„Mir kam es unmöglich vor, zugleich eine ‚echte Araberin‘ und Französin zu sein“

Leila, 27, ist französische Tunesierin. Ihre arabische Identität hat sie in der Liebe zu einem arabischen Mann gefunden.
Protokoll von Alexander Gutsfeld
sex auf arabisch frankreich tunesien

Bin ich Araberin? Oder Französin? Leila fiel es lange schwer, diese beiden Identitäten miteinander zu vereinen.

Illustration: jetzt

Potente Machos und prüde Jungfrauen. Über arabische Männer und Frauen gibt es viele Vorurteile. In der Kolumne „Sex auf Arabisch“ reden sie über Geschlechterrollen, Liebe und Sex – und ihr Verhältnis zu Deutschland. 

Leila (Name geändert) ist in Paris aufgewachsen, ihre Eltern kommen aus Tunesien. Lange hatte sie das Gefühl, weder Araberin noch Französin zu sein. Mit 24 zog sie zum Studieren in den Libanon, auf der Suche nach ihrer arabischen Identität. Heute hat sie sie in der Liebe zu einem arabischen Mann gefunden.

„Ich habe Männer aus der ganzen Welt gedatet. Weiße, Nicht-Weiße, Araber. Viele weiße Franzosen haben in mir eine scheinbar exotische Araberin gesehen und manche Araber eine sexuell offene Europäerin. Die Fantasien dieser Männer reduzierten mich auf meine Herkunft und verstärkten gleichzeitig meine Zweifel an meiner Identität. War ich Tunesierin oder Französin? Mein innerer Konflikt löste sich erst, als ich mit einem arabischen Mann zusammenkam, der mich nicht mit seinen Vorurteilen erdrückte.

Ich hatte das Gefühl, mich für meine Religion und meine Kultur rechtfertigen zu müssen

Als Kind flog ich mit meiner Familie, mit der ich in Paris lebte, jedes Jahr nach Tunesien. Für mich war damals immer klar, dass ich Araberin bin. Wir haben in unserer Familie oft Arabisch gesprochen und ich wurde muslimisch erzogen. Das änderte sich in meinen späten Teenager-Jahren: Ich begann zu rappen und nachts mit Freundinnen und Freunden auszugehen. Meine Eltern stürzte das in eine Krise: Sie hatten Angst, dass ich mich in eine westliche Frau verwandeln würde, die ihre arabische Herkunft vergisst. Und auch ich war mir nicht sicher, ob ich meine arabische Seite verlieren würde. Mir kam es unmöglich vor, zugleich eine ‚echte Araberin‘ und Französin zu sein. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass mir der Zugang zu beiden Identitäten verwehrt blieb: zu meiner arabischen Identität, weil ich nie in der Heimat meiner Eltern gelebt hatte, und zu meiner französischen, weil meine Eltern aus Tunesien kamen.

Dieses Gefühl verstärkte sich, als die französische Öffentlichkeit nach den Anschlägen vom 13. November 2015 in Paris immer islamophober wurde. Damals hatte ich das Gefühl, dass es in Frankreich nur zwei mögliche Biographien für Frauen mit arabischen Wurzeln gibt: Entweder man wird eine unterwürfige Ehefrau und bleibt Araberin, oder man lässt seine Kultur und Religion hinter sich und darf Französin werden. Ich wollte einen Mittelweg finden und meine arabische Identität stärken, ohne meine Unabhängigkeit zu verlieren. Ich entschied mich mit 22, dass meine Zukunft nicht in Paris liegt, sondern im arabischen Raum. Denn dort konnte ich fernab von meiner Familie nach meinen arabischen Wurzeln suchen und mir ein eigenes Leben aufbauen. Ich zog in den Libanon, um dort Arabisch zu studieren.

Doch auch im Libanon konnte ich dem weißen, rassistischen Blick auf meine arabischen Wurzeln nicht entfliehen. Einmal besuchte mich ein Franzose bei mir zuhause. Dabei trug ich eine Djellaba, ein traditionelles maghrebinisches Gewand, das einer Tunika ähnelt. Am nächsten Tag sahen wir uns auf einer Party wieder. Er kam mir ganz nahe und flüsterte mir ins Ohr: ‚Du warst so heiß in deiner Djellaba.‘ Dann fragte er mich, ob ich etwas darunter getragen hätte. Auch mein muslimischer Glaube war bei Männern immer wieder Thema: Ich habe Franzosen gedatet, die mich fragten, wie es sein könne, dass ich als Gläubige einen Nichtgläubigen datete. Gleichzeitig turnte es sie an, dass ich Muslimin bin. Im Libanon habe ich auch das Gegenteil erlebt: Ich traf Araber, die radikal links und atheistisch waren. Sie lehnten meinen Glauben ab und machten sich über ihn lustig. In beiden Fällen hatte ich das Gefühl, mich für meine Religion und meine Kultur rechtfertigen zu müssen.

Seitdem wir zusammen sind, muss ich nicht mehr überlegen, was ich sagen kann

Das änderte sich erst, als ich in einem anderen arabischen Land, in dem ich bis heute lebe, mit einem arabischen Mann zusammenkam, der mich so akzeptiert, wie ich bin. Seitdem kann ich endlich meine arabische Identität umarmen: Wir sprechen miteinander Arabisch, obwohl Arabisch nicht meine Muttersprache ist, und wenn ich eine Djellaba trage, zuckt er nur mit den Schultern. Für ihn ist mein Verhalten weder exotisch noch befremdlich. Anders als meine weißen Ex-Freunde beschwert er sich nicht darüber, dass ich jeden Tag mit meinen Eltern telefoniere. Denn er weiß, dass die tunesische Familie heilig ist. Es ist für ihn okay, wenn ich meinen Gebetsteppich ausrolle. Gleichzeitig wundert er sich nicht, wenn ich das nicht fünf Mal am Tage mache. Denn er versteht, dass jede Muslimin ihren Glauben anders lebt. Bei meinem arabischen Freund muss ich mich nicht schämen, wenn ich zum Essen ein Brot und meine Hände als Besteck benutze – er macht es nämlich genauso.

Seitdem wir zusammen sind, muss ich nicht mehr überlegen, was ich sagen kann und was nicht. Ich kann zum Beispiel den Ausspruch ‚bismillah‘, ‚in Gottes Namen‘, endlich wieder laut aussprechen. In Frankreich hatte ich mir das abgewöhnt. Denn wenn man dort bei einem Date das Wort ‚Allah‘ sagt oder einen Spruch, der den Namen Gottes beinhaltet, ist die romantische Stimmung mit einem Schlag hinüber und man wird mit argwöhnischen Fragen überschüttet. Mein Freund dagegen sagt selbst oft ‚bismillah‘. 

Ich bin mir sicher, dass interkulturelle Beziehungen auch funktionieren können. Ich kenne Menschen, die kulturelle Barrieren überwinden und ich bewundere sie für ihre Stärke. Aber für mich kann ich mir das nicht mehr vorstellen. Dafür sind die Missverständnisse und Strapazen in solchen Beziehungen oft zu groß. In der Beziehung zu meinem arabischen Freund konnte ein Teil von mir wieder zum Vorschein kommen, den ich zuvor verstecken musste. Weil ich verinnerlicht hatte, dass meine Angewohnheiten beschämend waren und kein nicht-muslimischer Franzose sie verstehen würde. Bei ihm dagegen kann ich beides sein: Araberin und Französin.

  • teilen
  • schließen