Warum ich als Erwachsener die Suche nach Ostereiern brauche

Zum ersten Mal seit mehr als drei Jahrzehnten fällt bei unserem Autor das Ostereier-Suchen aus. Er ist am Boden zerstört.
Von Kolja Haaf
ostereiersuchen verboten cover

Collage: Daniela Rudolf-Lübke / Fotos: freepik / unsplash

Ich warte zwar immer noch darauf, aber falls mich tatsächlich irgendwann mal ein Mensch nach meinem Rat fragen sollte, so richtig, zum Leben und allem, es wäre dieser: Komm an einem Ostersonntag so gegen elf Uhr beim Haus meiner Eltern vorbei und schau durch den Gartenzaun zu, wie drei ausgewachsene Männer quiekend und kreischend durch die Gegend hüpfen wie Hobbits auf MDMA. Das sind meine beiden Brüder und ich. Wir sind Anfang, Mitte Dreißig, ein Gymnasiallehrer, ein Arzt, ein Journalist und wir werden kleine, geflochtene Körbchen bei uns haben und Schokoflecken um den Mund.

Die Eiersuche ist die Gelegenheit, jede Selbstachtung und Würde fallen zu lassen

Unsere schon längst ergrauten Eltern haben, als wir noch schliefen, bunte Schoko-Eierchen in entzückenden kleinen Nestchen, gülden schimmernde Schoko-Häschen mit Glöckchen und allerlei anderes Naschwerk mit angehängten Verniedlichungsformen in Blumenbeeten, auf Bäumen, im Schuppen und am Teich versteckt. Sie haben dabei vergnügt gekichert, besonders bei so frechen Versteck-Ideen wie dem Briefkasten. Aber ihr Spaß ist nur ein Vorgeschmack auf die kleinkindliche Extase, mit der wir in den Garten rennen, wenn unser Vater gerufen hat: „Buben! Schnell! Der Osterhas war da! Ich hab noch sein Schwänzle aus dem Gartentor huschen sehen!“

Dieses bizarre Schauspiel wird nach mehr als drei Jahrzehnten dieses Jahr zum ersten Mal coronabedingt ausfallen. Und das ist eine Schweinerei. Nicht nur wegen der Eierchen und den Nestchen und den Häschen und den Glöckchen. Sondern auch, weil diese Tradition, allerspätestens seit wir alle drei Bartwuchs haben, eine wichtige psychohygienische Funktion erfüllt. Die Eiersuche ist zu der seltenen Gelegenheit geworden, jede Selbstachtung und Würde fallen zu lassen und einmal im Jahr zu der Erkenntnis zu gelangen, dass man unter all den übereinander aufgeschichteten sozialen Rollen, ernsten Gedanken, Abschlüssen, Vorlieben, großen Gefühlen, unter der ganzen kunstvoll zusammengebastelten Identität, eben doch nur ein deppertes Kind ist, das seine Süßigkeiten braucht und an den Osterhasen glauben will.  

Die inneren Kinder, die wir beim Ostereier-Suchen zulassen, sind gierige kleine Arschlöcher

Und ich meine hier ausdrücklich nicht irgendeine Wohlfühl-Sitzkreis-Version vom „inneren Kind“, das wir wieder „zulassen“ müssen, weil es mit unschuldigen Augen, naiv-neugierig die Schönheit der Welt bestaunt, die wir als zynische Erwachsene gar nicht mehr sehen. 

Nein, die inneren Kinder, die wir beim Ostereier-Suchen zulassen, sind gierige kleine Arschlöcher. Sie wollen mehr Eier haben als die anderen. Sie wollen die größten Eier haben. Sie klauen sich gegenseitig Eier aus ihren Eierkörbchen. Und es ist für sie das höchste Glück, für kurze Zeit auf ihr Jäger-und-Sammler-Hirn reduziert in einem unkomplizierten System aufzugehen, in dem es nichts Wichtigeres gibt, als durch die Rabatten zu wuseln und Futter zu erspähen.

Und wuseln wir als scheinbar fertige Menschen nicht auch von Ei zu Ei? Und glauben immer, dass das nächste Ei das einzige ist, das zählt? Ja, doch, ich denke, das tun wir. Wir bleiben unser Leben lang alberne kleine Wichtigtuer. Und das ist ok. Und es tut manchmal gut, sich diese Lächerlichkeit unserer ewigen Eiersuche zu vergegenwärtigen. Indem man das ganze aufwändige Drumherum von komplexen Beziehungen, Hierarchien und Information weglässt, um einfach nur mit glockenhellem Kinderlachen dem Arzt neben einem das Körbchen aus der Hand zu schlagen, sodass der ganze Kladderadatsch im Teich landet und er die Nichtigkeit all seines Strebens erkennt. Mit seinem Doktortitel.

Naja, es hilft jedenfalls nichts: Ich werde dieses Jahr meine Freundin bitten müssen, Schoko-Eier für mich in der Wohnung zu verstecken, die tiefe Stimme meines Vaters nachzuahmen, so zu tun, als ob sie mit mir um die Wette sucht und sich von mir ihr Körbchen aus der Hand schlagen zu lassen. Sie wird wenig Verständnis haben. Aber welch ein Glück: Ich hab ja jetzt eine lückenlose Argumentationskette.

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