Wie der digitale Uni-Alltag in Italien funktioniert

Unsere Autorin studiert in Bologna – und erlebt dort, wie sich die Corona-Pandemie auf das Uni-Leben auswirkt.
Von Andrea Schöne, Bologna
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Foto: cosendolas / photocase.de

Die Professorin und viele Studierende haben den virtuellen Vorlesungssaal bereits betreten und begrüßen sich – im Chat-Bereich einer Online-Plattform. Ich sitze noch etwas verschlafen vor dem Laptop, eine Tasse Kaffee, Handy und Headset neben mir. Mit einem Klick erscheinen die Powerpoint-Folien, während sich in der Whatsapp-Gruppe meines Studiengangs einige über die Vorlesung austauschen oder Fotos von ihrem Frühstück schicken. So sieht seit Tagen mein Alltag als Studentin an der Universität in Bologna aus. Seit dem 24. Februar gibt es keine Präsenzveranstaltungen mehr. In weniger als zwei Wochen wurde laut der Pressestelle der Universität dafür für 94 Prozent der Kurse ein Online-Angebot eingerichtet. Jeden Tag nehmen ungefähr 70 000 Studierende an 3250 Kursen teil. Selbst mündliche Prüfungen finden online statt. Und die Universität arbeitet daran, die fehlenden Angebote zu ergänzen.

Zuerst sollten die Vorlesungen wegen des Coronavirus nur für ein paar Tage ausfallen, wie uns die Universität per SMS mitteilte. Ich freute mich über eine Woche Ferien, da ich einen stressigen Semesterstart hinter mir hatte. So ging es auch Xinyi Zhou aus Shanghai, der mit mir zusammen „Globale Kulturen“ studiert. „Es war sehr entspannend“, erzählte mir Xinyi nach der ersten vorlesungsfreien Woche. „Ich habe die meiste Zeit auf meinem Balkon gesessen, die Sonne genossen und gelesen.“ Die Bibliothek hatte noch geöffnet, blieb aber verhältnismäßig leer. Nach der ungeplanten Ferienwoche sollten die Vorlesungen wieder weitergehen – allerdings nicht im Hörsaal, sondern online. Innerhalb einer Woche baute die Universität die technischen Möglichkeiten für das Online-Angebot auf. Nach wenigen Tagen hatten alle meine Professor*innen die Kurse online eingerichtet. 

Die Online-Vorlesung läuft fast genauso ab wie im Hörsaal

Vor meiner ersten Online-Vorlesung klicke ich mich etwas planlos durch das kostenfreie Programm, das die Uni als digitale Lernumgebung nutzt, bis ich endlich den virtuellen Vorlesungssaal betrete. Ich fühle mich wie an meinem ersten Tag an der Universität, als ich in dem Dschungel der Räume meiner Fakultät den richtigen Vorlesungssaal suchte. Dann höre ich zu, wie meine Professorin über Sklaverei im Indischen Ozean erzählt und schaue mir die Powerpoint-Folien dazu an. Fragen stellen geht im Chat des Programms für unsere Online-Vorlesungen auch. Größere Nachfragen werden nach einer Zwischenmeldung im Chat dann per Mikrofon gestellt.

Eine Woche nach Beginn der Online-Vorlesungen treffe ich mich mit meiner Kommilitonin Lucia auf einen Cappuccino am Hauptplatz von Bologna. Es ist Weltfrauentag, ein großes Fest in Italien. Dennoch sind nur wenige Menschen auf den Straßen unterwegs. Lucia sieht in den Online-Vorlesungen auch Vorteile. „Es ist einfach für Studierende, die morgens Probleme haben, aus dem Bett zu kommen – ich glaube, dass so inzwischen mehr Studierende anwesend sind.“ Trotdem fehlt ihr wie vielen anderen der persönliche Kontakt. Selbst Gruppenarbeiten sollen nur noch über Skype oder Whatsapp organisiert werden, um jede Ansteckungsgefahr zu vermeiden. Eine Gruppendiskussion über Videochat funktionierte in einem unserer Kurse eher schlecht, daher wird in der Abschlussprüfung ein Buch zusätzlich diskutiert. Das soll die Gruppendiskussion ersetzen. 

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Lucia studiert an der Universität in Bologna. Auch ihre Vorlesungen finden jetzt online statt.

Foto: Andrea Schöne

Die Qualität der Vorlesungen hat sich aus Lucias Sicht nicht geändert. „Die Professor*innen machen die gleichen Vorlesungen wie immer. Der einzige Unterschied ist, dass wir nicht mit ihnen im Vorlesungssaal sitzen.“ Für die Dozierenden ist die Situation aber wohl noch deutlich seltsamer. Eine Professorin erzählte in einer Vorlesung, dass sie sich auf Anweisung der Universität im Vorlesungssaal einschließen muss, damit Studierende diesen nicht betreten können. „Ich kann mir vorstellen, dass das ein bedrückendes Gefühl für die Professor*innen ist, allein im Vorlesungssaal zu sitzen“, sagt Lucia.

Mündliche Prüfung vor der Webcam – Abschlussfeier daheim

Anfangs dominierten Memes über Hamsterkäufe und sonstige Scherze die Whatsapp-Gruppe meines Studiengangs. Inzwischen häufen sich die Fragen zu Online-Prüfungen und wo wir die Bücher online finden können, die wir für die Prüfung lesen müssen. Die Bibliotheken sind inzwischen geschlossen, nur die Lernräume geöffnet. Einige Studierende teilen Zusammenfassungen und Bücher, die sie online gefunden haben. Sprechstunden mit Professor*innen finden auch per Webcam statt. 

Roberta, 25, studiert Tiermedizin im fünften Jahr in Bologna und hat vor wenigen Tagen ihre erste mündliche Prüfung online abgelegt – im Videochat. Nach der Reihenfolge der Anmeldungen betreten die Studierenden dabei in kleinen Gruppen den virtuellen Prüfungsraum, weil sonst das System zusammenbricht, und warten auf die mündliche Prüfung. „Ich hatte ein bisschen Angst, dass das Internet nicht funktioniert oder ich den Professor nicht hören kann. Aber als ich erst einmal mit dem Professor verbunden war, hat alles gut funktioniert“, erzählt Roberta. Sie beschrieb zwei Bilder, der Professor stellte dazu Fragen. Nach 15 Minuten hatte sie die Prüfungen erfolgreich beendet. Nur zwischendurch hatte sie den Professor wegen der schlechten Tonqualität nicht richtig verstanden. Auch ein funktionsfähiges Headset ist nötig, um jetzt überhaupt Prüfungen ablegen zu können.

In der Via Zamboni befinden sich viele Fakultäten der Uni in Bologna. Hier liegt normalerweise täglich Konfetti auf der Straße von den Feiern der Absolvent*innen, genannt Laurea. Die Laurea ist das wichtigste Ereignis des Studiums. Alle Studierenden fiebern auf den Moment hin, feierlich ihre Abschlussarbeit von der Kommission und dem Publikum zu verteidigen. Mit einem Lorbeerkranz auf dem Kopf und festlich gekleidet laufen die Absolvent*innen dann durch die Straße, umringt von Freund*innen und der Familie. Seit die Universität geschlossen ist, feiert hier niemand mehr. Auch die Laurea organisiert die Universität wegen des Coronavirus jetzt online. Die Abschlussarbeit wird dabei vor der Webcam verteidigt – in die muss man auch den Personalausweis halten, um sich auszuweisen. Familienmitglieder oder Freund*innen dürfen im Hintergrund wie bei jeder Laurea dabei sein oder können auf der Online-Plattform zugeschaltet werden. Die Universität weist in einem Schreiben auf den offiziellen und feierlichen Anlass der Laurea hin und bittet darum, Hintergrundgeräusche oder Störungen während der Online-Laurea zu vermeiden. Sobald sich die Situation wieder normalisiert, soll für alle Absolvent*innen eine offizielle Abschlussfeier stattfinden. 

 

Den meisten Student*innen fehlt die soziale Interaktion

Inzwischen steht fest, dass die Studierenden die Universität bis zum 3. April nicht mehr betreten dürfen – mindestens. Sonst drohen Bußgelder von der Polizei. Die Via Zamboni ist totenstill geworden. Die Flagge der Universität steht auf Halbmast. Manchmal hört man die Sirene der Krankenwägen, kilometerweit das Glockenspiel aus dem Stadtzentrum. Das digitale Studium gibt Xinyi Halt und Struktur für den Alltag in der Quarantäne. „Ich mache mir einen täglichen, wenn auch flexiblen Lernplan. Ich glaube an die Kraft der Gewohnheit – du kannst den ganzen Tag herumtrödeln oder einen Plan machen, wie du deinen Tag gestaltest“, schreibt mir Xinyi. Treffen dürfen wir uns auf Anweisung der Regierung nicht mehr. Xinyi glaubt, dass die Schließung der Universität und des öffentlichen Lebens wegen des Coronavirus auf Dauer viele psychisch belasten wird. „Als Student liebe ich es, meine Kommiliton*innen und Professor*innen in und außerhalb der Vorlesungen zu treffen. Ich fühle mich auch weniger effektiv und fokussiert, wenn ich den Kursen online folge.“ 

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Wie die meisten Studierenden hofft Xinyi drauf, seine Kommiliton*innen bald mal wieder im echten Leben zu treffen.

Foto: Privat

Lucia genießt die Annehmlichkeiten, im Schlafanzug mit Kaffee und Zigarette die Vorlesungen am Morgen zu beginnen, dennoch vermisst auch sie das Sozialleben an der Universität. „Es löscht einen wichtigen Teil unseres Lebens, den sozialen und menschlichen, aus. Aber wir bleiben stark, wir treffen uns in Videochats auf einen Aperitivo und wir verbringen online die Vorlesung zusammen. Die Situation ist gut, aber nicht sehr gut.“

Lucia glaubt nicht daran, dass die Uni nach dem 3. April wirklich wieder öffnet: „Diese Frist wird immer wieder verlängert werden. Vielleicht wird Ende Mai alles wieder so wie vorher.“ Xinyi kennt die langfristigen Auswirkungen des Coronavirus schon durch die chinesischen Medien und sein Umfeld dort. „Wenn ich für einen Spaziergang rausgehe, sehe ich die ernsten Gesichter der Menschen. Ich bin froh, dass die Menschen die Situation ernst nehmen und nun mit der Regierung kooperieren und zu Hause bleiben. Ich bin hoffnungsvoll für Italien.“ Solange sich die Situation nicht bessert, geht das Leben der Studierenden vorerst online weiter. 

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