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Illustration: Daniela Rudolf

Mein jungfräuliches Teenager-Ich wollte Sex. Eindeutig. Trotzdem war es auf der Hut. Für das erste Mal eines Mädchens gab es schließlich eine strenge Choreographie: Es musste mit dem „Richtigen“ passieren, also einem Jungen, mit dem man zusammen war. Aber bloß nicht zu schnell, sonst lief man Gefahr, als Schlampe zu enden. Ein großer Akt war das, der wohlüberlegt sein wollte. Nichts würde mehr so sein wie vorher, das sagten uns schon die Begriffe, mit denen unsere Entjungferung umschrieben wurde. Immerhin bedeutete das Abpflücken unserer Blume („Defloration“) nichts weniger als den Verlust unserer Unschuld.

Die Jungs wollten auch Sex, das war klar. Nur dass um ihr erstes Mal nicht halb so viel Gewese gemacht wurde wie um unseres. Eigentlich gar keins. Für sie war sexuelle Erfahrung nur von Vorteil, und die konnten sie sich ruhig so schnell wie möglich draufschaufeln. „Unberührt“ und „rein“ zu sein hatte nur einen Wert, wenn man ein Mädchen war. Dann hatte man sich halt aufgespart.

Dass männliche Sexualität in unserer Gesellschaft anders behandelt wird als weibliche, ist nichts Neues. Schließlich mussten sich Männer über Jahrtausende hinweg den Uterus ihrer Frauen für den alleinigen Gebrauch sichern. Wer wollte seinen Acker schon an ein Kuckuckskind vererben? Aus genau dieser Tradition stammt die „He's a Stud, She's a Slut“-Problematik, die Jessica Valenti in ihrem gleichnamigen Buch beschreibt: Ist eine Frau treu beziehungsweise enthaltsam, ist sie gut. Vögelt sie durch die Gegend, ist sie eine Schlampe. Durch die Abwertung von weiblicher Sexualität hält man sie unter Kontrolle.

Ich weiß, ich spreche von einem hohen Ross herab (hihi, Reiten, hihihihi). Wir haben und hatten Glück, immerhin bekommen und bekamen viele von uns sogar den elterlichen Segen für die Pille. Niemand verlangt von uns, jungfräulich in die Ehe zu gehen. Keine von uns muss sich, wie es in den amerikanischen Bible-Belt-Staaten häufiger vorkommt, in ein Tüllkleid quetschen und auf einem dieser „Purity-Balls“ Gott und Daddy die Treue schwören. Oder muss, wie es in muslimischen Ländern immer wieder der Fall ist, um die eigene Ehre und gleich die der ganzen Familie bangen, wenn sie auf ihrem Hochzeitslaken keine Blutspuren hinterlässt.

Wäre ich nicht auf ein Gymnasium mit einer ethnischen-religiösen Durchmischung von 0,01 Prozent gegangen, dann hätte ich wohl schon damals eine Ahnung davon bekommen, wie vielen Frauen mit islamischem Hintergrund es auch mitten in Europa so geht. Sie haben nicht nur dann Angst, womöglich nicht zu bluten, wenn sie verbotenerweise vorehelichen Sex hatten, sondern selbst, wenn Keuschheit ihr zweiter Vorname ist. Denn dass das Jungfernhäutchen beim ersten Eindringen eines Penisses nicht unbedingt blutig einreißen muss, hat sich inzwischen rumgesprochen. Verlangt wird der Unschulds-Beweis von Ehemännern oder gar Verwandten oft trotzdem.

 

Man kann einer Vulva, entgegen der weit verbreiteten Annahme, ihre Jungfräulichkeit nicht ansehen

Die Frauen müssen sich also selbst helfen: Hatten sie bereits Sex, erhöht eine operative Hymenrekonstruktion die Chance auf erneute Blutung. Gynäkologen und plastische Chirurgen bieten diese umstrittene Operation, über deren Häufigkeit es aber keine verlässlichen Zahlen gibt, auch in Deutschland an. Eine andere Möglichkeit gibt’s im Internet für einen Bruchteil des OP-Preises: künstliche Jungfernhäutchen – im Gegensatz zum Hymen aus Fleisch und Blut bekommt man hier eine 100-Prozent-Erfolgsgarantie. So ein mit künstlichem oder tierischem Blut oder Blutpulver gefülltes Cellulosesäckchen wird wie ein Tampon in die Vagina eingeführt, wo es sich im Kontakt mit Wärme und Feuchtigkeit auflöst – und voilà, die rote Hochzeitsnacht ist gerettet.

Was viele auch christlich sozialisierte Menschen nicht wissen: Umgekehrt muss eine vaginale Blutung nicht unbedingt von Unberührtheit zeugen. Denn nur allzu leicht kann es passieren, dass die empfindliche Schleimhaut von ruppigem Eindringen und unsanften Stößen verletzt wird – vor allem, wenn sie nicht feucht genug oder zu angespannt ist. Überhaupt kann man einer Vulva, ganz entgegen der weit verbreiteten Annahme, ihre Jungfräulichkeit nicht ansehen. Manchmal reißt das Hymen schon vor dem ersten Sex ein – beim Sport oder bei einem Unfall beispielsweise. Oder es wächst nach dem ersten Schäferstündchen narbenfrei wieder zusammen.

Die Beschaffenheit des Hymens ist  Veranlagungssache und sagt nichts über die sexuelle Aktivität seiner Besitzerin aus

Generell gibt es für das Aussehen des Jungfernhäutchens keine Norm. Es ist nicht mal wirklich ein Häutchen, sondern eine Schleimhautfalte, die um die Vaginalöffnung herum sitzt und sie in den meisten Fällen etwas verengt. Sie kann wie ein Ring geformt sein oder wie ein Halbmond, faltig sein, fransig oder glatt. Manchmal verdeckt ein Teil davon den Scheideneingang, manchmal ist es löchrig wie ein Sieb. Es wird auch nicht, wie oft angenommen, vom Penis durchstoßen oder kaputtgemacht, sondern einfach nur aufgedehnt. Dabei kann es leicht einreißen – und schon kommen die besagten Bluttröpfchen.

Die Beschaffenheit des Hymens ist also vor allem Veranlagungssache und sagt absolut nichts über die sexuelle Aktivität seiner Besitzerin aus – ganz genau wie die Enge oder Weite einer Vagina, die gern als Referenz dafür genommen wird, wie viele Kerle eine Frau schon in sich hatte. Darum dürfen Sprüche über ausgeleierte Pussys auch auf keinen Fall fehlen, wo Männer promiskuitive Frauen runtermachen.

Über einen von all seinen Ausschweifungen erschlafften Penis hingegen hörte ich noch nie eine Frau lachen. Genau so wenig wie ein Mann bei der Hochzeit von seiner Mama an die Braut übergeben werden kann. Oder er Weiß tragen muss als Zeichen seiner Unschuld. Überhaupt, wer unsere Hochzeitszeremonien als sinnentleerte, aber schöne Traditionen begreift, soll das bitte sehr machen. Er oder sie sollte nur bedenken, dass sie aus einer Zeit stammen, in der die weibliche Sexualität ausschließlich von Männern kontrolliert wurde. Oder, wie es die Psychologin Sandra Konrad in „Das beherrschte Geschlecht – Warum sie will, was er will“ so schön zusammenfasst: „Das weibliche Geschlecht gehört dem männlichen – erst dem Vater, dann dem Mann. […] Sex ist dabei der Feind des weiblichen Geschlechts, dem erst nach der Hochzeit zum Zweck der Fortpflanzung begegnet werden darf.“

Über diese Zeiten sind wir hinweg (zumindest die Teile unserer Gesellschaft, die nicht fundamental religiös sind). Seit der Kranzgeldparagraph im Jahr 1998 abgeschafft wurde, hat die weibliche Jungfräulichkeit in Deutschland auch keinen monetären Wert mehr. Bis zu diesem Zeitpunkt sicherte das Gesetz einer Frau, die von ihrem Verlobten zum vorehelichen Sex verführt wurde, einen Schadensersatz für die verlorene Jungfräulichkeit zu, wenn die Ehe dann doch nicht zustande kam. Auch wenn dieser Paragraph seit den 1980er-Jahren keine Anwendung mehr fand, zeigt er sehr anschaulich, wie kurz die Geschichte der selbstbestimmten, von der Ehe entkoppelten weiblichen Sexualität überhaupt erst ist.

Bis zur endgültigen Befreiung dauert es wohl noch ein bisschen. Ein guter Indikator dafür wäre unter anderem, wenn Mädchen, die Sex wollen, keinen Ruf zu verlieren haben. Und Jungs, die keinen wollen, genau so wenig. 

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