„Ich kam mir vor wie Zuchtvieh“

Turnübungen in Unterwäsche, sexistische Kommentare, keine Kontrolle. (Angehende) Lehrerinnen über den Besuch beim Amtsarzt.
Protokolle von Raphael Weiss

"Ich verstehe einfach nicht, wieso das in Unterwäsche gemacht werden muss"

Illustration: Julia Schubert

Bevor angehende Lehrerinnen und Lehrer eine Chance auf Verbeamtung haben, müssen sie eine eingehende Untersuchung über sich ergehen lassen. Nicht von irgendeinem Arzt, sondern von einem Amtsarzt. Vor allen Dingen in Kleinstädten ist das problematisch, denn dort gibt es häufig nur einen, meist männlichen, Mediziner. Anhand der Untersuchung will der Staat herausfinden, ob er mit der Verbeamtung des jeweiligen Menschen ein zu großes Risiko eingeht. Ein hoher BMI gilt als Risikofaktor, ebenso wie eine Behandlung beim Psychologen in der Krankenakte.

Von der Untersuchung hängt für die angehenden Lehrerinnen und Lehrer  extrem viel ab. Doch darüber, wie ein Besuch beim Amtsarzt abläuft, findet man nur wenige Informationen. Wir haben mit drei jungen Frauen gesprochen, wie es ihnen bei der Untersuchung erging. Alle drei wollen anonym bleiben, da sie Angst haben, aufgrund ihrer Aussagen doch nicht verbeamtet zu werden, oder Nachteile im Beruf befürchten.

Lucia, 25

„Bevor ich den Termin mit dem Amtsarzt ausgemacht habe, war ich nervös und hatte auch ein bisschen Angst. Einerseits, weil ich davor schon von vielen Leuten gehört hatte, dass sie zum Beispiel Hampelmänner in Unterwäsche machen mussten. Andererseits hatte ich ein bisschen Schiss, dass ich die Untersuchung aus irgendeinem Grund nicht bestehe. Für mich ist das sehr wichtig. Die Sicherheit, die mir der Beamtenstatus gibt, war auch ein Grund dafür, dass ich mich für den Beruf entschieden habe.

Als ich dann beim Arzt ankam, musste ich einen Fragebogen zu meiner eigenen und meiner familiären Gesundheitsgeschichte ausfüllen und wurde danach erstmal von einer ziemlich unfreundlichen Mitarbeiterin untersucht. Ich musste bei ihr einen Hör- und einen Sehtest machen. Den Sehtest habe ich ziemlich verkackt. Ich habe nicht einmal die erste Zeile richtig hinbekommen und bin dadurch immer nervöser geworden. Zum Glück war der Arzt dann überhaupt nicht unfreundlich. Wir haben uns erstmal hingesetzt, er hat mir alles erklärt und hat durchscheinen lassen, dass er mit dem ganzen Verfahren auch nicht unbedingt einverstanden ist.

„Wie ein Zuchtvieh, das zum Verkauf steht“

Danach musste ich mich sofort bis auf die Unterwäsche ausziehen. Die Pupillen wurden gecheckt, die Zähne. Zunge rauf, Zunge runter. Ist die Wirbelsäule gerade? Liegen die Organe richtig? Dehnübungen und so weiter. Der Arzt hat jeden Schritt vorher angekündigt und erklärt, was er dadurch untersucht. Das war super. Allerdings habe ich überhaupt nicht verstanden, warum man die komplette Untersuchung in Unterwäsche machen muss. Das meiste hätte ich auch in Sportklamotten machen können.

Die letzte Untersuchung war eine Gleichgewichtsübung. Ich musste 30 Sekunden lang mit verschlossenen Augen auf einem Bein stehen. In Unterwäsche. Am Ende sagte der Arzt: 'Das waren aber sehr lange 30 Sekunden.' Später fügte er hinzu, dass es für ihn sehr unangenehm war, weil er mich ja überall hatte anschauen können. In Zukunft wolle er das bei Frauen nicht mehr so machen.

Ich fand das richtig seltsam und musste die nächsten Tage viel darüber nachdenken. Er hatte ja vor mir auch schon viele Frauen untersucht, keine Ahnung warum ihm erst jetzt aufgefallen ist, dass das komisch ist. Im Juni werden meine Freundinnen von ihm untersucht. Ich bin gespannt, ob er wirklich was verändert hat. Schön wäre es, denn so ist die Untersuchung wirklich super komisch. Ich kam mir vor wie Zuchtvieh, das zum Verkauf steht. Ich verstehe wirklich nicht, warum man von Anfang bis Ende in Unterwäsche dastehen muss.”

Lisa, 39

„Ich hatte im Vorfeld schon viel Negatives über den Amtsarzt gehört, zu dem ich gehen musste: Dass man bei ihm sehr viele Klamotten ausziehen soll, irgendwelche Turnübungen macht und so weiter. Wegen der Untersuchung an sich hatte ich schon ein mulmiges Gefühl, solche Geschichten machen das natürlich nicht besser. Ich dachte mir: ‘Diese Person ist jetzt dafür zuständig, dass du verbeamtet wirst.’

Vor Ort musste ich dann zuerst einen Hör- und Sehtest machen und eine Urinprobe abgeben, dann ging es zum Arzt. Ich fand es sehr merkwürdig, dass ich mich bis auf die Unterwäsche ausziehen sollte. Ich musste mich dann auf eine Liege legen und die Knie bis zur Brust hochziehen. Der Arzt stand währenddessen in einer recht eindeutigen Pose am Fußende der Liege und hat mich gemustert. Danach sollte ich noch Kniebeugen machen. Man ist in diesem Moment einfach so ausgeliefert. Ich habe mich nicht getraut zu sagen: ‘Was soll denn das? Wozu soll das gut sein? Ich fühle mich unwohl.’ Denn diese Person bestimmte über meine Zukunft.

„Das wirkte auf mich wie Spezlwirtschaft“

Als mich der Arzt dann abgehört hat, meinte er, dass irgendetwas mit meinem Herzen nicht in Ordnung sein könnte und ich wurde von ihm zu einem Kardiologen geschickt. Ich hatte richtig Panik, dachte: ‘Oh Gott, das könnte irgendwas Schlimmes sein.’ Der Kardiologe empfing mich dann mit einem Lächeln auf den Lippen und sagte: ‘Aaaach, sie kommen vom Doktor XXXX.’ Es wurde nichts Schlimmes festgestellt, aber deshalb bekam ich einen Vermerk in meine Akte und musste vor der Lebenszeitverbeamtung noch einmal zum Amtsarzt. Weil ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr am gleichen Ort wohnte, war es ein anderer Amtsarzt.

Im Nachhinein habe ich von sehr vielen anderen gehört, dass sie auch von diesem Arzt zum Kardiologen geschickt wurden. Ich kann natürlich nur spekulieren, aber das wirkte ein bisschen wie Spezlwirtschaft. Es gibt einfach keine Vergleichbarkeit. Es müsste alles viel transparenter sein, was bei dieser Untersuchung verlangt wird, wie sie genau abläuft und was einen erwartet.“

Kathrin, 28

„Im Vorfeld habe ich vor allen Dingen gehört, dass man mit den Fingerspitzen den Boden berühren muss und dass auf den BMI geachtet wird. Und ich hatte gehört, dass es problematisch ist, wenn man schon mal beim Psychologen war. Ich habe mir dann aber im Vorfeld nicht allzu viele Gedanken gemacht, weil viel ab- oder zunehmen, oder beweglicher werden, konnte ich so kurzfristig eh nicht. Aber natürlich ist die Vorstellung heftig, dass der Amtsarzt einfach einen Riegel vor deine Verbeamtung schieben kann.

Die Untersuchung beginnt mit ein paar Tests von der Arzthelferin und dann geht man alleine in dieses Zimmer vom Arzt oder der Ärztin. Bei mir war es ein männlicher Arzt. Nach ein paar Fragen ging es dann auch mit der Untersuchung los – alles in Unterwäsche. Ich verstehe nicht ganz, warum man das von Anfang bis Ende in Unterwäsche machen muss. Es würde doch auch in Sportkleidung gehen. Es war ein beklemmendes Gefühl, so dazustehen. Zu zweit mit dem Arzt und niemanden zu haben, der dabei ist. Von der Untersuchung selbst weiß ich nicht mehr allzu viel, weil sie bei mir schon etwas länger zurückliegt.

„Sie wollten doch eh ein bisschen abspecken“

Ich habe dem Arzt dann im Wartezimmer, wo noch andere Menschen waren, die Dokumente gegeben – es waren nicht die, die er in diesem Moment haben wollte und er sagte zu mir: 'Ach ja, sie wollten ja eh noch ein bisschen abspecken.' Leider war ich in diesem Moment zu perplex, um etwas darauf zu antworten und bin einfach gegangen. Ich kann verstehen, dass der Staat sich absichern will, bevor er einen lebenslangen Vertrag mit einem schließt. Aber ich würde mir wünschen, dass es für die Ärzte ein bisschen mehr Kontrolle gibt. Es wäre sinnvoll, wenn es zumindest eine Evaluation des Arztes gäbe, die man beispielsweise bei seinem Seminarbetreuer abgibt.

Ich würde mir wünschen, dass wir Frauen gestärkt werden, uns Vorfälle dieser Art nicht mehr gefallen zu lassen und Missverhalten auch laut anzusprechen. Aber natürlich ist es schwierig, dem Arzt selbst das ins Gesicht zu sagen. Von diesem Menschen hängt eben auch sehr viel für die eigene Zukunft ab.”

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