Wie wir auf Instagram Alkohol verherrlichen

Jedes Wochenende quellen die Netzwerke über vor Sauf-Storys. Ist das nicht problematisch?
Von Britta Rybicki

Illustration: Federico Delfrati

Kurz vorm Einschlafen zappe ich mich oft noch durch die Instawelt. Freitag ist das Ende der Arbeitswoche, deswegen sind die Stories dann besonders abwechslungsreich: Aufgestylte #Mädelsabende, #Qualitytime mit den Geschwistern im Kino oder #Datenight im Falafelladen. Nett anzusehen, aber noch lange nicht catchy genug, um die Feedbackfunktion anzuwerfen. Zuschauer wie ich dürfen nämlich das, was sie gerade sehen, mit einem aussagekräftigen Emoji-Slider kommentieren – wie einem Herz, lachenden oder traurigen Smiley, Flammen oder klatschenden Händen.

Ich wische also weiter durch Fotos und Clips. Zugegeben: Viel spannender als Trash-TV ist das auch nicht. Bis ich bei der Story von meiner alten Nachbarin lande, die ich seit zwei Jahren zwar nicht mehr persönlich, dafür aber wenige Monate zuvor auf Instagram wiedertraf.

Darin quetschen sich viele Menschen in gemusterten Shirts auf ein zerkratztes, cremefarbenes Ledersofa, über ihnen schwebt Zigarettenqualm, vor ihnen auf dem Fliesentisch steht Wein. Sieht aus wie eine typische WG-Party im Ruhrgebiet. Leftstar* (Username von der Redaktion geändert) selbst erscheint erst auf ihrem zweiten Storyblatt. Unter den Hashtags #afterworkdrink und #wineoclock prostet sie ihrer Community im Boomerang-Modus erleichtert zu. Scheint ein harter Tag gewesen zu sein, der jetzt hoffentlich noch angenehm für sie wird. Dafür verdient sie virtuellen Zuspruch, finde ich, und schicke ihr die klatschenden Hände. Zwei Klicks später zeigt meine piktografische Ermunterung auch schon Wirkung. Als sie mit kleinen Augen, Weinflasche in der linken Hand und eine Freundin im rechten Arm unter #winelover verpeilt in die Kamera grinst, wirkt meine Bekannte schon nicht mehr so gestresst.

Ebenso gut angeheitert ist auch mein Kumpel Kai*, der seine Kneipentour in einer Instastory festhält. Nur der engste Freundeskreis reiht sich um den mit Stickern beklebten Stehtisch und spielt ein Trinkspiel. Wenig später postet er ein Bild von sich mit locker 15 leeren Schnapsgläsern. Okay, wow! Nach so vielen Shots wäre ich tot oder im Knast, denke ich.

Je häufiger Menschen in sozialen Medien Beiträge zum Thema Alkohol wahrnehmen, desto mehr trinken sie

Dass Alkohol in zu großen Mengen ungesund ist, will in meiner Instacommunity niemand wissen. Kaum jemand schmückt dort seinen Content mit #Alkoholmissbrauch #Absturz oder #Alkoholvergiftung. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass man daran sterben kann und dass das aktuell in Deutschland 74 000 Menschen jährlich tun und es 1,77 Millionen Alkoholerkrankte gibt.

Natürlich ist mir bewusst, dass eine Alkoholabhängigkeit viel komplexer ist als sich zum Feierabend mal mit dem Kumpel auf einen Gin Tonic zu verabreden und das der Welt via Instagram mitzuteilen. Forscher der University of Pennsylvania fanden allerdings heraus, dass Menschen umso häufiger tranken – teilweise sogar in riskanten Mengen – je häufiger sie in sozialen Medien Beiträge zum Thema Alkohol wahrnehmen.

Kau nimmt keine Vorbildfunktion ein, um jüngeren Zuschauern einen moderaten Umgang mit Alkohol zu vermitteln. Schließlich ist es nicht der Pfeffi an sich, der ihn in den Vollrausch versetzt, sondern der eine Schnaps zu viel. Und ihn dann dazu bringt, Ultrasongs in sein Handy zu grölen, anschließend in irgendeinem Club Plakate von der Wand zu reißen und mit vorläufigen Hausverbot vom Security Personal nach draußen begleitet zu werden. Szenen, die er auf Insta nicht live festhalten kann, lallt er direkt danach in ein Erklärvideo. Wofür es von mir keinen Smiley mehr, sondern eine besorgte Direktnachricht gibt: „Alles ok bei dir?“ Sie bleibt unbeantwortet.

Leftstar ist da etwas offener und outet sich in der Zwischenzeit. Den Hashtag #wineoclock ergänzt sie mit #wineaddicted. Da sie auf ihrem Foto sehr begeistert die Weinflasche abknutscht und dazu schreibt „schnauze Leber, dir geht es gut“, vermittelt sie aber auch nicht gerade, dass sie ihren Alkoholkonsum nicht mehr im Griff hat. Ihre Botschaft beläuft sich eher darauf, dass sie sehr gerne viel Wein trinkt. Besonders online. Immer häufiger sieht man sie da in den vergangenen Wochen #wineaddicted.

Der Hashtag #wineoclock wird im Schnitt 1000 Mal pro Stunde gesetzt

Auch ich bin Teil des Problems. Denn obwohl mir vollkommen bewusst ist, dass es sich in beiden Fällen um exzessiven Alkoholkonsum handelt, schaue ich interessiert und sehr unkritisch zu – nicht als Einzige.  Kai sagt, er habe auf seine Story „viele positive Reaktionen bekommen und sogar ein paar neue Follower. Ist doch lustig.“ Ihm ist es also noch ganz recht, dass die Story 24 Stunden zu sehen ist. Ganz ähnliches beweist auch der Online-Ranking-Dienst namens Rite Tag, nach dem der Hashtag #wineoclock im Schnitt 1000 Mal in einer Stunde gesetzt wird.

Vielleicht haben die Vollrausch-Storys ja den gleichen Effekt auf uns wie der Film Hangover. Zuerst ist man schockiert. Zum Ende hin will man aber unbedingt nach Las Vegas reisen, um künftig auch eine legendäre Hangover-Anekdote erzählen zu können. Aber während der Film mit Golden Globe und MTV Film Award ausgezeichnet wurde, feiern wir die Freundin für das fünfte große Bier auf Insta eben mit Herzchen ab. Und sie veröffentlichen ihr Privatleben, weil sie gesehen werden wollen und viel mehr Zuspruch als für die #Datenight, #Qualitytime oder den #Mädelsabend bekommen. Dass sie Alkohol dadurch verherrlichen, lässt sich war nicht leugnen, ist aber nicht so wichtig. „Schließlich geht es hier um Reichweite“, sagt Kai.

Der Vollrausch auf Sozialen Medien ist mittlerweile gesellschaftsfähig geworden. Früher haben wir uns dafür geschämt, Online mit einer Flasche Bier gesehen zu werden. Schließlich könnte das ja irgendwann auch auf dem Laptop des Chefs landen. Heute bringt das Besäufnis Aufmerksamkeit.