„WG-Zimmer eignen sich nicht fürs Homeoffice“

Foto: Teodor Lazarev / Adobe Stock; Collage: jetzt

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Saskia Bunz steckt sich das Stethoskop in die Ohren, beugt sich über eine junge Frau und hört Lunge und Herz ab. Dann tastet sie mit ihren Händen vorsichtig den Bauch ab. Was nach einer Szene in einer Arztpraxis klingt, passiert in einer WG in Tübingen. Die 22-Jährige studiert Medizin. Wegen der Corona-Pandemie fanden ihre Untersuchungskurse überwiegend online statt. „Normalerweise untersuchen wir Studierende Patienten im Krankenhaus. Das konnten wir nicht.“ Die Praxis muss sie sich nun weitgehend selbst beibringen – mit Hilfe von einer Kommilitonin und dem Lehrbuch.

Währenddessen sitzt Leon Afen* schon das dritte Semester in seinem Kinderzimmer in Stuttgart und zoomt sich vom Laptop aus in die Uni – statt als Erstsemester die große weite Welt zu erkunden. „Während Corona mit dem Studium anzufangen, ist scheiße! Ich habe meine Uni erst dreimal von innen gesehen“, sagt er.

„Ich habe mich allein gelassen gefühlt“

Letztes Jahr im Frühjahr fing er zunächst an, Medieninformatik in Ulm zu studieren. Alles fand online statt – er war nie in der Uni. „Das war für mich als Ersti echt ungünstig, ich war komplett überfordert. Ich wusste nicht, an wen ich mich wenden konnte.“ Er habe sich durch tausend Links geklickt, um zu erfahren, wie er Literatur beschafft oder wie die Formalia für Hausarbeiten sind. „Ich habe mich allein gelassen gefühlt“, erzählt er. Medieninformatik hat er dann abgebrochen. Es habe keinen Spaß gemacht, er kannte seine Kommiliton*innen nicht, hatte keine Lerngruppe. Nur zwei Nächte schlief er im gemieteten Zimmer in Ulm, dann zog er wieder zu seiner Mutter. Seit Herbst 2020 studiert er jetzt Berufspädagogik in Stuttgart und wohnt wieder zu Hause.

Auch Konstantin Mallach, 24, hat sich seinen einjährigen Master in London anders vorgestellt: Als er sich im Frühjahr 2020 bewarb, glaubte er noch, dass sich die Pandemie bis zum Studienstart im September gelegt haben würde. Er irrte sich. Zwar habe die Uni „blended learning“ versprochen, also, dass die Veranstaltungen sowohl auf dem Campus stattfinden als auch online. Deshalb zog Konstantin auch nach London um. In der ersten Semesterwoche sei dann aber doch noch verkündet worden, dass doch alles online stattfindet, ärgert sich der 24-Jährige: „Da hatten wir natürlich alle bereits die Studiengebühren bezahlt.“

Andere Leute aus seinem Studiengang habe er über Gruppenprojekte kennengelernt. „Ich habe sie dann ins Blaue hinein auf Whatsapp angeschrieben, ob sie Lust auf einen Spaziergang haben“, erzählt Konstantin. In der Uni drinnen sei er nur zweimal gewesen. Online zu studieren sei eine Herausforderung. In Seminaren seien die Dynamiken online ganz anders. „Ich habe das Gefühl Geschlechterdynamiken reproduzieren sich. Männer dominieren die Diskussionen“, sagt er. Mitte Dezember hatte er genug von der großen, anonymen Stadt und ging zurück nach Deutschland. „Ich konnte mich nie einleben – das war echt heftig.“

So wie Saskia, Leon und Konstantin geht es vielen Studierenden. Uni vor dem Bildschirm – Alltag für Studierende im dritten laufenden Semester unter Pandemiebedingungen. Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz Peter-André Alt verweist gegenüber jetzt auf die Gefahr, „dass die Hochschulen zu Hotspots der Pandemie werden“ könnten. Deshalb fände die Lehre weiterhin online statt, trotz Sorgen über die sozialen Folgen: „Viele Studierende haben ihren Hochschulort verlassen, um Kosten zu sparen, manche sind wieder zu ihren Eltern gezogen. Das führt auch dazu, dass junge Menschen bei den ersten Schritten in ein selbstständiges Leben ausgebremst werden“. Technisch hätten sich die Dinge „nach den ersten Anlaufschwierigkeiten gut eingespielt“, so Alt. Bedarf gebe es weiterhin bei der Infrastruktur der Hochschulen sowie der Studierenden, beim Fachpersonal oder Fortbildungen.

„Viele Probleme sind seit einem Jahr dieselben“

Dass sich manches gar nicht online umsetzen lässt, merkt auch Medizinstudentin Saskia: Wegen der Online-Lehre konnte sie viele Untersuchungen nicht an Patient*innen üben: Herzklappenfehler erkennen, Lunge abklopfen, Darmgeräusche erkennen, Schilddrüse und Lymphknoten untersuchen. „Die Leistungsscheine habe ich trotzdem bekommen“, erzählt sie. Im Herbst hat sie eine praktische Prüfung: „Da wird verlangt, dass wir alles können. Ich fühle mich sehr schlecht vorbereitet, weil wir die praktischen Inhalte ja schlicht nicht hatten, die dort dann verlangt werden.“

„Viele Probleme sind seit einem Jahr dieselben“, sagt Jonathan Dreusch aus dem Vorstand des fzs, dem Freien Zusammenschluss von Student*innenschaften. „Die Online-Lehre funktioniert nicht, mangelnde Technik, schlechtes Internet, viele Studierenden haben keine geeigneten Räumlichkeiten.“ Auch die finanzielle und psychische Lage von Studierenden werde immer schwieriger. Es brauche endlich Lösungen, fordert er.

Eine solche Lösung soll das Hilfspaket für Studierende des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) sein. Es umfasst vor allem drei Punkte: Zum Einen Erleichterungen beim BAföG. Geförderte sollen zum Beispiel keine Nachteile haben, wenn Lehrangebote oder Prüfungen wegen der Corona-Pandemie nicht stattfinden können und sich die Studienzeit verlängert. Verdienen die Eltern wegen der Pandemie weniger, kann das BAföG aufgestockt werden. Zum Anderen hat das Bildungsministerium die KfW-Studienkredite für Studierende, die wegen der Pandemie finanzielle Probleme bekommen haben, zinsfrei gemacht. Außerdem gibt es für diese Studierenden bis zu maximal 500 Euro Zuschuss pro Monat, den sie nicht zurückzahlen müssen. Dem Ministerium zufolge lag die Zusagequote für diese Zuschüsse im Februar bei 75 Prozent, im März bei 74 Prozent. „Das belegt: die Maßnahmen der Bundesregierung, um pandemiebedingten Notlagen von Studierenden abzufedern, sind angemessen und sie wirken“, teilt das BMBF mit.

Jonathan Dreusch sagt aber, das reicht nicht: Die finanziellen Hilfen seien zu kompliziert und nicht ausreichend. Außerdem mangele es an psychosozialer Beratung. Außerdem brauche es mehr Lehrpersonal, um die Onlinelehre zu stemmen: „Normalerweise kann ich nach der Vorlesung mit der Professorin quatschen. Das geht bei einer Videokonferenz schwieriger, bei einer Aufzeichnung gar nicht.“ Präsenzlehre sei momentan noch zu gefährlich. Stattdessen fordert er die Hochschulen auf, in den nun leerstehenden Gebäuden Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen: „Die meist kleinen WG-Zimmer eignen sich nicht fürs Homeoffice.“

„Ich sitze immer in meinem Zimmer vor dem Bildschirm“

Das kann auch Leon bestätigen: „Es ist egal ob ich ein Tutorium, eine Lerngruppe oder eine Vorlesung habe. Ich sitze immer in meinem Zimmer vor dem Bildschirm.“ Die aufgezeichneten Vorlesungsvideos kann er ansehen, wann er will. Das lade ein, es hinauszuschieben. Das Internet und die Server der Uni knickten auch mal ein.

Medizinstudentin Saskia sagt, dass sie sich besonders auf die Untersuchungskurse gefreut habe. Nach vier Semestern Theorie wollte sie ihr Wissen endlich anwenden. „Das ist frustrierend und dämpft die Freude am Studium. Online zu studieren, ist für alle schwer, aber als Medizinstudentin habe ich da Gefühl, wichtige praktische Dinge zu versäumen.“ Für das laufende Semester wünsche sie sich, dass sie Praxis auf- und nachholen kann. „Ich habe einen chirurgischen Untersuchungskurs. Er ist in Präsenz geplant. Ich hoffe das bleibt so.“

Master-Student Konstantin zog es im Februar trotz allem zurück nach London. Seit Mitte April haben dort die ersten Läden und Pubs im Freien wieder geöffnet. Auch die Bibliothek ist auf und er kann Kommiliton*innen dort zum Arbeiten treffen.

Auch für Ersti Leon lief in Stuttgart vieles besser: Die Einführungsveranstaltung im Herbst durfte sogar vor Ort stattfinden. „Im Anschluss war ich mit zwei Jungs aus meinem Studiengang beim Mexikaner Burritos essen. Wir haben uns gut connected. Wir drei lernen jetzt oft online zusammen und treffen uns auch online zum Zocken.“ 

Aber: „Das dickste Minus von allen ist, dass die Partys flöten gehen. Wenn am Wochenende was nices geplant ist, dann motiviert mich das auch unter der Woche nochmal reinzuhauen mit Lernen, sodass das Wochenende frei ist“, sagt Leon. Es sei ärgerlich, dass sein Studienstart so verlaufe, „aber es gibt ja keine wirkliche Alternative. Es betrifft ja jeden und ich versuche, das Beste draus zu machen.“

Ebenso will Konstantin das Beste aus den letzten Wochen in London machen: „Jetzt, wo alles aufgemacht hat, ist es wie eine andere Welt“, schwärmt er. Im Juni kehrt er nach Deutschland zurück und schreibt seine Masterarbeit. Die Hoffnung, die Londoner Uni nochmal von innen zu sehen, hat er aufgegeben.

*Transparenzhinweis: Leon Afen ist mit unserer Autorin verwandt.

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