„Die Hand meines Ehemannes habe ich erst nach unserer Hochzeit berührt“

Samira, 30, über Sex im Islam und ihren Verzicht auf Intimität vor der Ehe.
Protokoll von Nabila Abdel Aziz und Alexander Gutsfeld
lass uns ueber sex reden 2

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Potente Machos und prüde Jungfrauen. Über arabische Männer und Frauen gibt es viele Vorurteile. In der Kolumne Sex auf Arabisch reden sie über Geschlechterrollen, Liebe und Sex – und ihr Verhältnis zu Deutschland. In dieser Folge erzählt die 30-jährige Samira*. Sie ist Palästinenserin, Doktorandin der Geschichte und in München aufgewachsen.

„Ich wusste immer, dass ich vor der Ehe keinen Sex habe möchte. Ich wollte auf den richtigen Moment warten. Dieser Moment kam nach meiner Hochzeit, als ich 27 Jahre alt war. Dass ich bis dahin enthaltsam geblieben bin, hatte religiöse Gründe: Für mich soll man im Islam seine Sexualität zwar ausleben. Aber nur in der Ehe. Dann kann Sex ein Geschenk Gottes sein, das zwei Menschen miteinander verbindet. 

Vor meiner Hochzeit habe ich mich von einer Gynäkologin über Verhütung beraten lassen. Obwohl ich mich mit meiner Entscheidung, bis zu meiner Ehe enthaltsam zu bleiben, total wohlgefühlt habe, war es mir unangenehm, der Ärztin zu sagen, dass ich mit 27 Jahren noch Jungfrau war. Ich wusste aus meinem Umfeld: In der deutschen Gesellschaft ist es ungewöhnlich, so lange auf den ersten Sex zu warten. 

„Es war ein schönes Gefühl, mit  jemandem zu schlafen, der sich mir versprochen hat“

Der erste Sex mit meinem Mann hat sich dann trotzdem ganz natürlich angefühlt. Er hatte genauso wenig Erfahrung wie ich, nämlich gar keine. Es war ein schönes Gefühl, mit jemandem zu schlafen, der sich mir versprochen hat. Ich habe ihm vertraut und er mir. Ich konnte mich fallen lassen. Es gab keinen Druck, irgendwas erreichen zu müssen. Für mich ist Sex etwas, das man zusammen erkundet. Nichts, worin man besondere Fertigkeiten beweisen muss.

In den Jahren vor meiner Ehe habe ich mich zwar manchmal nach Nähe gesehnt. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass ich etwas verpasse. Das liegt auch daran, dass ich viele muslimische Freunde hatte und es ganz normal für uns war, keinen Sex vor der Ehe zu haben. Die meisten meiner Freundinnen hatten auch erst mit Anfang 20 ihren ersten Freund. Ich habe mir nie gewünscht, ich könnte jetzt einfach irgendwen umarmen oder mit ihm Sex haben. Denn ich wusste, ich möchte das nur mit dem Mann erleben, mit dem ich verheiratet bin.

Ich trage Kopftuch und kleide mich eher konservativ. Das hat den angenehmen Effekt, dass ich auch vor meiner Hochzeit nie den Druck verspürt habe, sexy sein zu müssen, wenn ich das Haus verlasse. Im Sommer musste ich nie Bikini-ready und perfekt gebräunt sein. Wenn ich mein Aussehen pflege, dann tue ich das für mich – und nicht für die anderen.

„Nicht alle Muslime legen die islamischen Regeln so streng aus wie ich“

Zu Männern außerhalb der Ehe versuche ich keinen körperlichen Kontakt zu haben. Händchenhalten und Küsse sind für mich No-Gos, Händeschütteln und Umarmungen vermeide ich so gut es geht. Nicht alle Muslime legen die islamischen Regeln so streng aus wie ich, aber ich versuche, mich daran zu halten. Doch ich mache auch Ausnahmen: Wenn mir eine Person, die ich nicht so gut kenne, instinktiv die Hand entgegenstreckt oder mich umarmen will, dann schüttele ich ihre Hand oder umarme sie zurück, um sie nicht zu beleidigen. 

Einmal hatte ich einen Studienkollegen, der zur Begrüßung alle immer gleich herzlich umarmt hat. Da ich ihn fast jeden Tag an der Uni gesehen habe und nicht wollte, dass es mir jedes Mal unangenehm ist, wenn er mir um den Hals fällt, habe ich ihm gesagt, dass ich ihn zwar sehr mag, aber dass es mir lieber wäre, wenn er das nicht mehr tue. Er hat total gut reagiert und verständnisvoll genickt: „Das ist doch gar kein Problem! Gut, dass du mir das gesagt hast!“ Dabei hat er meine Hand getätschelt. 

„Obwohl wir uns gegenseitig nicht berührt haben, fühlte ich mich körperlich zu ihm hingezogen“

Die Hand meines Ehemannes habe ich erst nach unserer Hochzeit berührt. Wir haben uns in einem muslimischen Gemeindezentrum kennengelernt, Telefonnummern ausgetauscht und ganz viel zusammen unternommen. Obwohl wir uns gegenseitig nicht berührt haben, fühlte ich mich körperlich zu ihm hingezogen. Das habe ich auch gespürt, ohne ihn anzufassen, oder gar mit ihm rumzuknutschen. Wenn man sich beim Daten nicht berühren darf, ist man gezwungen, sich wirklich kennenzulernen. 

Selbst als wir schon verlobt waren, haben wir uns noch nicht berührt. Als wir dann einen Freund von meinem Ehemann besucht haben, streckte der mir seine Hand entgegen und ich schüttelte sie. Er ist auch Muslim, aber für ihn ist eine Berührung der Hände kein Problem. Das war schon witzig: Die Hand meines Verlobten hatte ich bis dahin noch nie geschüttelt, die seines Freundes schon. 

Ein Jahr später haben wir geheiratet. Trotzdem sind zwischen uns nicht alle Tabus gefallen: Analsex und Sex während der Periode sind im Islam verboten. Ansonsten ist eigentlich alles erlaubt. Solange es ein gegenseitiges Einverständnis gibt, kann Sex im Islam etwas Gesegnetes sein. Trotzdem spule ich bei Sex-Szenen in Filmen immer vor. Nicht weil ich sie eklig finde. Sie zeigen einen intimen Moment, auch wenn er nur gespielt ist. Warum soll ich da dabei sein? Das hat etwas Voyeuristisches. Darum werde ich auch nie einen Porno schauen. Eher fliege ich zum Mond. Oder habe eben einfach selber Sex.“

*Samira will ihren richtigen Namen nicht im Netz lesen, deswegen haben wir ihn geändert. Der Redaktion ist der richtige Name aber bekannt.

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