„Sie wollten nur einen arabischen Macho, der sie dominiert“

Ali kam aus Ägypten nach Berlin und erzählt über seine Erfahrungen mit deutschen Männern.
Illustration: jetzt

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Potente Machos und prüde Jungfrauen. Über arabische Männer und Frauen gibt es viele Vorurteile. In der Kolumne „Sex auf Arabisch“ reden sie über Geschlechterrollen, Liebe und Sex – und ihr Verhältnis zu Deutschland. 

Ali (Name geändert), 33, ist von Kairo nach Berlin gezogen, weil er sich als politischer und queerer Aktivist in seiner Heimat nicht mehr sicher fühlte. In Berlin fühlt er sich als Araber in der queeren Community diskriminiert – und vermisst das Kairo während der ägyptischen Revolution, die er als eine Zeit der sexuellen Emanzipation erlebt hat.

„‚Refugees Welcome‘ – dieser Slogan begegnete mir immer wieder, als ich im November 2014 nach Berlin zog. Aber ich fühlte mich in Deutschland nicht willkommen. Ich lebte für ein halbes Jahr in zwei verschiedenen Flüchtlingslagern und durfte Berlin nicht verlassen. Um der Einsamkeit zu entfliehen, datete ich andere Männer, die meisten von ihnen waren Deutsche. Doch mit ihnen fühlte ich mich genauso fremd. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich nur trafen, weil sie ihre Fantasien vom Orient auf mich projizierten. Dass sie für diese Nacht nur eines wollten: einen arabischen Macho, der sie im Bett dominiert.

„Er fragte mich wie aus dem Nichts: ‚Willst du Israel zerstören?‘“

Ich bin aus Ägypten geflohen, weil mir als politischer und queerer Aktivist politische Verfolgung drohte. Die ersten Monate in Berlin waren furchtbar. Ich fühlte mich gefangen in dieser grauen, kalten Stadt, die ich mir als Wohnort nicht ausgesucht hatte. Ich hatte Heimweh, sehnte mich nach Kairo und meinen Freunden. Als ich mich mit deutschen Männern in Bars traf, hatte ich das Gefühl, dass sie nie verstehen würden, was ich gerade durchmachte. Jeder heterosexuelle Geflüchtete aus Syrien oder Afghanistan verstand meine Situation besser als ein weißes Mitglied der Gay Community.

Trotzdem traf ich mich damals immer wieder mit weißen Männern. Die erste Frage war dann meistens: Woher kommst du? Und die zweite: Hast du dich vor deiner Familie geoutet? Ich fühlte mich in die Rolle des exotischen arabischen Mannes gedrängt – und mit Vorurteilen und sexuellen Fantasien konfrontiert. Ich begegnete Männern, die dachten, dass ich gewalttätig, sexistisch oder antisemitisch sei. Nachdem ich einmal mit einem Mann geschlafen hatte, fragte er mich wie aus dem Nichts: „Willst du Israel zerstören?“ Ich weiß nicht, ob er einen Witz machen wollte. Aber mich hat diese Frage verletzt.

Ich begegnete Männern, die mit mir Gewalt-, und Vergewaltigungsfantasien ausleben wollten. Einer von ihnen provozierte mich immer wieder, ihn zu schlagen. Ich verstehe, dass Gewaltfantasien Teil der Sexualität sind. Aber warum werden sie immer auf mich projiziert? Um solche Situationen zu vermeiden, date ich heute nur noch selten weiße Männer. Die meisten Männer, die ich auf ein Date treffe, sind wie ich Migranten oder haben einen Migrationshintergrund.

„Ich werde nicht als Mensch gesehen, sondern als Angehöriger eines bestimmten Kulturkreises“

Nach einem Jahr in Deutschland erhielt ich endlich Asyl. Ich begann, mich wieder in einer NGO für andere Flüchtlinge zu engagieren. Dabei habe ich immer wieder erlebt, dass manche Menschen in Deutschland Geflüchteten nur helfen, weil sie mit ihnen schlafen wollen. Einmal haben wir versucht, Wohnungen für queere Geflüchtete zu finden. Ein Mann bot ein Zimmer in seiner Wohnung an. Als er erfuhr, dass ein 40-jähriger Mann aus Russland zu ihm ziehen sollte, sagte er uns: Ich hätte lieber einen jungen Syrer.

Ich bin mir sicher, dass das sexuelle Interesse vieler Menschen von Sexismus, Homophobie oder Rassismus geprägt ist. Bei manchen zeigt sich dieser Rassismus, indem sie Menschen bestimmter Ethnien als potenzielle Partner ausschließen. Und bei anderen, indem sie sich auf sie stürzen – allerdings ohne sich für den Charakter dieser Leute zu interessieren. Diese Form der Fetischisierung ist in der deutschen Gay-Community sehr ausgeprägt: Hier gibt es viele weiße Männer, die mit Asiaten, schwarzen Menschen oder Arabern schlafen wollen. Das ist normalerweise auch gar kein Problem – solange sie mehr sehen als nur ihre Hautfarbe.

Einmal habe ich in Berlin eine Ausstellung über Völkerschauen besucht. Bei diesen Veranstaltungen wurden in der Kolonialzeit Menschen aus fremden Kulturen wie im Zoo in Käfigen ausgestellt. Jeder Kultur wurden unterschiedliche Charaktereigenschaften zugeordnet. Manchmal habe ich das Gefühl, dass viele Deutsche mich immer noch nach diesen kolonialen Vorurteilen beurteilen. Ich werde nicht als Mensch gesehen, sondern als Angehöriger eines bestimmten Kulturkreises. Als arabischer Mann muss ich dabei Klischees des wilden, hypersexuellen, aggressiven Machos bedienen. Diesen Vorstellungen kann ich nicht entkommen – genauso wenig wie die Araber*innen in den Völkerschauen ihren Käfigen entfliehen konnten.“

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