„Studierende werden schon lange ins College eingekauft“

Nach dem Skandal um gekaufte Uni-Plätze kritisieren US-Studierende das System der Elite-Unis.
Von Niko Kappel

Fotos: privat

„Ich filme lieber den ganzen Tag, als dass ich sechs Stunden am Stück in der Vorlesung sitze.“ Mit diesem Tweet sagte die 19-jährige Youtuberin Olivia Jade Giannulli ziemlich deutlich, wie sie ihre Prioritäten setzt. Dass eine Studentin keinen Bock auf Uni hat, ist nicht weiter schlimm. Schlimm ist, dass Olivia Jade ihren Studienplatz vermutlich gar nicht verdient hat. Seit einigen Wochen steht sie im Verdacht, in die University of Southern California, kurz USC, eingekauft worden zu sein.

Olivia Jades Eltern, die Schauspielerin Lori Loughlin und der Designer Mossimo Giannulli, sollen über ein Vermögen von etwa 90 Millionen Dollar verfügen. Laut einer Anklageschrift hat das Paar mehr als 500 000 Dollar Bestechungsgeld bezahlt, um ihre Tochter als Sportlerin auszugeben und so an die USC zu bringen. US-Unis nehmen Bewerberinnen und Bewerber mit außergewöhnlichen sportlichen Talenten auch auf, wenn ihre Noten nicht ganz so gut sind. Sie bilden sie dann quasi als Gegenleistung für sportliche Verdienste aus. Aber der Skandal um Studienplätze durch einen erkauften Platz in Sportteams geht weit über den Fall Olivia Jade hinaus. Er betrifft die Eliteuniversitäten Yale, Stanford und Georgetown. Bis jetzt sind 33 Fälle dokumentiert, in denen mehr als 25 Millionen Dollar Bestechungsgeld geflossen sein sollen. 

Sich in eine staatliche Uni einzukaufen klingt in Deutschland erst einmal ungewöhnlich. In den USA sind die Studierenden davon allerdings eher wenig überrascht. Rico studiert an der University of California Los Angeles, kurz UCLA. „Bei uns in den USA gibt es so einen Kampf um gute Studienplätze, da wundert es mich nicht, dass reiche Leute bescheißen“, sagt er. An der UCLA bewerben sich jährlich 100 000 junge Menschen, nur 16 Prozent werden angenommen. Genauso hoch ist die Akzeptanzrate an der USC, an die sich Olivia Jade eingekauft haben soll. 

„Wenn es einen Ort gibt, an dem sowas passieren könnte, dann sind das die USA.“

„Ich habe so hart gearbeitet, um an die Uni zu kommen. Ich kann die Wut der Studierenden an der USC verstehen,“ sagt Rico. Die Influencerin hatte so viele Hasskommentare von Kommilitonen bekommen, dass sie mittlerweile die Kommentarfunktion ihrer Accounts deaktiviert hat. „Ich wäre unglaublich sauer und frustriert, wenn ich jetzt hören würde, dass jemand wie Olivia Jade einen Platz bekommen hat und ich nicht“, sagt Rico.

Auch Sofi, die auf die San Diego State University geht, war nicht überrascht vom Skandal um Olivia Jade: „Studierende werden schon lange ins College eingekauft, immer wieder hört man davon.“ Dass das nicht nur Sofi und Rico so geht, zeigte die Berichterstattung der New York Times. Junge Leser wurden aufgefordert, Kommentare zu dem Skandal zu schreiben. Über 500 aus dem ganzen Land gingen in der Redaktion ein. Einer von ihnen schrieb: „Wenn es einen Ort gibt, an dem sowas passieren könnte, dann sind das die USA.“

Lori Loughlin und ihr Mann gaben ihre Tochter Olivia Jade als Ruderin aus, um sie in die USC zu bringen. Sofi findet, dass sich das amerikanische College-System ändern muss, um Fälle wie diesen zu verhindern. „Es sollte nicht so ein Wettkampf sein, studieren zu dürfen. Menschen sollten sich wegen Bildung nicht bis ans Ende ihres Lebens verschulden.“

Tom geht auf die California Polytechnic State University in San Luis Obispo und bezahlt sein Studium mit einem Kredit. Er schätzt, dass er bis zum Ende seiner Uni-Zeit um die 100 000 Dollar Schulden angehäuft haben wird. „Unser System ist zu sehr auf Kommerz ausgerichtet und einfach zu teuer“, sagt Tom. „Die öffentlichen Universitäten in Kalifornien machen jedes Jahr Umsätze in Millionenhöhe. Wenn Bildung kein so großes Geschäft mehr ist, kommen solche Skandale nicht mehr vor.“

Das System der Elite-Unis spaltet die Gesellschaft

Wer hingegen als Athletin oder Athlet an eine Uni kommt, muss sich in Amerika keine Sorgen um seine Studiengebühren machen. Sport ist an amerikanischen Unis vor allem Business. An Ricos Uni, der UCLA, verdient der Basketball-Coach über zwei Millionen Dollar im Jahr, während der Leiter der Fakultät Management knapp über 170 000 Dollar bekommt. Ähnlich unfair verhält es sich mit den Studierenden. Wer in einem der Teams der UCLA spielt, wird auf allen Ebenen bevorzugt. „Die Athletinnen und Athleten bekommen umsonst ein Zimmer, dürfen sich früher in beliebte Kurse einschreiben, bekommen freie Parkplätze und dürfen ihre Klausuren in Extra-Räumen schreiben und können so einfacher bescheißen“, erzählt Rico.

Die Förderung von Athletinnen und Athleten zahlt sich für die Universitäten aus. Russel Westbrook zum Beispiel, wertvollster Spieler der NBA-Saison 2016/17 und UCLA-Alumni, bringt dem College Medienberichterstattung, Spendengelder und öffnet die Türen für die anderen Sportlerinnen und Sportler der Uni. Dass jetzt aber reiche Eltern Trainerinnen und Trainer schmieren, sei eine Frechheit, sagt Rico. „Bildung sollte wichtiger sein als Sport und Geld. Unser Uni-System muss sich ändern, unsere Gesellschaft wird sonst immer gespaltener.“ Ein College-Abschluss ist immer noch Voraussetzung für einen guten Job in den USA, und der Besuch einer Elite-Uni bringt einen in ein Netzwerk von großem Wert für die spätere Karriere. Wer sich den nicht leisten kann, hat kaum Chancen, sozial aufzusteigen. „Wenn man sich Bildung einfach erkaufen kann, werden die Reichen nur noch reicher und die Armen werden ärmer.“