Wenn Erasmus doch nicht die beste Zeit des Lebens ist

Auslandssemester bedeuten nicht immer nur Spaß, sondern für viele auch absolute Einsamkeit. Was dann?
Von Ruth Eisenreich

Anstatt Party mit zig neuen Freunden zu machen, sind viele Studenten im Auslandssemester richig einsam.

Illustration: Federico Delfrati

Die geilste Zeit deines Lebens! Eintauchen in eine neue Kultur! Freunde aus der ganzen Welt! Party bis zum Abwinken! So sieht ein Auslandssemester in der Vorstellung der meisten aus. Was aber, wenn die Realität da nicht mitspielt?

Marie hatte sich keine Sorgen gemacht, bevor sie nach England flog. Sie hatte ja nach dem Abi ein Jahr als Au-pair dort verbracht, sich schnell eingelebt und Freunde gefunden. Wieso sollte sie drei Jahre später im Auslandssemester Probleme haben? Doch dann kam es anders:

Marie: „Unter den Erasmus-Studenten haben sich schnell Gruppen gebildet. An einem Abend wollten einige Leute aus dem Wohnheim zusammen ausgehen. Ich  war wegen eines Anrufs zu spät dran – und dann waren alle weg. Niemand hat geklopft oder mir eine Nachricht geschrieben, als ich nicht am Treffpunkt aufgetaucht bin. Kann passieren, aber ich fand es bezeichnend. Im Laufe der Zeit habe ich mich mit ein paar Leuten zusammengefunden, aus unseren geplanten Reisen wurde aber nie etwas, und ich hatte immer mehr den Eindruck, die interessieren sich gar nicht füreinander. Mit meinen Versuchen, auf eine persönliche Gesprächsebene zu kommen, bin ich gescheitert. Man geht ja mit großen Erwartungen ins Auslandssemester: Man reist die ganze Zeit herum, feiert, macht dies und das. Als sich das nicht erfüllt hat, kam bei mir – obwohl ich rational wusste, dass es nicht stimmt – schnell der Gedanke: Selbst schuld, es liegt an mir.“

Auch Charlotte fand nicht so recht Anschluss. Mit 25 war sie älter als die meisten anderen Studierenden im irischen Cork, von Erasmus-Partys hatte sie bald genug, dazu kam noch das karge Wohnheim, in dem die Mitbewohnerinnen ihre Zimmertüren abschlossen.

Charlotte: „Es kam so gar keine Euphorie auf. Die Erasmus-Studierenden, die ich am Anfang kennengelernt habe, waren nicht auf meiner Wellenlänge, die Leute in meinen Kursen kannten sich schon gut und waren außerdem viel jünger. Es gab ein Seminar, da habe ich eine Stunde lang das Heulen unterdrückt. Ich hatte auch gute Tage, aber meine Grundstimmung war bald: alles doof. Und dazu hatte ich noch im Kopf: Es sollte doch ...!, es müsste doch ...!, ich sollte doch eine geile Zeit haben!, alle anderen sind doch auch unbeschwert und superhappy!“

Dieses Gefühl, dass alle anderen Spaß hätten, nur mit einem selbst stimmte etwas nicht, ist nachvollziehbar. Schließlich passen Einsamkeit und schlechte Stimmung so gar nicht zum gängigen Bild von Erasmus. Trotzdem kommt es eben vor, dass der Plan von der besten Zeit des Lebens einfach nicht aufgeht – ohne, dass man selbst etwas dafür kann.

Man denkt, die haben gerade eine gute Zeit und wollen auch von mir hören, dass alles toll ist

Julia Zimmermann ist Bildungspsychologin an der Fernuniversität Hagen und forscht zu Mobilität und Identität von jungen Menschen. In einer Studie fragte sie mit Kollegen und Kolleginnen 359 Studierende nach ihren Zielen für ihr Auslandssemester und, drei Monate nach der Abreise, wie weit sie sich erfüllt hatten. Die meisten Befragten zeigten sich zufrieden – aber bei weitem nicht alle.

In der Kategorie „Persönliches Wachstum“, zu der Ziele wie „unabhängiger werden“, „Selbstbewusstsein gewinnen“ und „Problemlösungs-Skills steigern“ zählten, gab jeder Zehnte an, dass der Aufenthalt deutlich unter den Erwartungen geblieben war. In der Kategorie „Animation“, zu der Ziele wie „etwas Besonderes erleben“, „neue Leute kennenlernen“ und „Party“ gehörten, war knapp jede Zwölfte enttäuscht.

Gut möglich also, dass die eine oder andere, die Charlotte als unbeschwert und glücklich erlebte, sich in Wahrheit genauso fühlte wie sie – und es nur geschickt überspielte.

Marie: „Das ist etwas, worüber man nicht spricht. Mit ein paar guten Freunde zuhause schon, aber wenn Kommilitonen gefragt haben, wie es mir geht, habe ich gesagt: Passt schon. Man denkt, die haben gerade eine gute Zeit und wollen auch von mir hören, dass alles toll ist, so time-of-your-life-mäßig. Da fällt es schwer, das Gegenteil zu sagen – es hat einfach nicht so zu sein auf Erasmus.“

Dabei ist es gerade in den ersten Wochen völlig normal, wenn man zu kämpfen hat. „Ein Übertritt in eine andere Kultur kann ‚akkulturativen Stress’ erzeugen, der sich negativ auf das Wohlbefinden auswirkt“, sagt die Psychologin Julia Zimmermann. „Warum sollte das bei einem Auslandssemester anders sein?“ Manchen Experten zufolge solle man in Studien zu Migration das Wohlbefinden der Menschen frühestens nach zwei Monaten messen, weil davor die Gefühle verrückt spielten, sagt Zimmermann. Für Studierende, die nur ein Semester im Ausland bleiben, ist dann schon Halbzeit.

Gerade für Erasmus, sagt Zimmermann, gebe es an Unis noch dazu oft relativ wenige Vorbereitungsangebote, die Studierenden helfen könnten, sich für einen Kulturschock oder andere Schwierigkeiten zu wappnen.

„Es würde für niemanden einen Unterschied machen, wenn ich nicht hier wäre“

Marie: „Ich habe mich dann mit meiner Mitbewohnerin angefreundet. Als sie einmal übers Wochenende weg war, habe ich in die Gruppe, mit der wir anfangs viel unternommen haben, gefragt: Macht ihr heute was? Niemand hat sich gemeldet. Also habe ich mir Pizza geholt – und auf dem Rückweg gesehen, dass die zusammen im Gemeinschaftsraum herumhängen. Das hat mich verletzt, ich habe mich einsam gefühlt: Was mache ich eigentlich hier? Es würde für niemanden einen Unterschied machen, wenn ich nicht hier wäre. Das hat mich noch lange belastet – ich war so verunsichert, dass ich dann wegen jeder Kleinigkeit down war.“

Charlotte: „Mir war klar, dass man aus so einem Karussell aus negativen Gedanken nicht so einfach wieder rauskommt. Ich habe dann mit einer Freundin telefoniert und auch die psychosoziale Beratung der Uni kontaktiert. Das hat mir Druck genommen: Das hier ist meine Erfahrung, ich kann sie gestalten, wie ich möchte. Ich habe konkret aufgeschrieben, was ich eigentlich will, und bin dann an einem Sonntag mit der Hiking Society der Uni nach Glendalough gefahren, mit dem Vorsatz: Ich bin offen und versuche jemanden kennenzulernen, mit dem ich Zeit verbringen will. Das hat tatsächlich geklappt. Während wir den Berg hoch gestapft sind, in Wind und Kälte, habe ich ein Mädchen kennengelernt, das meine beste Freundin in Irland wurde.“

Wer in ein Auslandssemester geht, überlegt vorab meist nicht im Detail, was er sich davon erwartet. Die Psychologin Julia Zimmermann empfiehlt, dem diffusen Gefühl des Unwohlseins auf den Grund zu gehen, indem man sich die eigenen Ziele klarmacht und überdenkt, ob sie realistisch sind. Manchmal sei es sinnvoll, seine Prioritäten zu verschieben, sich zu fragen, was man trotz der enttäuschten Erwartungen noch herausholen könne: Das mit dem Party-Semester klappt nicht, aber vielleicht gibt es akademisch was zu holen?

Marie: „Als das Ende des Semesters in Sicht kam, habe ich mich aufgerappelt. Ich habe mich auf die Uni konzentriert, das hat geholfen. Abends habe ich oft mit Leuten zuhause geskypt, um mich nicht einsam zu fühlen.“

„Das Beste, was mir passiert ist, war, dass mir mein Handy geklaut wurde“

Charlotte: „Das Beste, was mir passiert ist, war, dass mir mein Handy geklaut wurde. Bis dahin habe ich alles mit meinen Freunden zuhause besprochen und war dadurch mit den Gedanken noch in Deutschland. Statt mir ein neues Handy zu kaufen, habe ich die Situation genutzt, um den Kontakt zu verringern und mich aufs Leben in Irland zu konzentrieren. Das Wichtigste ist dieser Schritt im Kopf: Dass man seine Situation akzeptiert, aufhört, sich Stress zu machen und sich mit Anderen zu vergleichen. Je mehr ich wieder ich selbst geworden und meinen Interessen gefolgt bin, desto mehr inspirierende, coole Menschen habe ich kennengelernt.

Marie: In einsamen Momenten hat es mir geholfen, mir vor Augen zu führen, dass das ein vorübergehender Tiefpunkt ist, der nicht das ganze Semester anhalten wird. Am Ende habe ich eine Klausur verpasst, weil ich krank war, und musste zu einer Beraterin von der Uni. Die hat von sich aus gefragt, wie es mir geht und ob sich jemand um mich kümmert. Da habe ich gedacht: Wow, da hätte ich früher hingehen sollen.

Bei der Frage, wie gut jemand die Herausforderungen eines Auslandaufenthalts meistert, spielen die Rahmenbedingungen genauso eine Rolle wie multikulturelle Kompetenzen und der eigene Charakter, sagt Julia Zimmermann: „Man nimmt seine Persönlichkeit ja mit.“ Die wesentlichen menschlichen Charaktereigenschaften veränderten sich im Laufe des Lebens nur geringfügig. Durch ein Auslandssemester werde man meist etwas offener, verträglicher und weniger ängstlich, sagt die Psychologin – „aber man wird kein komplett anderer Mensch.“

Sollte man das Auslandssemester also abbrechen, wenn es sich eher nach der schlimmsten als nach der besten Zeit des Lebens anfühlt? Wenn man seine Erwartungen an sich selbst und den Aufenthalt hinterfragt habe und die Situation weiterhin als nicht mehr tragbar empfinde, dann ja, sagt Zimmermann.

Charlotte: „Bei einem Veganer-Stammtisch bin ich mit einer anderen Erasmus-Studentin ins Gespräch gekommen. Ich war in megaschlechter Stimmung und hab ihr das dann einfach erzählt – und es ist ein superschönes, empathisches Gespräch entstanden. Sie hat auch ihre eigene Story erzählt, und es war gut, zu merken: Es stimmt nicht, dass alle anderen superhappy sind. Und man wird auch akzeptiert, wenn man nicht immer gut gelaunt ist. Das hat mir viel Druck genommen.“

Marie: „Das Schwierige ist, ein Gespräch zu beginnen, weil man sich verletzlich macht – aber wenn man es schafft, merkt man: Man ist gar nicht so alleine damit. Auch im Rückblick war das Auslandssemester eine teils negative Erfahrung, sehr anstrengend, mit vielen unschönen Situationen. Aber ich bereue es nicht. Ich versuche, es als Erfahrung zu verbuchen und mich auf das zu fokussieren, was ich daraus mitnehmen konnte: Ich habe mich weiterentwickelt und gelernt, wie ich in einer fremden Umgebung funktioniere.“