Studierende weiter zu vernachlässigen, wird Folgen haben

Studierende sind in der Pandemie mehrfach belastet: Mieten sind gestiegen, Nebenjobs weggebrochen, viele fühlen sich einsam und überfordert. Sie brauchen allerdings mehr als die Rückkehr zur Präsenzlehre.
Illustration: FDE

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Im Verlauf der Corona-Pandemie wurde immer wieder behauptet, Studierende seien von der Politik vergessen worden. Man habe ihre Belange vernachlässigt, sie nicht für wichtig genug gehalten. Denn während Fußballstadien öffneten, blieben die Unis geschlossen. Und obwohl viele Studierende sich längst nach einem vollwertigen Vor-Ort-Studium sehnen, ist noch unklar, ob im Winter nicht doch noch das vierte digitale Semester bevorsteht. Eine vollständige Rückkehr zur Präsenzlehre bleibt ein vorsichtiger Wunsch. Das liegt auch daran, dass der Organisationsaufwand für ein Präsenzsemester an den Hochschulen sehr groß ist – gerade, wenn epidemiologische Sicherheitsmaßnahmen wie Abstandsregeln eingehalten werden müssen. Aber so wichtig es auch wäre, Präsenzlehre zu ermöglichen: Sie allein wird nicht alle Pandemie-Probleme von Studierenden lösen. Denn zu viele dieser Probleme wurden zu lange verschleppt. Das Vergessen fortzuführen, könnte sich rächen – und die Hochschulen langfristig noch elitärer machen. 

Dabei konnte man eigentlich schon zu Beginn der Pandemie viele der Schwierigkeiten erkennen, die der Verlust der Präsenzlehre später mit sich bringen würde. Das zeigt zum Beispiel ein offener Brief von Ende März 2020, initiiert durch Lehrende wie die Professorinnen Paula-Irene Villa und Andrea Geier. Sie schreiben schon damals, dass Studierende und Dozierende durch die digitale Lehre mehrfach belastet seien. Und sie erkennen schon damals die besondere Belastung für diejenigen, die zusätzlich Care-Arbeit leisten, denen wichtige Nebenjobs wegbrechen, die befristet beschäftigt sind oder Bafög beziehen. Also alle, die ohnehin bereits unter erschwerten Bedingungen an Universitäten studieren und arbeiten. Im Laufe der Krise folgten zahlreiche studentische Initiativen und Proteste, mit Forderungen nach finanziellen Hilfen, Präsenzperspektiven und später auch nach universitär organisierten Impfangeboten für Studierende. Darauf reagiert haben Politiker*innen nur manchmal, nicht immer in ausreichendem Maß und meistens zu spät.

Ein Drittel der Studierenden konnte Miete und Rechnungen nicht mehr zahlen

Zum Beispiel wenn es darum geht, dass sich die finanzielle Situation von Studierenden im Laufe der Pandemie immer weiter verschärft hat. Eine Datenerhebung vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) hat herausgefunden: Am stärksten betroffen sind die Studierenden, die im Zuge der Pandemie Nebenjobs verloren haben. Eine repräsentative Umfrage des Personaldienstleisters Zenjob von Mai 2020 ergab, dass das auf 40 Prozent aller Studierenden in Deutschland zutrifft. 30 Prozent von ihnen konnten Miete und Rechnungen nicht mehr bezahlen oder mussten sich hierfür bereits Geld leihen. 

Zu den finanziellen Engpässen der Studierenden kamen steigende Mieten. Laut „MLP Studentenwohnreport 2020“ stiegen die Mieten für eine studentische Musterwohnung in 27 von 30 der untersuchten Städte während der Pandemie an. Und in fast keinem Fall deckte der Bafög-Wohnzuschlag von 325 Euro pro Monat die Miete ab. Besonders krass ist die Diskrepanz in München, wo eine typische Studentenwohnung mittlerweile 724 Euro kostet. Und während Wohnen für Studierende noch weniger bezahlbar wurde, wurde es gleichzeitig auch viel wichtiger. Schließlich mussten die meisten Studierenden in ihrer Wohnung nicht nur wohnen – sondern auch lernen, Referate vorbereiten, Kurse besuchen und Freund*innen digital treffen. Wenig überraschend ist also, dass jede*r vierte Studierende im Zuge der Pandemie zurück zu den eigenen Eltern gezogen ist. 

Kurzfristige Hilfen können langfristig tückisch sein

Auf diese finanziell doppelt schwierige Situation reagierte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit zwei Maßnahmen. Zum Einen mit der „Überbrückungshilfe für Studierende in pandemiebedingten Notlagen“. Chancen auf diese Hilfe haben diejenigen, die nachweisen konnten, dass sie durch die Pandemie finanzielle Probleme bekommen haben. Dass also zum Beispiel der Nebenjob weggefallen ist oder die Eltern nicht mehr finanziell unterstützen können. Der bürokratische Aufwand ist groß, denn: Man muss die Nothilfe für jeden Monat neu beantragen. Studierende bekamen dabei monatlich maximal 500 Euro – und das auch nur, wenn ihr Kontostand schon bei unter 100 Euro lag. Das ist mehr als knapp kalkuliert – nicht nur mit Blick auf die schon erwähnten steigende Mieten. Denn weniger als 500 Euro reichen oft nicht einmal für die Miete eines durchschnittlichen WG-Zimmers.

Die zweite Maßnahme des Bundesbildungsministeriums war der Zinsnachlass beim KfW-Studienkredit. Mit diesem Kredit können sich Studierende bei einer Förderbank Geld fürs Studium leihen, das sie dann flexibel wieder zurückzahlen müssen. Der Zinssatz wurde hier während der Pandemie auf null Prozent gesenkt – die Kosten übernimmt in dieser Zeit das Bildungsministerium. Das Problem: Er wird ab 2022 wieder regulär steigen. Das bedeutet: Wer im Corona-Jahr das Kreditmaximum von 650 Euro im Monat ausschöpfte, häufte in einem Jahr eine Kapitalschuld von 7800 Euro an. Und die muss zurückgezahlt werden. Bei einem zehnjährigen Plan mit Zinsen von 2560 Euro – nur etwa 180 Euro davon bezahlt das Bildungsministerium als Corona-Bonus. Den Studienkredit gab es schon vor Corona, aber der Bedarf in der Pandemie war besonders groß: Im Jahr 2020 gab es laut dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) 40 000 Neuabschlüsse. Zum Vergleich: Im Jahr davor waren es 18 000. Ob eine Verschuldung mittels Kredit eine gute Lösung für die finanziellen Probleme von Studierenden ist, sei dahingestellt. Klar ist aber, dass eine solche kurzfristige Hilfe vor allem langfristig tückisch sein kann. Sinnvoller wäre es gewesen, die staatliche Studienfinanzierung Bafög zu reformieren – und für alle Studierende zu öffnen, die durch die Pandemie in Geldnot geraten sind.  

Ohne die Universität wird alles zur unsichtbaren Kraftanstrengung

Aber nicht nur der Kontostand, sondern auch die Psyche vieler Studierender hat in der Pandemie gelitten. Verantwortlich sind Online-Studium, damit einhergehende soziale Isolation, Einsamkeit, räumliche Enge und eben auch die finanziellen Sorgen. Aber auch die erhöhte Arbeitsbelastung, etwa weil Lehrende die fehlende Präsenz durch mehr Stoff oder schriftliche Ersatzarbeiten auszugleichen versuchten. Die Untersuchung „Studieren zu Zeiten der Corona-Pandemie“ des DZHW kam beispielsweise zu dem Ergebnis, dass etwa zwei Drittel der Studierenden sich im Sommersemester 2020 stark oder sehr stark gestresst fühlten. Laut einer Umfrage der Universität Trier und des Leibniz-Instituts für Psychologie (ZPID) empfinden 90 Prozent der Befragten das Studium unter Corona-Vorzeichen zudem als schwieriger als vorher. 

Ohne die Universität wird alles, was man im Studium sonst selbstverständlich lernt, zur unsichtbaren, aber merklichen Kraftanstrengung. Wenn das Umfeld, also die Uni, der Kursraum oder die Bibliothek, fehlt, wird es auch schwieriger, sich diesem Umfeld entsprechend zu verhalten. Bestimmte Gesten, Sprech- und Handlungsweisen fallen leichter, wenn man sich an dem dafür geschaffenen Ort befindet. Umgekehrt fällt es schwerer, die studentische Rolle an einem Ort einzunehmen, an dem man sonst auch schläft, isst, Netflix schaut und vielleicht noch Sport treibt. 

Es gehört zum Studium dazu, in Seminarräumen hitzig zu diskutieren. Es gehört dazu, im Hörsaal dicht an dicht und mit glühendem Köpfen zu versuchen, den komplizierten Ausführungen der Professor*innen zu folgen – gemeinsam leidend und nicht allein verzweifelnd. Und es gehören all die zufälligen Flurbegegnungen mit Kommiliton*innen und Dozierenden dazu, die sich manchmal zu spontanen Kantinen-Kaffee-Treffen entwickeln. Dabei geht es aber um nichts weniger als das, was Studierende überhaupt erst zu Studierenden macht: der Ort der Universität. 

Präsenzlehre alleine reicht nicht aus

Alle diese Probleme zeigen, dass eine Rückkehr zur Präsenzlehre dringend notwendig ist. Aber sie zeigen auch: Das allein reicht nicht aus. Denn wie kann ein Präsenzbetrieb unter diesen Voraussetzungen fair geplant werden? Wer aus finanziellen Gründen weggezogen ist, müsste dafür schließlich wieder in die Hochschulstädte ziehen. Aber die meisten Universitäten haben immer noch keine klaren Angaben dazu gemacht, ob und in welcher Form Präsenzlehre im Wintersemester stattfinden soll. Dabei könnte es schon in etwas mehr als zwei Monaten wieder losgehen. Die Studierenden brauchen Sicherheiten und feste Zusagen – nach eineinhalb Jahren Pandemie fehlt den meisten nicht nur die Geduld, sondern auch das finanzielle Polster, um spontan reagieren und eben umziehen zu können. 

Aktuell scheint vor allem ein Szenario wahrscheinlicher zu werden: Große Veranstaltungen werden digital und kleinere in Präsenz stattfinden dürfen. Aber auch das birgt neue Probleme: Eine nahtlose Kursplanung wird damit unmöglich. Denn welche*r Student*in wohnt schon so nah an der Uni, dass man innerhalb einer halben Stunde von der Online-Vorlesung daheim zum Präsenzseminar vor Ort kommt? 

Die psychosozialen und finanziellen Folgen der Pandemie müssen aufgearbeitet werden

Das mag jetzt nach vielen kleinen Detailfragen klingen. Aber wenn die politischen Entscheidungsträger*innen solche kleinen und großen organisatorischen Fragen nicht im Sinne der Studierenden beantworten können, wird das neue und größere Probleme nach sich ziehen. Denn unter dieser unsicheren Situation leiden vor allem die Studierenden, die finanziell und sozial schlechter gestellt sind. Wenn es so weitergeht, werden davon immer mehr ihr Studium abbrechen – es vielleicht sogar abbrechen müssen. Die Konsequenz: Das Studieren in Deutschland würde elitärer und weniger divers werden.

Die Pandemie hat an vielen Stellen des studentischen Lebens Probleme geschaffen. Und bislang, auch nach eineinhalb Jahren Pandemie, fehlen Lösungen. Leider reicht es nicht, den Studierenden nur die Präsenzlehre wiederzugeben. Es muss zusätzlich auch aufgearbeitet werden, was bisher vergessen wurde: die psychosozialen und finanziellen Folgen der Pandemie. Auch dafür, nicht allein für die Präsenzlehre, müssen Verantwortliche an Universitäten und in der Bildungspolitik künftig Infrastrukturen schaffen. Sie müssen zentralere Lösungen für finanzielle und psychische Probleme finden, die durch die Nachlässigkeit mehr geworden sind – und nicht einfach so verschwinden werden, wenn eine der Ursachen, die digitale Lehre, verschwindet. Es braucht mehr Unterstützungsmaßnahmen an der Uni, weil es mehr Probleme gibt. Die Studierenden wurden schon mal vergessen. Das sollte jetzt nicht weiter passieren. 

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