Der Hanau-Film ist ein Symbol für Ignoranz

Der Hanau-Film von Uwe Boll ist eine respektlose Provokation, findet unsere Autorin Nhi Le.
Illustration: Daniela Rudolf-Lübke; Foto: Nicolas Armer / dpa

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Uwe Boll ist der schlechteste Regisseur der Welt – zumindest wenn man dem Magazin „Vanity Fair“ glaubt. Boll ist bekannt für seine grenzüberschreitenden und geschmacklosen Filme. Der deutsche Regisseur hat sogar mehrere internationale Preise deswegen abgeräumt, etwa den Negativpreis „Goldene Himbeere“ für sein Lebenswerk. Und jetzt hat ausgerechnet Boll den rechtsterroristischen Anschlag in Hanau verfilmt.

Dafür hat er weder die Stadt Hanau, noch die Hinterbliebenen von Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Păun and Fatih Saraçoğlu um Einverständnis gebeten oder in die Recherche eingebunden. In einem offenen Brief fordern sie deswegen die Einstellung des Drehs sowie der Verbreitung des Films. Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky hat sogar juristische Schritte angekündigt, sollte Boll den Film veröffentlichen.

Der Regisseur selbst stellt auf stur. Er wolle mit seinem Film zur Aufarbeitung beitragen, so Boll. Würde ihm aber wirklich etwas daran liegen, würde er dem Wunsch der Hinterbliebenen nachgehen, und seinen Film in die Tonne klopfen. 

Als ich von dem Projekt erfuhr, packte mich die Wut. Seit dem 19. Februar 2020 ist in mir und in vielen meiner migrantischen, nicht-weißen Freund*innen etwas zerbrochen. Unser Gefühl der Sicherheit und das Vertrauen in eine Aufklärung von rechtsmotivierten Verbrechen verblasst. Dafür verstärkt sich das Gefühl, dass sich die Mehrheitsgesellschaft einfach nicht so richtig für das Problem interessiert. Aber wenn Karneval die deutsche Antwort auf Rechtsterrorismus ist, dann ist Uwe Boll eben der Anführer der Clownstruppe.

Eine geschmacklose Provokation

Mir tut es aber vor allem für die Überlebenden des Anschlags sowie die Hinterbliebenen leid. Immer wieder betonen sie, wie sehr sie sich von Justiz und Behörden im Stich gelassen fühlen. Für sie stellt der Film eine ungeheure Respektlosigkeit dar und ist eine eigentlich vermeidbare Last.

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Text schreiben soll – oder ob ich damit nicht über Bolls Stöckchen springe und seinem unsäglichen Projekt genau die Aufmerksamkeit gebe, die er sucht. Ich finde diese Provokation aber einfach zu geschmacklos, um mich nicht zu äußern. Und Bolls Filmprojekt steht für mich auch für eine größere Frage: Wie kann man Terrorismus in Spielfilmen verarbeiten? 

Terroristische Anschläge sind ein viel bearbeitetes Motiv in Spielfilmen, vor allem in Thrillern und Dramen. „Aus dem Nichts“ (2017) ist ein Beispiel des aktuellen deutschen Kinos mit Fokus auf Rechtsterrorismus. Und es gibt natürlich viele Filme über die RAF wie zum Beispiel „Der Baader Meinhof Komplex“ (2009) oder „Wer wenn nicht wir“ (2011). Das US-amerikanische Kino hat viele Filme über islamistischen Terror (zum Beispiel „Zero Dark Thirty“ aus dem Jahr 2012) und den Terroranschlag des 11. September 2001 produziert, darunter „World Trade Center” (2006) und „Flight 93 – Todesflug am 11. September“ (2006). 

Ich denke, dass Filme über Terrorismus uns helfen können, diese schrecklichen und komplexen Geschehnisse einzuordnen und irgendwie zu begereifen. Und auch der Film- und Medienwissenschaftler Bernd Zywietz würde diese These unterstützen, er hat zum Thema Terrorismus im Spielfilm promoviert. In seiner Dissertation hat er verschiedene Terrorismuskonflikte und die filmische Umsetzung untersucht, sowie Terorrorismusfilmgenres und -figuren herausgearbeitet. Zywietz argumentiert dort eben unter anderem, dass Terrorismus in Spielfilmen aufgegriffen werden kann, um „ihn individuell wie kollektiv verständlich und konsumierbar (oder verdaulich) zu machen“. Terrorismus würde so für das Publikum be- und verarbeitend eingeordnet werden. 

Terrorismus im Film ist auch immer mediales Spektakel

Trotzdem kriege ich manchmal Bauchschmerzen, wenn ich an terroristische Anschläge als Filmmotiv denke. Spielfilme erzählen eine Geschichte. Sie sind nicht dafür da, um ein Geschehnis in seiner Gänze abzubilden. Ich frage mich deshalb oft, inwieweit die Komplexität von Terroranschlägen dargestellt werden kann und wie groß das Risiko ist, dass derartig schreckliche Ereignisse zugunsten eines Filmplots dramatisiert und verkürzt werden, damit es für die Zuschauenden interessant bleibt. Besteht bei diesen Filmen nicht immer die Gefahr, dass diese grauenvollen Taten zum medialen Spektakel gemacht werden?

Dabei ist die Frage immer auch, auf wessen Kosten das Spektakel geht. Deswegen müssen sich insbesondere Filmschaffende, die sich dieser Themen annehmen, ihrer Verantwortung bewusst werden - und sich ganz genau überlegen, aus wessen Perspektive die Geschichte erzählt werden soll. Bei einem Fokus auf die Täter*innen besteht immer das Risiko, diese sympathisch darzustellen oder vielleicht sogar Nachahmer*innen zu inspirieren. Die Opfer rücken in den Hintergrund. Das ist problematisch, denn bei Attentaten wissen wir sowieso immer viel mehr über die Täter*innen als über die Opfer und ihre Geschichten. Hinzu kommt, dass wie im Fall des Hanau-Films aber auch bei den seit Jahren beliebten True-Crime-Formaten die Familien und Hinterbliebenen der Opfer re-traumatisiert werden können. Deshalb denke ich, dass es bei derartigen Projekten besonders sinnvoll sein kann, Angehörige und Überlebende zu konsultieren. Denn was für die Macher*innen und Konsument*innen der Stoff eines Medienprodukts ist, bedeutet für Hinterbliebene reales Grauen. 

Ich tue mich schwer damit, ein abschließendes Urteil über das Thema Terrorismus in Spielfilmen abzugeben. Ich glaube, man sollte in Zukunft mehr und tiefergehender darüber nachdenken. Ich werde es auf jeden Fall tun. Im Fall von Uwe Bolls Hanau-Film erlaube ich mir allerdings ein klares Urteil. Von der Recherche über die Produktionsweise bis hin zum Umgang mit den Betroffenen stimmt da einfach gar nichts. Es ist das perfekte Beispiel, wie man das Thema nicht angehen sollte. 

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