Wer sind die „Fridays For Future“-Aktivisten?

Eine europaweite Umfrage gibt darauf Antworten und zeigt: Die Politik sollte sich ernsthaft Sorgen machen, junge Wähler dauerhaft zu verlieren.
Von Sophie Aschenbrenner

Am 15. März gingen in Berlin 25 000 Menschen für das Klima auf die Straße.

Foto: dpa / Christoph Soeder

Sie sind jung, sie sind gebildet, und sie wissen, was sie wollen – von der Welt und von der Politik. Erstmals sind die Akteure der „Fridays For Future“-Demonstrationen genauer untersucht worden. Denn bislang war eigentlich gar nicht so klar, wer die Anhänger der Klimabewegung wirklich sind, die mit dem freitäglichen Streik der Schwedin Greta Thunberg begann und die mittlerweile junge Menschen in mehr als 100 Ländern auf die Straße treibt. Forschungsgruppen aus neun europäischen Ländern haben am 15. März 2019 zeitgleich Protestierende anhand eines einheitlichen Schemas befragt. Dienstagmittag wurden in Berlin die Ergebnisse vorgestellt.

Am 15. März gingen allein in Berlin 25 000 Menschen für den Klimaschutz auf die Straße, in 170 deutschen Städten gab es Proteste. In Deutschland wurden vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung und dem Forschungszentrum Socium der Universität Bremen insgesamt 343 Menschen ab 14 Jahren in Berlin und in Bremen befragt. Zusätzlich erhoben die Forschenden Daten über einen Onlinefragebogen mit einem individuellen Code, den insgesamt 339 Klimaaktivisten ausfüllten.

Jung und gebildet

Schülerproteste? Vor allem, aber nicht nur: Knapp mehr als die Hälfte der Befragten sind zwischen 14 und 19 Jahren alt. „Die größte Gruppe ist diejenige der 14 bis 19-Jährigen, und das ist wirklich etwas Besonderes“, sagt Barbara Unmüßig aus dem Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, die den Grünen nahesteht und die Studie unterstützt hat. 18 Prozent sind zwischen 20 und 25, elf Prozent zwischen 26 und 35. Niemand der Befragten war älter als 65. „Das ist sehr, sehr ungewöhnlich, dass so junge Menschen über so lange Zeit auf die Straße gehen“, betont Professor Dieter Rucht vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung.

Mehr als die Hälfte der Befragten (nämlich 55,6 Prozent) haben ihr Abi oder die Fachhochschulreife in der Tasche oder streben diese Abschlüsse an. Etwas mehr als ein Drittel können ein abgeschlossenes Studium vorweisen oder studieren gerade. Nur knapp fünf Prozent der Aktivisten steuern auf einen Mittleren Schulabschluss zu oder haben bereits einen.

Politisch eher links

Die Mehrheit der Demonstrierenden rechnet sich politisch eher dem linken Spektrum zu: 24,5 Prozent schätzen sich ganz links ein, 53,3 Prozent links. 20,7 Prozent der Teilnehmenden an der Befragung sehen sich als Zugehörige der politischen Mitte. 0,4 Prozent sehen sich rechts beziehungsweise ganz rechts (1,1 Prozent).

Dabei identifizieren sich fast die Hälfte der Befragten (40,1 Prozent) mit keiner bestehenden Partei. Den größten Zuspruch erfahren die Grünen, mit denen sich immerhin 36 Prozent der Aktivisten identifizieren. Danach kommen Die Linke mit 12,1 Prozent, die SPD mit 3,2 Prozent und die CDU mit 1,5 Prozent.

Kein Vertrauen in Politik und Unternehmen

Knapp 55 Prozent der Schülerinnen und Schüler unter 18 meinen: Der eigene Lebensstil spielt eine große Rolle, wenn man etwas ändern will. Dem eigenen Verhalten sprechen sie eine größere Lösungskompetenz zu als Regierung und Unternehmen (denen übrigens von kaum einem der Befragten zugetraut wird, wirklich etwas für den Klimaschutz tun zu können und zu wollen). Nur die Wissenschaft genießt zumindest noch bei großen Teilen der Befragten (nämlich knapp 48 Prozent) Vertrauen. Bei den befragten Menschen über 18 Jahren sieht das ähnlich aus: 90 Prozent geben an, Unternehmen keine Lösungskompetenz im Bereich Klimaschutz zuzutrauen. In den eigenen Lebensstil vertrauen jedoch auch nur 34,2 Prozent der Über-18-Jährigen. Am ehesten könne wohl die Wissenschaft noch etwas reißen, meinen immerhin knapp 60 Prozent von ihnen.

„Es ist sehr deutlich: Den etablierten Volksparteien trauen die Demonstranten keine Handlungskompetenz in diesem Politikfeld zu. Das sollten die Parteien sehr ernstnehmen, sie sollten sich selbst hinterfragen“, so Unmüßig. Deutlich sei auch: „Dass der Abstand der Jugendlichen zur etablierten Politik so groß ist, ist nicht nur ein deutsches, sondern ein internationales Phänomen.“ Gleichzeitig erwarten die Befragten von der Politik, sich für den Klimaschutz einzusetzen. Und sie hoffen, durch ihr Engagement etwas zu bewirken. „Die Schüler sind politisiert, sie wollen handeln. Also muss die institutionalisierte Politik reagieren. Sie muss überlegen: Wieso sind wir so unattraktiv für junge Menschen?“ Denn es werde erwartet, dass die Politik endlich liefert. „Die Politik hat das Klimaabkommen unterzeichnet“, sagt auch Rucht. „Die jungen Menschen auf der Straße erwarten, dass die Politiker jetzt wirklich umdenken und umschwenken.“

Dass die eigene Lebensweise etwas verändern kann, hoffen also viele der Befragten. Im Online-Fragebogen gaben 80 Prozent an, gezielt Produkte aus politischen oder ökologischen Gründen zu kaufen, 70 Prozent konsumieren deswegen insgesamt weniger. Knapp 70 Prozent haben ihre Ernährung umgestellt, um das Klima zu verbessern. Der Politik trauen viele weniger zu: Immerhin 18,6 Prozent der Befragten haben schon einmal einen Politiker oder eine Politikerin kontaktiert, um etwas zu erreichen.

Der Antrieb ist nicht das Schuleschwänzen

Nach Auswertung verschiedener Kriterien ist sich Rucht sicher: „Schuleschwänzen ist nicht das Hauptmotiv. Im Gegenteil. Das ist mit vielen Hindernissen verbunden, viele haben einen längeren Anfahrtsweg, wenn sie demonstrieren gehen. Und auch die Diskussionen mit Eltern und Lehrern darf man nicht unterschätzen. Die Aktivisten bringen Opfer.“

Geht es jetzt jeden Freitag weiter, um den Druck auf die Politik immer weiter aufzubauen? Rucht denkt: eher nicht – und beruft sich auf Erfahrungen. „Die Schülerinnen und Schüler nehmen gerade einiges auf sich, sie bringen Opfer, nehmen Konflikte in Kauf. Irgendwann wird der Aufregungsfaktor wahrscheinlich sinken, und dann werden auch die Teilnehmerzahlen sinken“, sagt er. Doch er betont: „Das heißt nicht, dass alles umsonst war. Erstens ist die Politik jetzt schon um einiges wacher. Und außerdem werden sich viele der Aktivisten wahrscheinlich auch weiter engagieren, zum Beispiel in Umweltgruppen oder bei Verbänden.“

Subjektive Schichtzugehörigkeit: Mittelschicht

Fast die Hälfte der Aktivisten fühlen sich subjektiv der oberen Mittelschicht zugehörig (nämlich 43,6 Prozent), weitere knapp 27 Prozent der unteren Mittelschicht. 4,5 Prozent gaben an, am ehesten aus der Arbeiterschicht zu kommen, 1,9 Prozent aus der Oberschicht. Insgesamt 23,3 Prozent sagen, keiner dieser Schichten anzugehören oder es nicht zu wissen.

Mobilisierungswege: Social Media und Freunde 

Wenig überraschend: Ein Drittel der Befragten haben über soziale Medien von den Demonstrationen erfahren, weitere 33 Prozent über Freunde, Freundinnen und Bekannte. „Freundschaft zählt für junge Menschen. Sie wollen zeigen: Ich habe an etwas teilgenommen, das mir wichtig ist. Und das dann ihren Freunden zeigen“, sagt Unmüßig.

Wie wichtig ist Greta Thunberg für die Aktivisten?

„Inwieweit würden Sie sagen, dass Greta Thuunberg Ihr Interesse am Thema Klimawandel verstärkt hat?“, lautete eine Frage im Online-Fragebogen. Knapp 20 Prozent sagen: sehr, weitere 20 Prozent: ziemlich. Viele der Aktivistinnen und Aktivisten haben sich aber auch schon vor dem Hashtag #FridaysForFuture für den Klimawandel und seine Auswirkungen interessiert: Insgesamt knapp mehr als 40 Prozent meinen, Greta beeinflusse sie nicht in ihrem Handeln. Immerhin 0,6 Prozent der Befragten wissen nicht, wer sie ist.

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