Viele deutsche Kunsthochschulen sind radikal unterfinanziert

An der Akademie für Bildende Künste in Stuttgart regt sich Protest.
Von Niko Kappel

Fotos: Martin Lutz/ABK Stuttgart, Nadine Bracht Bearbeitung: jetzt

Seit dieser Woche bekommt Andreas Deuschle täglich rosa-weiße Postkarten geschickt. Sehr viele rosa-weiße Postkarten, insgesamt sollen es 10 000 werden. Zumindest, wenn der Plan der AbsenderInnen aufgeht – die Studierenden der Akademie der Bildenden Künste aus Stuttgart. 

Auf den Postkarten fordern die StudentInnen mehr Geld für Lehrmittel, einen Ausbau der digitalen Strukturen und ein neues Gebäude für ihren Campus. Deuschle ist CDU-Politiker und der Vorsitzende des Ausschusses für Wissenschaft, Forschung und Kunst im Landtag von Baden-Württemberg. Sein Ausschuss ist unter anderem dafür verantwortlich, wie viel Geld den Hochschulen im Land zur Verfügung gestellt wird. An der Kunstakademie ist das seit Jahren zu wenig. So lautet jedenfalls der Vorwurf der Studierenden und der Hochschulverwaltung. 

Dass es finanziell schlecht aussieht, merkt man an der Kunstakademie in Stuttgart an allen Ecken und Enden. Der Bildhauerbau musste beim diesjährigen Rundgang – der Abschiedsveranstaltung des Semesters – geschlossen bleiben, weil das Gebäude so alt ist, dass es die Vorschriften zum Brandschutz nicht mehr erfüllt. 2018 war das Dach des Gebäudes eingestürzt. Die Stellen von in Pension gehenden ProfessorInnen werden erst nach einem Semester wieder nachbesetzt, in vielen Werkstätten fehlt Personal.

„Wir wollen nur das, was Studierende hier schon vor 20 Jahren hatten“

Katharina ist Vorsitzende des Studierendenparlaments der Akademie und organisiert deshalb Protest. Die Kunststudentin fing 2014 an der Akademie an, damals gab es dort noch Studierendenausweise auf Papier und kein flächendeckendes Wlan auf dem Campus. „Unsere digitale Infrastruktur ist beschissen“, sagt die Studentin.

Auch die Rektorin Barbara Bader meint, dass die Kunsthochschule auf dem Stuttgarter Killesberg seit Jahren chronisch unterfinanziert ist. Die digitale Infrastruktur sei hinterwäldlerisch, viele Gebäude seien baufällig und es mangele an Werkstätten, Dozierenden und MitarbeiterInnen. Gegen all das wollen die Studierenden sich jetzt wehren. 

Katharina steht vor einem großen Pavillon vor dem Campus. Es ist Freitag, der erste Tag des Rundgangs, Mitte Juli. Katharina und ihre KommilitonInnen verteilen Postkarten an die Besucher. Der Campus ist voll von pinken Plakaten mit schwarzer Schrift. Auf denen stehen die Forderungen, die die Studierenden an die Politik haben. Sie fordern 2000 Euro Lehrmittel pro StudentIn im Jahr. Das ergibt jährlich immerhin 842 000 Euro mehr als bisher. Außerdem wollen sie ein neues Gebäude auf dem Campus und zusätzliche Mittel für Digitalisierung. „Unsere Forderungen klingen vielleicht erstmal krass“, sagt Katharina. „Dazu muss man aber wissen, dass das derselbe Finanzierungsstand wie 1998 wäre. Wir wollen also nur das, was Studierende hier schon vor 20 Jahren hatten.“

Studierende verweigerten die Ausstellung ihrer Werke und protestierten so gegen Etatmangel

Nicht nur in Stuttgart protestieren Kunststudierende gegen die Unterfinanzierung ihrer Akademie. An der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig blieben beim Rundgang Anfang 2019 die Ateliers leer. Die Studierenden verweigerten die Ausstellung ihrer Werke und protestierten so gegen den Etatmangel an ihrer Uni. Dort bekommen unter anderem Lehrbeauftragte nur den Mindestlohn, insgesamt sollen der Uni laut taz vom Land Sachsen 173 000 Euro weggekürzt worden sein. Auch an der Kunsthochschule in Kassel fehlt es an Geld. Schon Mitte 2018 protestierten dort 300 Studierende für mehr Personal und bessere Ausstattung. Dort fehlen laut Experten 40 Millionen Euro für Sanierungen.

Warum gibt es diese finanziellen Probleme an Kunstunis? Katharina sagt, dass an Kunstakademien vor allem das Geld aus der Industrie fehlt. „Wir haben wenig Sponsoren hier“, sagt sie. „Große Konzerne lassen ihr Geld zum Beispiel eher bei Ingenieurstudiengängen.“ Diese Förderungen fehlen an Kunstuniversitäten, auch in Kassel und Leipzig. „Das müsste die Politik ausgleichen, sonst stehen wir im Vergleich zu naturwissenschaftlichen Studiengängen finanziell schlechter da.“ Eine Universität bekommt vom Staat Geld pro Studienplatz. „Deshalb steigen bei uns auch die Studierendenzahlen“, sagt Katharina. „Aber das ist ja keine Lösung des Problems, weil so trotzdem nicht mehr Geld pro Kopf da ist.“ Deshalb fordern sie und ihre KomilitonInnen in Stuttgart eine Verdopplung der Lehrmittel pro Kopf auf 2000 Euro gefordert.

Diese Forderungen beziehen sich auf den Hochschulfinanzierungsvertrag für Baden-Württemberg von 2020 bis 2025, der im November diesen Jahres verhandelt wird. Der Vertrag legt fest, welche Uni wie viel Geld vom Land bekommt. „Uns ist es wichtig, dass wir uns da einmischen“, sagt Katharina. „Die PolitikerInnen sollen wissen, dass wir bei den Verhandlungen hinter unserem Rektorat stehen.“ Die Forderungen der StudentInnen decken sich nämlich mit denen der Universität. Rektorin Barbara Bader unterstützt die Protestaktion: „Politisch wirksam ist man nur, wenn man nicht alleine auftritt“, sagt sie am Rande des Rundgangs im Juli. „Deshalb ist es wichtig, dass unsere Studierenden ihre Forderungen so deutlich aussprechen.“

Andreas Deuschle, dessen Briefkasten im Landtag in den nächsten Wochen wohl vor rosa Postkarten weiter überquellen wird, sieht zumindest Bedarf für zusätzliche Mittel für die Digitalisierung an den Hochschulen im Land Baden-Württemberg, schreibt er in einem schriftlichen Statement auf die Anfrage von jetzt. Seine Fraktion wolle das in die Verhandlungen für den Doppelhaushalt 2020/2021 auf jeden Fall mit einbringen. Was davon genau am Campus der Kunstakademie ankommt, kann er noch nicht sagen. Für einen Neubau, den die Hochschule am Campus fordert, ist er als Vorsitzender des Wissenschaftsausschusses allerdings auch nicht verantwortlich. Dafür ist das Kultusministerium zuständig. Zu der Forderung nach 2000 Euro Lehrmittelbudget pro StudentIn äußerte sich Deuschle nicht.

„Töpferscheiben allein reichen einer Akademie der Bildenden Künste nicht“

Den Studierenden bringt Deuschles recht kleines Zugeständnis nur wenig. Während der vorlesungsfreien Zeit im August bleibt die Bibliothek der Akademie in Stuttgart wegen Personalmangels geschlossen. Und im September schreiben Katharina und ihre KomilitonInnen eine Prüfung in Kunstgeschichte. Während des Semesters hat die Bibliothek auch gerade mal bis 17 Uhr geöffnet, danach müssen sich die Studierenden einen anderen Platz zum Lernen suchen. „Ich werfe das nicht dem Rektorat vor“, sagt sie. „Wir sind mit denen im engen Austausch über die Probleme hier und es fehlt einfach an Geld. Die können für den August während der Ferien niemand bezahlen, der die Bibliothek aufmacht.“ 

Ein weiteres Problem in ist die Unterbesetzung der Werkstätten. „Wenn man zum Beispiel in der Metallwerkstatt arbeiten will, braucht man dafür erst einen Kurs. Den konnte ich in fünf Jahren an dieser Uni nicht machen, weil wegen Personalmangels keine Kurse angeboten werden.“ Auch Barbara Bader sieht die künstlerische Freiheit ihrer Studierenden in Gefahr. „Der Bildungsauftrag einer Hochschule muss grundfinanziert sein“, sagt sie. „Und das können wir hier momentan nicht in vollem Umfang leisten. Wir müssen digital viel besser ausgestattet sein. Töpferscheiben allein reichen einer Akademie für Bildende Künste nicht.“

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