Wirkt sich Gewalt in Pornos auf unser Sexleben aus?

Wissenschaftlerin Madita Oeming sagt: „Pornografie ist kein Motor unserer Gesellschaft, sondern ein Spiegel.“
Interview von Berit Dießelkämper

Illustration: Federico Delfrati

Es gibt Pornos, in denen werden Frauen geschlagen, gewürgt, beschimpft und erniedrigt. Darüber, in wie vielen Pornos das passiert, gibt es keine eindeutigen Zahlen. Aber was macht das eigentlich mit den Konsument*innen dieser Filme? Welche Auswirkungen hat Gewalt im Porno auf unser Sexleben? Und kann es sinnvoll sein, Pornos und ihre Inhalte zu regulieren? Das haben wir Madita Oeming, 33, gefragt, die sich an der Universität Paderborn aus kultur- und literaturwissenschaftlicher Perspektive mit Pornos beschäftigt.

jetzt: Je nach Studie werden in zwei bis 80 Prozent der Pornos Gewalt gezeigt. Das ist ein ziemlicher Unterschied. Woran liegt das? 

Madita Oeming: Es ist sehr schwierig festzulegen, wo Gewalt anfängt. Einige Studien zählen bereits degradierende Sprache als Form von Gewalt, also wenn eine Frau beispielsweise als „Schlampe“ bezeichnet wird. Dadurch ergibt sich natürlich eine sehr viel höhere Prozentzahl. Teilweise wird auch BDSM-Pornografie in die Studien mit einbezogen. Das verfälscht das Bild. Denn was dort als Gewalt gewertet wird – Würgen, Fesseln, Auspeitschen – ist Teil der Inszenierung und mit sehr viel Kommunikation verbunden, also keineswegs mit nicht einvernehmlicher Gewalt gleichzusetzen.

Madita Oeming sagt: „Pornografie bildet die Machtstrukturen ab, die auch außerhalb der Pornos in der Gesellschaft existieren.“

Foto: privat

Was ist denn an Gewalt gegen Frauen so geil, dass sie in Pornos vorkommt?

Sexuelle Fantasien sind ein sehr komplexes Feld und man kann nicht so einfach sagen, warum jemanden etwas erregt oder nicht. Oft hat es weniger mit Gewalt, sondern mit Erniedrigung, Macht, Kontrollverlust oder Tabubrüchen zu tun. Ein großes Missverständnis ist aber, dass es sich dabei um echte Gewalt handele und dass es keine Absprachen gebe. Pornos vermitteln uns das Gefühl, dass wir anderen Menschen beim Sex zugucken und weil das teilweise so echt wirkt, vergisst man oft, dass es Drehbücher gibt, dass die Darsteller*innen sich vorab einigen, was okay ist und was nicht, und dass sehr viele Menschen am Set stehen und Anweisungen geben. 

„Pornografie ist kein Motor unserer Gesellschaft, sondern ein Spiegel“

Also alles halb so schlimm und Gewalt gegen Frauen in Pornos ist nur eine sexuelle Vorliebe, die von Darsteller*innen bedient wird? 

Damit wäre ich vorsichtig. Es ist schwierig, Pornos zu einem einheitlichen Medium zusammenzufassen. Je professioneller die Produktion ist, umso eher kann man davon ausgehen, dass es einen Vertrag und Absprachen gibt. Im Amateurbereich gelten diese Standards nicht unbedingt. Natürlich gibt es nie eine Garantie dafür, dass keine Grenzen überschritten wurden. Das gilt aber nicht nur für Pornos: Wir sehen an der #metoo-Debatte, dass Grenzüberschreitungen und das Ausnutzen von Machtpositionen ein grundsätzliches Problem sind. 

Die dargestellte Gewalt geht meistens von Männern aus und richtet sich gegen Frauen. Trotzdem gibt es auch Frauen, die das erregt. Was bedeutet das?

„Vergewaltigungsfantasien“ – unterschiedlich stark ausgeprägt – sind durchaus ein wiederkehrendes Motiv im Porno und es ist falsch zu glauben, dass Filme, in denen die Grenzen von Frauen scheinbar überschritten werden, nur Männer ansprechen. Aber nur weil eine Frau Gewaltdarstellungen im Porno erregen, bedeutet das nicht, dass sie auch im echten Leben sexuelle Gewalt erleben möchte. Es ist eine Fantasie. Das gilt genauso natürlich auch für zuschauende Männer.

Die große Befürchtung ist ja tatsächlich, dass Gewaltdarstellungen in Pornos auch zu mehr sexueller Gewalt im echten Leben der Zuschauer*innen führen. Stimmt das?

Statistisch gesehen nicht, denn obwohl seit den späten 1990er Jahren der Zugang zu Pornografie durch das Internet sehr viel einfacher, anonymer und auch kostenlos wurde, sind die Zahlen zu sexueller Gewalt seitdem eher rückläufig. So einfach kann die Gleichung also nicht sein. Das ist meiner Meinung nach auch eine grundsätzliche Fehlannahme über Pornografie: Sie ist kein Motor unserer Gesellschaft, sondern sie ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Sie bildet die Machtstrukturen ab, die auch außerhalb der Pornos in der Gesellschaft existieren. 

Für viele junge Menschen sind Pornos ein großer Teil ihrer Sexualerziehung. Ist das nicht problematisch, wenn dort immer wieder Gewalt zu sehen ist, weil sie dann vielleicht glauben, dass Dinge wie Würgen einfach zum Sex dazugehören? 

Absolut. Aber das ist nicht die Schuld von Pornos, sondern von versagender Sexualaufklärung. Es wird immer noch nur über Geschlechtskrankheiten, Schwangerschaft oder Menstruation gesprochen und nicht über Lust – also über das, was Menschen, die sich sexuell entdecken möchten, interessiert. Gäbe es eine vernünftige Aufklärung in der Schule, würden junge Menschen diese Informationen seltener in Pornos suchen und könnten, wenn sie mit problematischen Inhalten konfrontiert werden, viel besser damit umgehen. 

„Im feministischen Porno wird nicht nur gekuschelt, wie gerne angenommen wird“

In Großbritannien wurden als Maßnahme gegen Gewaltdarstellungen in Pornos bestimmte Sexualpraktiken verboten ...

Das ist für mich ein Beispiel für völlig fehlgeleitete Politik: Squirting, also die weibliche Ejakulation, wurde dabei auch verboten – ein Ausdruck von weiblicher Lust. Für mich ist das Pseudofeminismus, weil es nicht darum geht, Frauen zu schützen, sondern Frauen vorzuschreiben, wie sie Sex haben sollen. Pornos zu regulieren oder zu verbieten, halte ich grundsätzlich für keinen klugen Ansatz. Es kann kein Gesetz dafür geben, wie man richtig und respektvoll Sex miteinander hat. So funktioniert das einfach nicht. 

Und was kann funktionieren?

Es ist wahnsinnig wichtig, über Gewalt gegen Frauen zu sprechen, aber ich halte die Diskussion über Pornografie für ein Ablenkungsmanöver. Sexueller Gewalt passiert meistens im nahen Familien- oder Freundeskreis. Da ist es natürlich sehr viel einfacher, die Pornografie zum Sündenbock zu machen, als über die Strukturen zu sprechen, die Missbrauch ermöglichen. Es muss umgedacht werden, es braucht Dialog, Aufklärung und vor allem Sicherheit für Betroffene.

Was kann man selbst tun, wenn man sich zwar Pornos, nicht aber Gewalt gegen Frauen ansehen möchte?

In den vergangenen Jahren ist der Markt der feministischen und der ethischen Pornografie extrem gewachsen. Dabei wird ganz bewusst Wert auf Sicherheit, Konsens und gute Arbeitsbedingungen gelegt. Dazu gehört aber auch – und dazu sind viele Menschen nicht bereit – für Pornos Geld zu bezahlen. Das heißt aber nicht, dass man dort nichts von dem findet, was einige Studien als Gewalt definieren würden. Im feministischen Porno wird nicht nur gekuschelt, wie gerne angenommen wird.

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