„Ich möchte mit einer Frau zusammen sein, der egal ist, woher ich komme“

Ramy möchte nicht gedatet werden, weil er für „exotisch“ gehalten wird.
Illustration: jetzt

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Potente Machos und prüde Jungfrauen. Über arabische Männer und Frauen gibt es viele Vorurteile. In der Kolumne „Sex auf arabisch“ reden sie über Geschlechterrollen, Liebe und Sex – und ihr Verhältnis zu Deutschland. Ramy (Name geändert*), 28, hat einen Vater aus dem Libanon und eine Mutter aus Deutschland. Er erzählt:

„Meine Mutter kommt zwar aus Deutschland und mein Vater aus dem Libanon. Ich fühle mich aber weder deutsch noch arabisch. Ich halte nichts von Labels und Nationalitäten. Trotzdem wird mir immer wieder dieselbe Frage gestellt: ‚Woher kommst du?‘ Egal, was ich auf diese Frage antworte, für viele ist die Antwort bereits klar: Ich bin Araber. Auch viele Frauen interessieren sich für meinen libanesischen Hintergrund. Wenn sie mich dann näher kennenlernen, sind sie oft enttäuscht. Denn ich entspreche nicht ihrem Bild vom exotischen arabischen Mann, sondern bin genauso ‚deutsch‘ sozialisiert, wie sie auch.

Ich bin in einem Dorf bei Mannheim aufgewachsen. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich drei Jahre alt war. Nachdem mein Vater wieder in den Libanon gezogen ist, zog meine Mutter mich und meine Schwester alleine auf. Für sie war das nicht einfach: Im ganzen Dorf wurde über sie gesprochen. Alleinerziehend und dann auch noch einen Araber als Ex-Mann! Auch ich hatte als Jugendlicher in unserem Dorf mit Vorurteilen kämpfen. Wenn ich beim Sommerfest meines Fußballvereins Bratwurst bestellt habe, sagte man mir: ‚Vorsicht, da ist Schweinefleisch drin!‘ Dabei bin ich getauft und heute Atheist. Ich wurde außerdem mal gefragt, ob sich die Menschen im Libanon mit Kamelen fortbewegen. Dabei gibt es im Libanon keine Kamele. Ich habe in meinem Leben bisher ein einziges Kamel gesehen und das wurde extra eingeflogen und vor einen alten Tempel gestellt – Damit sich die Touristen ihren Traum vom exotischen Orient erfüllen können.

Aber es hat auch Vorteile, wenn der Vater aus einem anderen Land kommt. Jedes Mal wenn ich in den Ferien in den Libanon flog, tauchte ich in eine andere Welt ein. Mit 18 fing ich an, mit meinem Cousin die Clubs der wohlhabenden christlichen Viertel Beiruts zu entdecken. Dort interessierten sich viele Frauen oft erst dann für mich, als sie erfuhren, dass ich einen anderen kulturellen Hintergrund habe. Deswegen war ich als Ausländer für sie plötzlich interessant und musste Tausende Fragen über Deutschland beantworten. Trotzdem wollte noch nie eine libanesischen Frau mit mir schlafen. Das liegt nicht daran, dass dort die jungen Menschen vor der Ehe keinen Sex haben. Zumindest in den wohlhabenden Vierteln sind sie genauso freizügig wie in Europa. Der Grund ist ein anderer: Ich kenne die genauen Datingregeln im Libanon einfach nicht und weiß nicht, wie ich mich nach dem ersten Kuss verhalten soll.

Deswegen nenne ich manchmal einen anderen Namen, wenn ich mich einer Frau vorstelle

Einmal war ich mit meinem Cousin und drei libanesischen Frauen nachts am Strand. Wir haben Wodka getrunken und sind dann schwimmen gegangen. Dafür zogen wir uns bis auf die Unterwäsche aus. Ich hatte ganz normale Boxershorts an, trotzdem machten sich die Frauen über sie lustig. Mich versunsicherte das. Umso verwunderter war ich, als mich eine der Frauen auf den Mund küsste. Ich küsste sie zurück und wollte dabei ihre Schulter berühren. Doch sie hielt mich davon ab. Küssen war okay, andere Berührungen nicht. Solche körperlichen Grenzen habe ich auch bei anderen libanesischen Frauen erlebt.

Auch sonst gibt es Unterschiede im Datingverhalten: Weil die meisten jungen Leute bei ihrer Familie leben, geht man zum Sex in der Regel nicht nach Hause, sondern fährt mit dem Auto zum nächsten Parkplatz. Außerdem wird normalerweise erwartet, dass der Mann den ersten Schritt macht. Dafür bin ich aber gar nicht der Typ, ich bin schüchtern. Inzwischen habe ich akzeptiert, dass es für mich nicht so leicht ist, im Libanon mit Frauen zu schlafen. Das ist aber auch nicht schlimm, schließlich lebe ich in Deutschland.

Aber auch in Deutschland ist meine Herkunft beim Weggehen immer wieder ein Thema gewesen. Dabei sieht man mir meinen arabischen Hintergrund gar nicht an. Mir ist es oft unangenehm, wenn mein Gegenüber meinen Namen hört und mir dann Fragen über meine Herkunft stellt. Deswegen nenne ich manchmal einen anderen Namen, wenn ich mich einer Frau vorstelle. Zum Beispiel Tom oder Karl. Hauptsache der Name klingt nicht arabisch und ich muss ihn nicht buchstabieren.

„Was spricht man denn da?“ – „Arabisch“ – „Sag mal was auf Arabisch!“

In den meisten Fällen stelle ich mich aber mit meinem richtigen Namen vor. Dann passiert oft dasselbe wie im Libanon: Die Frau hat plötzlich viel mehr Interesse an mir. Oft entsteht dann der immer selbe Dialog: ‚Woher kommst du?‘ – ‚Aus der Nähe von Mannheim.‘ ‚Nee, woher kommst du wirklich?‘ – ‚Aus der Nähe von Mannheim.‘ Wenn ich dann irgendwann doch erzähle, dass mein Vater aus dem Libanon ist, kommt die nächste Frage: ‚Was spricht man denn da?‘ – ‚Arabisch‘ – ‚Sag mal was auf Arabisch!‘

Doch das Interesse an meiner Herkunft hört oft nicht bei nervigen Fragen auf: Einmal hat mich eine Frau beim Sex gefragt, ob ich ihr etwas auf Arabisch zuflüstern könne. Ich raunte ihr irgendeine Floskel ins Ohr. Sie sagte nur: Oh, das klingt aber aggressiv! Ich habe mich nie wieder mit ihr getroffen. Denn ich möchte, dass sich eine Frau für mich als Person interessiert und nicht nur für meinen kulturellen Hintergrund. Eine andere Frau war enttäuscht, dass ich nicht beschnitten bin.

Was beide Frauen meiner Meinung nach eint: Sie haben eine romantisierende, rassistische Vorstellung von der gesamten arabischsprachigen Region. Arabische Männer sind für sie kulturell fremd und deswegen aufregend. Für die Lebensrealität im Land interessierten sie sich aber nicht. Als ich ihnen erzählte, wie hart das Leben für viele Libanesen in Wirklichkeit ist, wollten sie das Thema wechseln. Und lieber über etwas reden, das ihre romantische Vorstellung nicht kaputt macht.

Ich frage mich oft, warum so viele deutsche Frauen meine arabische Herkunft anziehend finden. Meine Vermutung: Weil sie mich ‚exotisch‘ macht. Manche Frauen interessieren sich für arabische Männer, weil sie aus einem anderen Kulturkreis kommen. Sie haben zum Beispiel das Vorurteil, dass diese dominant und gleichzeitig charmant sind. Dass sie anders sind.  Ihre ‚Fremdheit‘ verunsichert sie aber auch. Also suchen sie sich einen Araber, der in Deutschland aufgewachsen und sozialisiert ist. Einen ‚Araber light‘, wenn man so will – ganz ohne kulturellen Barrieren wie eine andere Sprache oder Sozialisierung. Auf den ersten Blick bin ich genau das: Ich habe einen arabischen Hintergrund, spreche aber perfekt Deutsch und weiß, wie man sich beim ersten Date verhält. Trotzdem möchte ich diese Vorstellung vom integrierten Araber nicht erfüllen. Denn sie ist rassistisch. Aus diesem Grund möchte ich nur mit einer Frau zusammen sein, der es egal ist, woher ich komme.“

*Ramy will seinen richtigen Namen nicht im Netz lesen, deswegen haben wir ihn geändert. Der Redaktion ist der richtige Name aber bekannt.

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