Wie zuverlässig sind Youtube-Videos über natürliche Verhütung?

Wir sind drei Info-Videos mit einer Expertin durchgegangen. Die ist geteilter Meinung.
Von Katharina Steinhäuser

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Morgens kurz Temperatur messen, den Körper beobachten und alles ganz easy per App auswerten lassen. So oder so ähnlich wird natürliche Verhütung auf Youtube erklärt. Doch wie sicher sind die beschriebenen Methoden und Apps? Und sind sie wirklich eine Alternative zur Pille?

Natürliche Verhütung oder auch natürliche Familienplanung (NFP) ist ein Überbegriff für Verhütungsmethoden, bei denen körperliche Symptome beobachtet und nach festgelegten Regeln ausgewertet werden, um die fruchtbaren Tage einer Frau zu ermitteln. Wie das genau funktioniert, versuchen Youtuberinnen, die selbst auf diese Weise verhüten, in ihren Videos zu erklären. Das klingt dann manchmal fast schon zu leicht, um wahr zu sein.

Gleichzeitig führt es auch schnell zu Verwirrung, da die scheinbar gleiche Methode oft unterschiedlich erklärt wird. Um herauszufinden, wie viel Wahres in solchen Videos steckt, habe ich drei davon mit einer Expertin besprochen. Petra Frank-Herrmann ist Funktionsoberärztin für Gynäkologie an der Universitätsfrauenklinik Heidelberg und Leiterin der Sektion Natürliche Fertilität. Sie bewertet es grundsätzlich positiv, dass sich Frauen auch mit natürlicher Verhütung auseinandersetzen. Die Verbreitung von Halbwissen betrachtet sie jedoch als problematisch.

„Der erste Teil ist fachlich sehr gut“

Als erstes sieht sich die Expertin ein Video der Youtuberin LunarJess an, in dem diese ihre Erfahrungen mit NFP teilt und allgemeine Fragen beantwortet. Petra Frank-Herrmann ist zunächst positiv überrascht, wie gut sich die Youtuberin auszukennen scheint: „Der erste Teil ist fachlich sehr gut, mit Sensiplan beschreibt sie eine sichere NFP-Methode.“ Die natürliche Verhütung auf Basis von Sensiplan ist laut der Expertin die Methode, die derzeit in Frage kommen sollte. Sie wurde über Jahre hinweg von der Arbeitsgruppe NFP, deren Träger die Malteser sind, entwickelt. Das Team besteht aus Ärzt*innen, Pädagog*innen und Berater*innen und wird durch Forschung an der Universität Heidelberg begleitet. Bei der symptothermalen Methode nach Sensiplan wird täglich die Aufwachtemperatur gemessen und eine Reihe weiterer körperlicher Symptome, wie der Zervixschleim, beobachtet. Durch die Anwendung bestimmter Regeln können daraus die fruchtbaren Tage ermittelt werden. Dabei ist es wichtig, dieses Beobachten des Körpers und das Auswerten der Symptome ausführlich zu erlernen. Deshalb gehört zu Sensiplan auch ein umfassendes Informationskonzept mit weiterführender Literatur und Kursen.

Anschließend wird im Video ein Thermometer und die passende App von Ovy präsentiert. Damit soll die natürliche Verhütung noch einfacher sein, da das Thermometer die Temperatur beispielsweise direkt per Bluetooth an das Smartphone sendet. Auch die körperlichen Symptome werden in der App erfasst. Diese zeigt dann theoretisch die fruchtbare Phase an. Eine selbstständige Auswertung der Temperaturkurve oder der Symptome entfällt. Das sieht Petra Frank-Herrmann kritisch: „Plötzlich macht die Youtuberin einen Schwenk und überträgt einfach Fakten von Sensiplan auf Ovy.“ Diese App habe laut der Expertin mit der sicheren Sensiplan-Methode aber wenig zu tun. Ovy gebe, wie auch andere Apps, auf Basis vergangener Daten Prognosen über den zukünftigen Eisprung ab. Das sei nicht sicher, da die Länge des Zyklus und damit auch die fruchtbaren Tage schwanken könnten. „Das ist, als ob sie behaupten, letztes Jahr im Mai war es sonnig, also wird es dieses Jahr wieder so“, erklärt Petra Frank-Herrmann. Problematisch sieht sie auch die Empfehlung, dass man sich auf die App verlassen könne, sobald man sich sicher fühle. Das sei sehr subjektiv.* 

„Es wird alles durcheinander dargestellt“

Wie komplex das Thema natürliche Verhütung ist, zeigt sich beim nächsten Video auf dem Kanal von Ailyn Moser. Hier werden verschiedene Informationen vermischt. „Man merkt, dass sie viel zum Thema gelesen hat, aber es wird alles durcheinander dargestellt“, sagt die Expertin. Ein Beispiel ist der im Video genannte Pearl Index. Dieser gibt an, wie viele von 100 Frauen mit einer bestimmten Verhütungsmethode in einem Jahr schwanger werden. Der Pearl Index für NFP mit der Sensiplan-Methode inklusive persönlicher Beratung liege bei 0,3. Also ähnlich sicher wie die Pille, deren Pearl Index zwischen 0,1 und 0,9 liegt. Dieser werde im Video einfach auf Verhütungscomputer übertragen. Mittels Verhütungscomputer lässt sich beispielsweise die Aufwachtemperatur messen und das Gerät zeigt durch grünes oder rotes Leuchten direkt den Fruchtbarkeitsstatus an. Doch auch diese Produkte beruhen laut Petra Frank-Herrmann nicht auf der gleichen Methode wie Sensiplan. Den Pearl Index zu übertragen sei demnach falsch. Ein Lob von der Expertin gibt es dagegen für den Verweis auf weiterführende Literatur. So könnten Interessierte sich im Zweifelsfall selbst besser informieren.

„Das ist schlechter als früher mit der Kalendermethode“

Ein ganz anderes Vorgehen promotet die Youtuberin Wula Fares. Sie trackt ihren Zyklus mit der App Clue und verlässt sich ansonsten auf ihr Bauchgefühl. Von der Idee, mit Clue zu verhüten, hält die Expertin nichts: „Das ist schlechter als früher mit der Kalendermethode.“ Man könne in der App zwar mittlerweile diverse Angaben zu körperlichen Symptomen machen, verwendet würden die Informationen bei der Berechnung allerdings nicht. Stattdessen arbeite die App mit Durchschnittswerten. Zur Verhütung ist der Menstruationskalender Clue auch nicht gedacht, darauf wird in der Produktbeschreibung hingewiesen.

Als riskant stuft es die Expertin auch ein, sich beim Eisprung nur auf das Gefühl zu verlassen: „Was, wenn der Zyklus doch mal aus der Reihe tanzt und sie es nicht rechtzeitig spürt?“ Spermien könnten schließlich circa fünf Tage im Körper überleben. Den Erfolg ihrer „Methode“ begründet Wula Fares damit, bisher nicht schwanger geworden zu sein. „Da bin ich sprachlos“, sagt Petra Frank-Herrmann. Natürlich würde ein Beachten „vermeintlich“ fruchtbarer Tage das Schwangerschaftsrisiko im Vergleich zu gar keiner Verhütung reduzieren. Sicher und empfehlenswert ist das laut Expertin aber keinesfalls.

Die fruchtbaren Tage nur zu berechnen oder zu „erfühlen“ ist also keine gute Idee, wenn eine Schwangerschaft sicher verhindert werden soll. Doch auch die existierenden Zyklus-Apps, die Temperatur und weitere Faktoren erfassen, sieht Petra-Frank-Herrmann kritisch. Es gebe kaum Studien zu deren Sicherheit und wenn dann würden diese lediglich durch die Hersteller selbst erstellt.

Auch Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte und niedergelassener Gynäkologe in Hannover, sieht die Entwicklung kritisch: „Das Interesse an natürlicher Verhütung ist heute größer geworden, weil einige Apps und vor allem viele Influencerinnen die Meinung vertreten, die natürliche Verhütung sei super einfach und leicht zu bewerkstelligen. Das ist ein Irrtum, denn schon leichter Stress, eine Erkältung oder eine Diät können den Zyklusablauf stören.“ Die natürliche Verhütung gelte zu Recht als unzuverlässig, wenn sie nicht mit sehr großer Sorgfalt und Zuverlässigkeit betrieben werde, betont Albring.

„Eine persönliche Beratung macht Sinn, wenn man sich wirklich sicher sein will“

Wer auf natürliche Weise verhüten wolle, sollte sich durch qualifizierte Literatur informieren und auch persönliche Beratung hinzuziehen, rät Petra Frank-Herrmann. Eine erste Anlaufstelle ist die Seite nfp-online.de. „Eine persönliche Beratung macht Sinn, wenn man sich wirklich sicher sein will“, sagt die Expertin. Sie empfiehlt, die Methode zunächst auf diese eher „altmodische“ Weise zu lernen, um ein Grundverständnis zu erlangen. Nach mehreren Monaten könne man überlegen, eine App hinzuzunehmen. Eine komplett geprüfte Anwendung gibt es laut Expertin bisher nicht. Einige Apps würden immerhin auf Basis der Sensiplan-Methode arbeiten. Dazu gehören unter anderem Lady Cycle, MyNFP oder Mywonder. Doch auch hier fehlten Studien zur Anwendung, die beispielsweise Fehler bei der Nutzung ausschließen würden.

Wie gefährlich unzureichendes Wissen und falsches Vertrauen auf Apps sein kann, hat die Ärztin auch bei einer ihrer Patientinnen schon miterlebt. Eine 19-Jährige war ungewollt schwanger geworden, weil sie sich auf eine Menstruationskalender-App verlassen hatte. „Es könnte sein, dass die Schwangerschaftsraten etwas ansteigen“, sagt die Expertin. Die Anzahl der Schwangerschaftsabbrüche in 2019 ist laut statistischem Bundesamt im Vergleich zum Vorjahr aber fast gleich geblieben. Wirklich Konkurrenz macht die natürliche Verhütung der Pille bisher auch nicht. Laut einer Studie der BZgA von 2018 ist die Pille nach wie vor das am häufigsten benutzte Verhütungsmittel.

Die deutliche Mehrheit der Frauen, die auf NFP umsteigen, ist laut Petra Frank-Herrmann zwischen 20 und 30 Jahren alt. Jüngere Mädchen und Frauen würden sich bisher weniger für die Methode interessieren. Grundsätzlich spielt das Alter für das Erlernen von NFP laut Expertin aber keine Rolle: „Oft wurde vorher mit der Pille verhütet, das heißt die Beobachtung von Eisprung oder Zervixschleim ist auch für ältere Frauen neu“. Wichtig sei eine ausgiebige Lernphase und eine konsequente Anwendung, statt blindes Vertrauen auf Apps. Dann könne mit der Methode so sicher verhütet werden wie mit der Pille, sagt Petra Frank-Herrmann. Damit ist ein Rat, der in fast allen Youtube-Videos zum Thema auftaucht, besonders wichtig: Nicht einfach nachmachen, sondern informieren, informieren, informieren!

*Anm. d. Red.: Nach Veröffentlichung des Artikels hat uns eine Klarstellung von der Ovy App erreicht, die wir hier veröffentlichen Die Ovy App wendet im Modus „Empfängnisregelung“ die Regeln der symptothermale Methode, auch bekannt als Natürliche Familienplanung, an. Das bedeutet, die Nutzerin muss täglich neben ihrer Temperatur ein weiteres Symptom, also ihren Zervixschleim oder Muttermund erfassen. Wenn der Algorithmus diese Information nicht erhält, geht er automatisch von „Fruchtbar“ aus. Erst, wenn ausreichend Datenpunkte erfasst sind, um alle Regeln zu erfüllen, kann von „nicht fruchtbaren Tagen“ ausgegangen werden. Entsprechend ändert sich die Anzeige in der Ovy App.  Wenn eine Ovy Nutzerin nicht streng nach dem Regelwerk auswerten will und z.B. „nur“ nach Temperaturmethode, kann sie in der App den Modus „Körper kennenlernen“ oder „Schwanger werden“ auswählen. Die Anzeige bezieht sich dann nur noch auf eine Wahrscheinlichkeit. Wir kommunizieren die unterschiedlichen Sicherheitsstufen transparent an die Nutzerin. Allerdings wurde der strenge NFP Modus erst vor zwei Jahren in die App integriert.

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