So unterschiedlich arbeiten Menschen im Home-Office

Mit Kuscheldecke im Bett oder im Hemd am Schreibtisch? Eine Typologie.
Von Katharina Steinhäuser

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Home-Office – diesen Arbeitsmodus interpretiert ja jeder Mensch ein bisschen anders. Am Morgen erstmal gemütlich in eine Decke eingewickelt auf dem Sofa ausgestreckt den Laptop hochfahren und den ganzen Tag den Schlafanzug nicht ausziehen? So arbeiten die einen. Die anderen richten sich im Wohnzimmer ein neues Ersatz-Büro inklusive Ablagefächern und drei Bildschirmen ein, das ihrem Arbeitsplatz im Großraumbüro in nichts nachsteht. Das Home-Office bietet neu gewonnene Freiheiten, aber auch Herausforderungen.

Wir haben die häufigsten Home-Office-Typen zusammengefasst und verraten dir, wie du am Besten mit ihnen umgehst.

Die Routine-Fanatiker*innen

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Der Wecker klingelt um die gleiche Zeit wie immer. Ein schneller Kaffee im Stehen. Gleich geht es los. Schuhe an und einmal um den Block im Stechschritt – denn das Zu-spät-dran-sein bleibt auch beim simulierten Weg zur Arbeit gleich. Wieder rein in die Wohnung, Mantel über den Stuhl werfen und erstmal Mails checken. Pünktlich um halb elf dann den zweiten Kaffee holen. Um die gewohnte Kaffeepause auch im Home-Office detailgetreu nachstellen zu können, wurde dazu extra eine Tasse aus der Kantine geklaut und der entsprechende Billigkaffee angeschafft. Über was soll man sich denn auch sonst beim kurzen Mittagessen über Videochat mit den Kolleg*innen beschweren? 

Das Outfit: Wie gewohnt werden am Vorabend die Klamotten für den nächsten Tag zurechtgelegt (immer noch abgestimmt auf den Wetterbericht, ist klar).

Hier fühlen sie sich am wohlsten: An ihrem Schreibtisch, den sie genauso gestalten wie im Büro. Links steht die Kaffeetasse, rechts liegt das Smartphone. Mit Office-Hintergrundgeräuschen aus dem Netz simulieren sie die gewohnte Arbeitsatmosphäre. 

Das denken die Kolleg*innen: Fühlen sich im Verdacht bestätigt, dass menschliche Roboter unter uns leben könnten.

So gehst du mit ihnen um: Mach auf keinen Fall etwas anders als sonst und sprich auch nicht über Veränderung. Das macht sie nur unnötig nervös. 

Die Chaotischen

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Nach dem fünften Mal Schlummertaste springen sie hektisch aus dem Bett und klappen den Laptop auf. Eigentlich war geplant, heute mal früher aufzustehen. Naja, kann passieren. Jetzt fehlt nur leider die Zeit für die morgendliche Dusche. Macht aber nichts, merkt ja keiner. Die Chaotischen hängen zwar den ganzen Tag überwiegend vor dem Laptop, so richtig voran kommen sie aber nicht. Denn heutzutage gibt es ja Pop-ups. Und die Nachricht, dass nun auch der britische Premierminister Boris Johnson mit dem Coronavirus infiziert ist, lockt dann doch auf die Newsseite. Von da aus geht es dann zum nächsten Artikel, von dort raus und auf Twitter ... und ehe man sich versieht, läuft es auf ein bisschen Zwischen-Netflix raus. Nebenher basteln sie schuldbewusst hier und da an Projekten herum, auf die sie mindestens so lange keine Lust haben, bis Feierabend ist – und ihnen die Abgabefrist am nächsten Tag wieder einfällt. Spontane Nachtschichten gehören für die Chaotischen einfach dazu. 

Das Outfit: Wenn sie eine Hose tragen, dann ist es eine Jogginghose. Dazu kombinieren sie das T-Shirt vom Vortag, in dem sie auch geschlafen haben. Unterwäsche wird überbewertet.

Hier fühlen sie sich am wohlsten: Zwischen losen Zetteln, sehr vielen halbvollen Kaffeetassen, Ladekabeln und leeren Nudeltellern – das innere Chaos steckt an. Davon lassen sie sich aber nicht beunruhigen, solange auf dem Schreibtisch noch ein kleines Quadrat für den Laptop frei bleibt.

Das denken die Kolleg*innen: Sie ärgern sich oft – aber sehnen sich heimlich danach, auch so frei von Normen zu sein. Für morgen nehmen sie sich daher vor, mal ganz crazy zwei verschiedene Socken zu tragen.

So gehst du mit ihnen um: Ab und zu mal anrufen und fragen, wie der Stand ist.

Die Workaholics

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Auf diese Gelegenheit haben sie gewartet: Im Home-Office haben die Workaholics immer Zugang zum Büro – endlich heimlich Überstunden machen, ohne dafür von den weniger engagierten Kolleg*innen gescholten zu werden. Mit marmeladeverschmierten Fingern tippen sie am Frühstückstisch die ersten Antworten auf wichtige E-Mails. Schließlich wollen sie jetzt zeigen, dass sie immer 200 Prozent geben. Wer braucht schon Freizeit, wenn man stattdessen arbeiten kann? Versucht der*die Partner*in, sie vom Arbeiten während der Mittagspause oder in der Nacht abzuhalten, fauchen sie böse und verteidigen ihr Revier. Auch am Wochenende schleichen sie rastlos um ihren Schreibtisch herum. Wenn das Telefon klingelt, springen sie darauf zu – und sind enttäuscht, wenn es nur die Oma war.  

Das Outfit: Zunächst wird noch Wert auf ein professionelles Auftreten gelegt. Nach und nach sinkt aber der Anspruch. Denn wie effizient ist es, sich schick zu machen, wenn es einen nicht weiterbringt? Irgendwann schreien sie in einem zerfledderten Unterhemd den Drucker an, dass er sich gefälligst beeilen soll, wenn er seinen Job behalten will. 

Hier fühlen sie sich am wohlsten: Sie sind fast immer am Schreibtisch zu finden. Beim Telefonieren laufen sie gern in der Wohnung auf und ab, weil sie mal in einem Film gesehen haben, dass wichtige Menschen das so machen.

Das denken die Kolleg*innen: Sie fangen an sich Sorgen zu machen – aber nur, wenn diese Typen ihre Chef*innen sind und dieses Engagement auch von ihnen erwarten.

So gehst du mit ihnen um: Lieber nicht trödeln und schnell auf Nachrichten antworten. Sonst kriegst du „asap“ einen „short reminder“, dass das echt „urgent“ ist. 

Die technisch Verlorenen 

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

„Hören Sie mich? Ich kann Sie nicht sehen!“ Ständig bricht die Internetverbindung ab, der Button zum Einwählen in den Videochat ist wie von Zauberhand verschwunden und vor lauter panischem Hin- und Herklicken hängt sich der ganze Computer auf. Mal wieder funktioniert nichts. Einfach super ätzend, wenn der ganze High-Tech-Kram gerade jetzt streikt. Warum ruft eigentlich nie mehr jemand auf dem Festnetz an? Sobald sich die Corona-Krise wieder beruhigt hat, werden die technisch Überforderten einen Wutbrief an die Litfaßsäulen der Stadt hängen, um gegen das World Wide Web zu demonstrieren.

Das Outfit: Unklar, da es ihnen nie gelingt, an der Video-Konferenz teilzunehmen.

Hier fühlen sie sich am wohlsten: Am Schreibtisch oder in ihrem Sitzsack. Auch hier handelt es sich nur um Vermutungen, die nicht verifiziert werden konnten.

Das denken die Kolleg*innen: Überlegen, ab jetzt Brieftauben zu senden.

So gehst du mit ihnen um: Wenn sie dich zum hundertsten Mal bitten, ihnen bei technischen Problemen zu helfen, antworte einfach „Aufgrund einer technischen Störung konnte Ihre Nachricht nicht gesendet werden“ und mach dein Handy aus. 

Die gestressten Eltern

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Ups! Schon ist die Einkaufsliste für den*die Partner*in aus Versehen im Chat mit den Kolleg*innen gelandet. Peinlich, aber egal. Einfach kurz entschuldigen. Kann ja mal passieren. Ok, Elf-Uhr Video-Konferenz. Im Hintergrund geht die Tür auf und das erste weinende Kind kommt herein. Da man ein weinendes Kind nicht einfach ignorieren kann, begrüßen die Kolleg*innen Sohn Linus (4), der es sich jetzt auf dem elterlichen Schoß bequem macht. Konzentriertes Arbeiten, ade. Kaum ist das Gespräch vorbei, hat Linus keine Lust mehr auf Rumsitzen. Er quengelt und klappt ständig den Laptop zu. Dieser Kampf kann nicht gewonnen werden, während Marie (6) auf dem Fußboden liegt und auch noch die elterlichen Füße kitzelt. Im Kinderzimmer beantworten die gestressten Eltern dann am Handy die wichtigsten E-Mails, während sie auf winzigen Kinderstühlen sitzen und fiktiven Tee trinken. 

Das Outfit: Jeans und T-Shirt mit Tomatensoßen-Flecken, da die Bärchennudeln zu Mittag beim Nachwuchs nicht so gut ankamen.

Hier fühlen sie sich am wohlsten: Überall und nirgendwo. Einen festen Arbeitsplatz gibt es nicht. Der Laptop wandert vom Esstisch in den Garten  ins Kinderzimmer. 

Das denken die Kolleg*innen: Sind plötzlich wahnsinnig froh, dass sie allein wohnen. Manche bedanken sich bei ihren Ex-Freund*innen, dass das damals nicht geklappt hat. 

So gehst du mit ihnen um: Wenn du etwas besprechen willst, musst du schnell sein. Zeige Verständnis für die doppelte Belastung und fasse dich kurz. 

Die Wohlfühl-Gurus

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Erstmal eine Kanne Yoga-Tee kochen und die Hafer-Dinkel-Kekse fein säuberlich auf einem süßen, kleinen Teller drapieren. Danach wird die Duftkerze Lavendel-Orange-Minze-Papaya angezündet und mit der „Stay Positive“-Playlist für die richtigen Energien gesorgt. Mit einer kurzen Meditation bereiten sie sich auf die Herausforderungen des Tages vor. Nach diesem entspannten Start kann auch langsam an Arbeit gedacht werden. Gerade in dieser unruhigen Zeit möchten sie aber auf keinen Fall ihr inneres Gleichgewicht durcheinander bringen. Deshalb verschieben sie alle anstrengend klingenden Mails in den „Später“-Ordner. Puh. Da sind trotzdem einige negative Schwingungen herübergeschwappt. Um ihre Work-Life-Balance nicht zu gefährden, legen sie sicherheitshalber einen Power-Nap ein. Bietet sich an, wenn man eh im Bett liegt.

Das Outfit: Barfuß, Yoga Leggings oder Leinen-Bademantel. Hauptsache, der Körper fühlt sich genauso frei wie die Seele.

Hier fühlen sie sich am wohlsten: An den Schreibtisch schaffen sie es eher selten. Bett oder Sofa sind ihr Lebensmittelpunkt. Nur zwischen zarten Pastelltönen, Räucherstäbchen und Elefantenprints fühlen sie sich ausreichend geborgen, um mit der hektischen Außenwelt zu kommunizieren.

Das denken die Kolleg*innen: Sie sind genervt vom langsamen Arbeitstempo und haben das Gefühl, dass sie selbst viel mehr leisten. Weil die Wohlfühl-Gurus aber so entspannt sind, sind sie letztlich doch die angenehmsten, weil ausgeglichensten Gesprächspartner*innen. So richtig böse ist man ihnen selten.

So gehst du mit ihnen um: Auf fordernde Nachrichten und Drohungen mit Deadlines reagieren sie kaum, denn all das hat doch sicher Spielraum. Also lieber deine Wünsche in Watte packen und von vornherein etwas mehr Zeit einplanen.

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