwischen dem Ballermann-Touristen, der seit Jahren alles konsequent eindeutscht, und dem Rentner, der im hohen Alter noch mal eine Sprache lernt und dabei über die Aussprache stolpert, liegen allerdings Welten. Während ersterer mit seiner plumpen Rohheit die Ohren der Muttersprachler misshandelt, kann man Menschen, die im Alter noch mal so mutig sind, komplett bei null anzufangen, doch eigentlich nur liebhaben. Wenn sie mit fragendem Blick auf ein Gericht in der Speisekarte zeigen und dabei ein bisschen zu überdeutlich „por-fa-wore“ sagen, kann man ihnen einfach nicht böse sein. Ihnen haftet dieser aufrichtige Wille an, alles richtig zu machen. Ihr größtes Ziel ist es, verstanden zu werden. Es ist dieses Sich-Mühe-Geben, das den A1-Lerner so liebenswürdig macht.

Nichts ist herzerwärmender, als meinen Freund dabei zu beobachten, wie er an seinen A1-Arabisch-Hausaufgaben scheitert. Wenn er hochkonzentriert versucht, die fremden Zeichen zu einem sinnvollen Wort zu formen, klingt er dabei wie ein Zweitklässler, der gerade lesen lernt. „Ya-dru-suuu“ – „er studiert“, übersetzt er stolz, als hätte er gerade herausgefunden, wie die Pyramiden gebaut wurden. Die Bewältigung dieser kleinen Hürden erfüllen ihn mit einer kindlichen Freude, die ansteckend sein kann.

Wenn Sprachanfänger reden, passiert etwas Schönes – auch wenn es nicht schön klingt

A1 ist mehr als die drei Sätzen, die man sich aus dem Lonely Planet rausgeschrieben und auswendig gelernt hat, um irgendwie Getränke bestellen zu können. Es ist die Bereitschaft, etwas wirklich verstehen zu wollen, auch wenn der Anfang holprig und peinlich werden kann. Es erfordert Mut, einfach drauf loszuplappern und über die eigenen Fehler zu stehen. Da passiert etwas Schönes, auch wenn es nicht schön klingt

Wenn das Gespräch in meiner WG-Küche nach drei Sätzen, die ich aus den ersten Unterrichtsstunden mitgenommen habe, versandet oder in Hand-und-Fuß Kommunikation übergeht, dann passiert genau der Austausch, für den ich diese neue Sprache ja lerne. Entscheidend ist, dass man mir anmerkt, wie sehr ich mich anstrenge. 

Deshalb wäre es schlicht gemein, sich über Sprachanfänger lustig zu machen, die sich trauen, ihre Hemmungen abzulegen und zu reden, um besser zu werden. Man darf es nicht als Ignoranz werten, wenn Anfänger die Grammatik einer neuen Sprache nicht von einem Tag auf den anderen beherrschen und deshalb im Restaurant ein bisschen peinlich klingen. Ignorant sind diejenigen, die dafür kein Herz haben. 

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