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Alkohol sprühen ist die Zukunft

Illustration: Federico Delfrati

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Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Da war sie, die Zukunft. An einem Sonntagmorgen in den Instagram-Sauf-Stories der vergangenen Nacht: Eine Clubtoilette, grell ausgeleuchtet (sehr unvorteilhaft, weil es spät und alle ziemlich betrunken waren) und ein kleines Sprühfläschchen, mit dem sich die Menschen in dieser Story gegenseitig etwas in den Mund sprühten. Zunächst nicht ungewöhnlich, es hätten die Vorbereitungen zum Rumknutschen auf der Tanzfläche sein können. Aber in dem Fläschchen war kein Mundwasser, sondern ein Cocktail, wie die Gezeigten lallend erklärten. Das Instagram-Trend-Tribunal hatte gesprochen: Alkohol trinken ist out, Alkohol sprühen die Zukunft.

Sprühcocktails sind im Grunde die Insta-taugliche Version des Wodka-Tampons

Trinken ist anstrengend, Trinken dauert lange und Trinken kann auch sehr belastend für Magen, Leber, Gehirn, Beziehungen und noch vieles mehr sein. Der Trend zum Alkohol-nicht-mehr-trinken-sondern-nur-noch-sprühen verfolgt einen höheren Zweck: Man will sich mit Alkohol berauschen, ABER man will das ohne die körperlichen Konsequenzen, die Alkoholtrinken so mit sich bringt (Kotzen, Durchfall, Bierbauch). Außerdem soll das Sprühen „effektiver“ sein, weil der Alkohol direkt über die Schleimhäute aufgenommen wird und nicht erst bis runter in den Magen und zwischen Döner und Chips aussortiert werden muss. Die Sprühcocktails sind also im Grunde die Insta-taugliche 2019-Version des Wodka-Tampons.

So kann man also am Sonntagmorgen in seinem Bett liegen und sich fragen, wer jetzt eigentlich uncooler ist: Man selbst, weil man in Anbetracht solcher Bilder ernsthaft die Kulturpraktik des Alkoholtrinkens verteidigen möchte, oder die anderen, die glauben, sich von all dem Klebrigen und Dickmachenden, was Alkoholtrinken eben so an sich hat, freimachen zu können. Denn ungesund hin oder her: Es gibt ganz offensichtliche Gründe, warum man Alkohol wirklich trinken und nicht sprühen sollte:

In Sprühstößen zu zählen, ist keine echte Maßeinheit

1. Nur was in den Körper reinkommt, kann auch wieder raus. Diese neuerdings unbedingt zu vermeidenden Körperfunktionen haben tatsächlich einen Sinn. Mit ihnen sagt uns unser Körper: „Zu viel, zu doll, zu schnell. Bitte unterlassen!“

2. Alkohol wirklich zu trinken, ist eine super Mengenkontrolle: ein Bier, zwei Bier, drei Bier, Wein, Shot, Shot, Shot ... Auch, wenn es dabei meist weniger um Kontrolle, als um die Nachvollziehbarkeit des brutalen Katers geht – oder um eine Grundlage zum Angeben. In Sprühstößen zu zählen, ist hingegen keine wirklich kredible Maßeinheit und man verliert noch viel schneller den Überblick.

3. Richtige Getränke sind wie ein Anker, an dem man sich festhalten kann, wenn man seine Freunde im Club verloren hat oder gar nicht erst mit welchen gekommen ist. Getränkebehältnisse geben einem einen Sinn: Man steht hier, weil man etwas trinkt. Das funktioniert nicht, wenn der Cocktail plötzlich nicht mehr in einem Glas, in dem haufenweise Grünzeug dümpelt, serviert wird, sondern nur noch in einer sehr kleinen Sprühflasche.

4. Sexappeal: Bei trinkbaren Getränken kann man lasziv mit ausgestreckter Zunge nach dem Strohhalm fischen – zum einen, um den Augenkontakt zu seinem Schwarm nicht zu verlieren und zum anderen, um gewisse sexuelle Fähigkeiten zu suggerieren. Bei den Sprühdosen empfängt man einfach nur mit ausgestreckter, belegter Zunge den Cocktail-Nebel und erinnert damit eher an einen Besuch beim HNO-Arzt („Ääääh“) als an Oralsex.

„Wer sich nur besaufen möchte, gehört nicht zu unserer Zielgruppe!“

Sprühcocktails sind somit eine Kapitulation vor der Vernunft. Das haben offenbar auch die Hersteller der Sprühdosen-Cocktails bemerkt und schreiben daher auf ihrer Website: „Wer sich nur besaufen möchte, gehört nicht zu unserer Zielgruppe!“ Es gehe um Genuss, denn die Dosen seien die „perfekten Begleiter für die schönen Momente im Leben“, was ja irgendwie auch komplett bescheuert ist, weil man den Versuch, selbstzerstörerisches Verhalten zu einer Wertschätzungsstrategie schöner Momente umzudeuten, im Kopf nicht lange aushält.

Wer Alkohol trinkt, muss auch mit den Konsequenzen leben. Deswegen die Erinnerung (falls man an einem verkaterter Sonntagmorgen eine gebraucht hätte): Wenn man keine körperlichen Alkohol-Folgen haben möchte, hat man keine andere Wahl, als das mit dem Alkohol einfach ganz sein zu lassen.

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