„Gesunde Gamer*innen sind deutlich leistungsfähiger”

Wenig Bewegung, schlechte Ernährung, kaum Sonnenlicht. Wie können Gamer*innen lange gesund bleiben?
Foto: Adobe Stock; Bearbeitung: jetzt

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Wenn Yoga als Hobby für Achtsamkeit und Gesundheitsbewusstsein steht, steht Gaming wohl auf der anderen Seite des Spektrums, irgendwo in einer dunklen Ecke zwischen klebrigen Energydrinks und fettigem Fast Food. Zumindest ist das ein Vorurteil. Und auch wenn das überzogen ist, gibt es ein paar Dinge, die man als Gamer*in falsch machen kann. Stefan Doubek, 32, ist Physiotherapeut und Gründer von „Gamers Health“, einem Verein, der es sich zum Ziel macht, die Gesundheit von Gamer*innen zu fördern. Im Gespräch gibt er Tipps für einen besseren Umgang mit Controller und Tastatur.

gesundes gaming portrait

Stefan Doubek ist 32, Physiotherapeut und Gründer des Vereins „Gamers Health“.

Foto: @Lichtjäger

jetzt: Früher hast du World of Warcraft gespielt, heute spielst du League of Legends, auf ziemlich hohem Niveau. Gleichzeitig arbeitest du als Physiotherapeut. Wie ist es, in der Praxis auf Gamer*innen und ihre Probleme zu treffen?

Stefan Doubek: Das kommt immer häufiger vor. Was ich merke, ist, dass sich Gamer*innen mir gegenüber mehr öffnen, weil ich selbst einer bin. Wenn man die gemeinsame Erfahrung teilt, kann da sehr offen miteinander reden. 

An Klischees über Gamer*innen mangelt es nicht. Wenig Schlaf, Fettleibigkeit, schlechte Ernährung. Was ist da dran?

Die Sporthochschule Köln beschäftigt sich damit regelmäßig in Studien und hat Gamer*innen dazu befragt, wie es ihnen geht. Dabei zeigte sich: Es gibt keinen Unterschied zur Normalbevölkerung. Natürlich gibt es auch depressive, übergewichtige, übermüdete Gamer*innen. Die sitzen auch immer wieder vor mir in der Physiotherapie. Aber man sollte sich auch fragen: Warum fangen sie mit dem Spielen an? Für einige ist es eine andere, eine heile Welt, in der sie nicht dafür verurteilt werden, wie sie aussehen oder weil sie übergewichtig sind. Nicht jedes gesundheitliche Problem entsteht erst durch Gaming.

Und dann sind da noch die Aggressionen. Die letzte Killerspiel-Debatte ist lange her, doch das Thema war nie so recht vom Tisch. Macht Gaming aggressiv?

Es gibt Studien, die belegen, dass Gaming Aggressionen fördert, andere widerlegen das. Einig ist man sich dabei, dass es direkt nach dem Spielen zu erhöhter Aggression kommen kann, die nach einigen Minuten bis Stunden wieder abflaut. Man darf nicht vergessen: In jedem Wettbewerb, egal ob physisch oder mental, kann man sich mitreißen lassen. Das Finale der Fußball-Europameisterschaft war ein Beispiel dafür, was Fans machen, wenn sie wütend sind. Es gab wüste rassistische Beschimpfungen von den englischen Fans gegen die schwarzen Spieler des Teams. Das ist kein Thema, das es nur beim Gaming gibt.

Fatal ist, dass Energy Drinks häufig wichtige Sponsoren von Events und E-Sportler*innen sind“

Dein Verein will speziell die Gesundheit von Gamer*innen fördern. Wie bringt man Gamer*innen dazu, mehr auf sich zu achten?

Indem man Wege aufzeigt, mit denen man sie ihren Spielspaß und ihre Leistung verbessern können. Das ist der einzige Weg, um dazu zu motivieren, sich gesünder zu verhalten. Ein Beispiel dafür sind Energydrinks.

Die geben ja zumindest kurzfristig einen Leistungsschub.

Von wegen! Sie sind extrem leistungsmindernd. Das weiß man auch aus zahlreichen Studien. Wenn ich mehrere Stunden am PC sitze, dann ist es besonders ungünstig, wenn ich zuckerhaltige Limonade in mich rein schütte. Mein Blutzuckerspiegel steigt kurzzeitig an, knallt dann aber heftig nach unten. Das wiederum senkt meine Konzentrations- und Leistungsfähigkeit. Fatal ist, dass Energy Drinks häufig wichtige Sponsoren von Events und E-Sportler*innen sind. Auch etliche Firmen aus den Bereichen Junk Food und Fast Food sind längst im Markt. Man kommt als Gamer*in gar nicht daran vorbei.

Gesunde Gamer*innen sind deutlich leistungsfähiger“

Sind gesunde Gamer*innen bessere Gamer*innen?

Gesunde Gamer*innen sind deutlich leistungsfähiger. Es ist ja ein Gehirnsport. Und alles, was unser Gehirn positiv beeinflusst, hat positiven Einfluss auf unser Spiel. Wenn ich körperlich trainiere, verknüpft sich mein Gehirn besser. Sport baut Stress ab, hilft beim Abbau von Übergewicht. Meine biologischen Entscheidungen haben Konsequenzen für meine Psyche – und damit auf mein Spiel.

Was kann ich als Gamer*in ändern, um gesünder zu leben, ohne gleich McFit-Mitglied zu werden?

Wenn ich mit dem Controller an einer Playstation oder Xbox spiele, reicht es, ab und zu mal die Sitzposition zu ändern. Das ist am Desktop-PC schwieriger. Es gibt zwar höhenverstellbare Tische, mit denen man im Stehen spielen kann. Besser ist es, in einen guten Stuhl zu investieren. 

Worauf sollte ich bei einem Stuhl achten?

Man muss schon etwa 250 Euro dafür in die Hand nehmen. Wichtig ist, dass die Rückenlehne verstellbar ist und die Armlehnen höhenverstellbar sind. Das ist insbesondere wichtig für Leute, die keinen Durchschnittskörper haben, als besondere kleine oder besonders große Menschen. Ich bin 1,79 Meter groß, damit bin ich im Mittelfeld und kann meine Stühle vermutlich von der Stange kaufen. 

Was sind körperliche Übungen, um einen Ausgleich zu haben?

Die meisten Leute sitzen mit vorgeneigten Schultern vor dem Computer, den Kopf langgestreckt. Das ist nicht gut. Da ist mein Tipp: Wenn man im Spiel verstorben ist, sollte man einmal kurz entspannen und Abstand bekommen. Zwischendurch Schultern kreisen, das ist immer hilfreich. Wenn ich merke, dass meine Leistung stagniert und ich nicht mehr gut bin, sollte ich eine Pause machen. Und dann: Zehn Kniebeuge, das drei Mal wiederholen. Oder: ein paar Treppen oder Stiegen steigen. Der Körper muss mal arbeiten. Denn im Spiel ist der Geist zwar gefordert, der Körper aber gar nicht. Das muss man ausgleichen.

Viel wichtiger als die Schlafmenge ist die Frage, was ich in der Stunde vor dem Schlaf mache“

Was ist mit den Augen?

Die Wissenschaft zeigt keinen Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und Augenschädigung. Was man aber sagen muss: Wie bei allen Hobbys, die in der Nahsicht stattfinden, trainiert das viele Spielen am PC die Kurzsichtigkeit. Wenn man lange Zeit auf einen Bildschirm geschaut hat, ist es wichtig, auch einmal auf ferne Ziele zu schauen, das Fenster zu öffnen, in die Ferne zu blicken. So wird das Auge nicht in allein eine Richtung trainiert.

Wie viel Schlaf reicht aus, um gesund zu bleiben?

Viel wichtiger als die Schlafmenge ist die Frage, was ich in der Stunde vor dem Schlaf mache. Das Gehirn braucht eine Stunde, bis es „schlaffähig“ ist. Das liegt daran, dass das Gehirn weiter arbeitet, auch nach dem Spielen. Man merkt, dass das Gehirn noch mitten im Spiel steckt, wenn einem noch die Tastatur-Kombinationen durch den Kopf gehen. Vor dem Schlafen braucht es Abstand. Klar, man kann die Bildschirmhelligkeit runterregeln oder spezielle Brillen aufsetzen. Besser ist es aber, wenn man eine Stunde vor dem Schlafengehen etwas anderes macht, als vor dem Bildschirm zu sitzen. Indem man einen Podcast hört, ein Buch liest, oder – und da sind wir wieder bei der Leistungssteigerung – sich meinetwegen anders mit dem Spiel beschäftigt und zum Beispiel einen Guide liest.

Aber es gibt E-Sportler*innen, die sitzen 18 Stunden am PC und sind wahnsinnig erfolgreich. Vermutlich gehen die zwischendurch nicht noch ins Fitnessstudio. Die sind doch das viel schillerndere Vorbild.

Da sind wir beim Problem, das der E-Sport hat. Eine Fußballkarriere kann bis Mitte 30 andauern. Im E-Sport ist das unwahrscheinlich. Da habe ich meine Leistungsspitze wahrscheinlich mit 14 oder 16 erreicht, weil meine Reaktionszeit dann am höchsten ist. Und: Wer 16 Stunden am Tag trainiert, der hält das eine zeitlang durch, ist wahnsinnig erfolgreich, wird aber später, vielleicht mit Mitte 20, wahrscheinlich ein Burnout haben oder körperliche Beschwerden. Das ist ein Problem, für das es noch nicht genug Spielerschutz gibt. 

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