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Collage Jessy Asmus

Ich habe panische Angst vor dem Sommer. PANISCHE ANGST! Nicht etwa, weil Meteorologen uns einen weiteren Super-Dürre-Rekord-Hitze-Sommer vorhersagen, weil die Polkappen schmelzen, Freibäder schließen, Ernten ausfallen oder wegen Hautkrebs, nein. Ich habe Angst, weil Bikeshorts – die Älteren kennen sie noch als „Radlerhosen“ – jetzt ernsthaft Trend sind. Auferstanden aus den Achtzigern haben sie im letzten Jahr eine beeindruckende Karriere auf Instagram hingelegt und es ist zu erwarten, dass in diesem Sommer auch normale Menschen und nicht nur Influencer bei diesem neuen großen Ding mitmachen. Das ist fatal, denn nicht alles, was wiederkommt, ist gut – Herpes zum Beispiel. Oder eben Radlerhosen.

Die enge, kurz über dem Knie endende Hose gibt es bereits überall und in unterschiedlichen Ausführungen: Bei H&M, bei Zara, Urban Outfitters, im Internet sowieso, in schlicht schwarz, knalligen Farben, metallic-glänzend oder mit Leoprint. Kein Mensch, der modisch etwas auf sich hält, kommt momentan um sie herum. Kombiniert werden sie entweder mit klobigen „chunky sneakern“, weiten Hoodies oder T-Shirts, flatterigen Sommerkleidchen oder für die, denen eh alles egal ist, mit einem engen, bauchfreien Top. 

Online-Magazine schreiben bereits „Bikeshorts are back and we are not even mad about it”, oder nennen sie den „ugly cute summer style”. Aber nein, falsch! Wir sind super mad about it und finden sie einfach nur ugly. Schuld an dem ganzen Hype ist Kim Kardashian. Für viele ist sie immer noch die Frau, die aus nicht nachvollziehbaren Gründen berühmt geworden ist, für die anderen ist sie diejenige, die mit einer Röntgenaufnahme bewiesen hat, dass sie weniger Silikon in ihrem Hintern hat, als man gedacht hätte (nämlich gar keins). Diesen Hintern steckt sie seit einiger Zeit (genauer: seitdem ihr Mann Kanye West in seiner Modelinie im großen Stil Radlerhosen produziert) in hautenge Bikeshorts – und die ganze Welt macht es völlig unironisch nach. 

Sie schreien einen förmlich an, „Seht her, ich bin geschlechtsreif, da unten ist alles in Ordnung, paaret euch mit mir!“

Die Zeiten sind hart und Aufmerksamkeitsspannen nur sehr kurz. Deswegen sind Bikeshorts natürlich eine fantastische Bewältigungsstrategie für den Originalitätsdruck, den man morgens empfindet, wenn man vor dem Kleiderschrank steht und sich überlegt, was für ein Mensch man heute sein will, aber glaubt mir: Ein Mensch in Radlerhosen will niemand sein!

Dafür gibt es drei relativ einfache Gründe. Der erste ist, dass man mit Bikeshorts jede Illusion zerstört, dass Klamotten Körperteile bedecken oder schmücken, denn sie sind weder sehr verhüllend noch sehr schön. Da uns das „nicht sehr verhüllend“ ansonsten auch wenig stört, muss man das noch kurz präzisieren: Bikeshorts sind extrem genitalbetont – egal welches Genital darunter liegt. Sie sind so eng und so visuell aufdringlich, dass man nicht umhin kommt, Menschen in Bikeshorts sehr intensiv in den Schritt zu starren. Sie schreien einen förmlich an, „Seht her, ich bin geschlechtsreif, da unten ist alles in Ordnung, paaret euch mit mir!“ Das kann man natürlich auch gut finden, weil man direkt weiß, was potenziell so „drin ist“, aber dennoch würde ich diese massive Transparenz als eher beunruhigend bezeichnen.

Natürlich soll das Ganze hier kein Bodyshaming werden, mit dem Hinweis, dass doch bitte nur besonders schlanke, große oder gutbestückte Menschen sich dieses Trends annehmen sollten. Es sollte einfach grundsätzlich niemand. Damit sind wir auch schon beim zweiten Grund, denn es gibt nämlich nur sehr wenige Gelegenheiten, an denen es wirklich okay ist, eine Radlerhose ernsthaft und als richtige Hose zu tragen. Eigentlich gibt es sogar nur zwei: Als Teilnehmer der Tour de France oder beim Kinderturnen. 

Der Bikeshorts-Hype bringt das Gleichgewicht der Welt auseinander!

Was uns wiederum zum dritten und letzten Grund führt, den ich gerne gegen den aufkommenden Bikeshorts-Trend anmerken möchte: Radlerhosen haben eine feste gesellschaftliche Funktion: Sie trennen die Sportlichen von den Unsportlichen und die Vernünftigen von den Unvernünftigen und diese Funktion wird durch die massenhaften Mainstreamisierung von Bikeshorts untergraben. Die Sportlichen tragen Bikeshorts, um Sport zu machen – also richtiges Joggen, Radeln, Powerwalking – und nicht, um irgendeinem Active-Wear-Lifestyle-Trend hinterherzurennen. Radlerhosen sollten nicht ein Indiz für genitale Fitness, sondern ausschließlich für allgemeine körperliche Fitness sein. Alles andere ist Heuchelei, Selbstbetrug, wenn nicht gar kulturelle Aneignung. Die Vernünftigen wiederum tragen Radlerhosen im Winter unter (!) ihren Kleidern und Röcken, denn sie wissen, wie schmerzhaft Nierenbeckenentzündungen sind, während die Unvernünftigen, Bikeshorts einfach so tragen und ihre Nieren im engen, bauchfreien Top unbekümmert der Welt aussetzen.

Es ist also mehr als angebracht zu sagen, dass der Hype um die Bikeshorts nichts geringeres bewirkt, als dass er das Gleichgewicht unserer Welt auseinanderbringt. Dem Schuster seine Leisten, der Kardashian ihre Bikeshorts, aber wir, wir Normalo-Menschen, sollten kapieren dass Bikeshorts wirklich kein Trend sind, den es mitzumachen lohnt.