Wenn die Tante nicht geimpft ist

Foto: Adobe Stock; Bearbeitung: jetzt

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Die E-Mail kommt etwa vier Wochen vor Weihnachten. „Liebe Familienmitglieder“, steht da, knapp 20 Menschen stehen auf der Empfängerliste. Meine ungeimpfte Tante lädt die Familie zum Weihnachtsfest ein. Geschwister, Neffen, Nichten, Partner und Partnerinnen sind willkommen. Alle sollen sich vorher testen und etwas zum Buffet oder zum Kaffeetrinken mitbringen. Natürlich vorausgesetzt, die aktuellen Coronaregeln lassen es zu.

Eigentlich wäre das eine Einladung, wie ich sie jedes Jahr bekomme. Eigentlich wäre sie ein Grund zur Vorfreude, dass die verstreute Großfamilie wieder einmal zusammenkommt. Eigentlich würde ich mir Gedanken machen, ob ich lieber Plätzchen oder einen Kuchen mitbringe. Stattdessen überlege ich, wie ich meinen Verwandten begegne. Den Onkeln und Tanten, Cousins und Cousinen, die ich seit Jahren kenne und liebe. Von denen aber mehrere nicht geimpft sind. Und die so mit dazu beitragen, dass die Impfkampagne stockt, dass sich die gesamte Bevölkerung weiterhin einschränken muss, dass wir die verdammte Pandemie immer noch nicht überwunden haben. Oder habe ich verlernt, zu diskutieren, und andere Meinungen auszuhalten?

Auf einem Pressefoto einer großen Demonstration entdecke ich meine Tante

Die Pandemie hat Gräben durch unsere Gesellschaft gezogen, weil die persönliche Entscheidung für oder gegen eine Impfung immer auch die Allgemeinheit betrifft. Und Weihnachten führt uns diese Gräben im ganz Privaten vor Augen, in der Familie, in den Wohnzimmern. Ich habe keine Lust mehr, mühsam angelesene Zahlen und Fakten wiederzukäuen, immer gleiche Argumente zu entkräften, mich mit ständig neuen Unwahrheiten und Fakenews zu befassen. Aber müsste ich das nicht eigentlich? Müsste ich nicht immer weiter versuchen, meine Nächsten von dem zu überzeugen, was ich für richtig und wissenschaftlich belegt halte? Denn: Wer sollte es sonst tun? „Wir dürfen auch streiten“, hat Olaf Scholz kürzlich erst gesagt und sich auch als „Kanzler der Ungeimpften“ bezeichnet. So, als hätten wir das bisher nicht getan.

Ich streite mich seit der ersten Welle. Während ich mich damals in der Wohnung verkrieche, kaum noch Menschen treffe und alles lese, was ich zum Thema Corona finden kann, gehen die ersten sogenannten „Querdenker“ auf die Straße. Auf einem Pressefoto einer großen Demonstration entdecke ich meine Tante. Nicht am Rand, zufällig vorbeigekommen, beobachtend, sondern mittendrin mit einem Schild in der Hand. Darauf steht, das Virus sei gar nicht gefährlich. Das Foto läuft auf zahlreichen Nachrichtenseiten hoch und runter, auch in der SZ. Ich bin erschrocken, schäme mich auch ein bisschen und denke: Hoffentlich weiß keiner, dass das meine Tante ist. 

Ich telefoniere lange mit meiner Mutter, spreche mit ihr auch über meine Tante. Meine Mutter geht nicht auf solche Demos. Aber sie ist skeptisch, was da gerade passiert. Eingeschränkte Freiheitsrechte, ein Staat, der Ausgangssperren verhängt und Schulen schließt, es erinnert sie an die DDR. Bei Tschernobyl hätten „die Medien“ auch zuerst berichtet, es bestehe keine Gefahr für die Bevölkerung. Es schwingt mit, dass sie der Presse nicht ganz vertraut und ich merke, wie mich das als Journalist*in wütend macht. Irgendwann fällt der Satz: „Sei doch mal kritisch“, der mich sehr trifft, auch wenn das sicher nicht ihre Absicht war. Kritisch sein, hinterfragen und genau zu prüfen, das ist schließlich mein Job.

Mehrmals beschließe ich, nicht mehr mit ihm über Corona und die Maßnahmen zu sprechen, eine Zeit lang blockiere ich ihn sogar

Im Sommer 2020 laufen dann Tausende Maßnahmengegner:innen in Berlin auf. Eine Gruppe versucht, den Reichstag zu stürmen. Als ich die Nachricht höre, ist mein erster Gedanke: Hoffentlich ist niemand dabei, den ich kenne. Kurz darauf veröffentlicht die Uni Konstanz eine Studie, laut der nur 48 Prozent der Bevölkerung der Meinung sind, dass die Bundesregierung bisher „ziemlich“ oder „sehr wahrheitsgetreu“ über Corona informiert habe. Eine andere Umfrage, die Infratest Dimap im Auftrag des WDR durchgeführt hat, ergibt immerhin, dass das Vertrauen in die Medien so hoch ist wie seit fünf Jahren nicht. Gleichzeitig entstehen immer mehr Telegramkanäle und Facebookgruppen, die krude Verschwörungserzählungen verbreiten.

Auch mit meinem Bruder diskutiere ich immer wieder im Laufe der Pandemie. Er hält die Einschränkungen von Anfang an für übertrieben. Wir schicken uns Links hin und her, Zahlen, Modellierungen. Ich bin der Meinung, seine Quellen seien teilweise fragwürdig und dass er aus richtigen Zahlen die falschen Schlüsse zieht. Er ist der Meinung, ich betreibe mit den Artikeln, die ich zu Corona schreibe oder teile, Panikmache. Wir diskutieren beide gerne und ich finde den Austausch wichtig. Doch der Ton zwischen uns wird mit der Zeit immer rauer, die Angriffe persönlicher. Mehrmals beschließe ich, nicht mehr mit ihm über Corona und die Maßnahmen zu sprechen, eine Zeit lang blockiere ich ihn sogar.

Vielleicht werden wir uns selbst verzeihen müssen, dass wir nicht erbittert genug diskutiert haben

So streuen sich die Diskussionen mit Familienmitgliedern über das erste Pandemiejahr. Auch mit meiner Tante, die mit dem Schild, habe ich Mailkontakt. Ich bin erstaunt, wie manche Menschen in meinem Umfeld Korrelation und Kausalität verwechseln, bin empört, was andere für eine vertrauenswürdige Quelle halten. Ich versuche, mit Gemeinschaftssinn, Solidarität und Eigennutz zu argumentieren. Ich recherchiere nach Feierabend weiter, suche Artikel heraus, versuche, mit dem Wissen, das ich aus seriösen Quellen zusammentrage, zu erklären: Warum es nicht funktioniert, nur die Älteren zu schützen. Warum es nicht stimmt, dass in den Medien keine kritischen Stimmen zu den Coronamaßnahmen zu Wort kommen. Warum Wolfgang Wodarg und Christian Drosten keine ebenbürtigen Experten für Virologie sind. Warum die Impfung nicht unfruchtbar macht. Und ja, auch immer wieder hinterfrage ich mich selbst: Liege ich vielleicht falsch?

Jens Spahn hat im ersten Frühjahr der Pandemie den selten großen Satz gesagt, „Wir werden einander wahrscheinlich viel verzeihen müssen.“ Das gilt auch für die Familie. Vielleicht werden wir uns gegenseitig unsere Vorwürfe verzeihen müssen. Vielleicht werden wir uns aber auch selbst verzeihen müssen, dass wir nicht erbittert genug diskutiert haben.

Ich dachte am Anfang tatsächlich, es gehe darum, dass manche Menschen einfach nicht ausreichend informiert sind. Und dass ich ihnen diese Informationen nur schicken muss, zusammenfassen, wiedergeben, erklären. Wenn wir uns nicht auf wissenschaftliche Methoden und Erkenntnisse, auf Logik und anerkannte Experten verlassen können, worauf denn dann? Heute weiß ich: Das war naiv. Manche Menschen erreicht man nicht, auch nicht mit noch so vielen Erklärungen, Links und Graphiken.

Und dann war da noch der für mich schönste Moment: als mir meine Mutter sagte, dass sie sich doch impfen lässt

Andererseits habe ich in den vergangenen Monaten auch viele Diskussionen geführt, die mir neue Denkanstöße gegeben haben. Die mit Einsicht oder sogar Versöhnlichkeit endeten. Und dann war da noch der für mich schönste Moment: als mir meine Mutter sagte, dass sie sich doch impfen lässt, nach langer Überlegung. Dass sie nun sogar versucht, andere davon zu überzeugen. In dem Moment wusste ich: Das waren die stundenlangen Telefonate und durchdiskutierten Abende wert.

Das Leben für die Ungeimpften wird gerade immer unbequemer. Sie können nicht mehr shoppen, nicht mehr essen gehen. Einige radikalisieren sich immer weiter, sie marschieren mit Neonazis und drohen Politiker:innen. Und obwohl ich mich geimpft und einigermaßen sicher fühle, merke ich, dass mich das monatelange Diskutieren und Abwägen, die ständigen Grabenkämpfe mit Menschen, die ich liebe, es mir selbst noch schwerer machen, diese anstrengende Zeit durchzustehen.

Offenbar geht es meiner Tante, die zum Weihnachtsfest eingeladen hat, ähnlich. „Eine große Bitte bzw. Bedingung habe ich noch“, schreibt sie am Ende ihrer Mail. „Können wir das Thema Corona für diesen Tag ausblenden und uns mal wieder etwas aus unserem normalen Leben erzählen?“ Aber was erzählt man da, wenn das Leben zurzeit durchweg von Corona geprägt ist? Wenn man sich bei der Arbeit seit eineinhalb Jahren „nur noch mit einem Thema rumschlagen muss“, wie ein Onkel schreibt. Wenn man seit über einem Jahr an Post-Covid leidet, wie ein anderes Familienmitglied schreibt? Es tue ihr aufrichtig Leid, das zu lesen, antwortet die Tante, „aber wenn ich mich jetzt impfen lasse, geht es dir auch nicht besser.“

Schließlich sagt die Tante das Fest drei Wochen vor Weihnachten ab

Resigniert antworte ich in einer Mail an alle mit einem Link zu einem Artikel von Sascha Lobo. Unter dem Titel „Warum sollte ich mich impfen lassen“ richtet er sich mit versöhnlichem Ton an die Ungeimpften, die weder Querdenker noch Verschwörungstheoretiker sind. Zwei Verwandte antworten mir, dass sie den Text gut finden. Aber sie sind schon geimpft. Und so gehen die Mails hin und her, das Corona-Diskussionsverbot wird infrage gestellt, manche schreiben sachlich, manche sarkastisch. Schließlich sagt die Tante das Fest drei Wochen vor Weihnachten ab. Je nachdem, wie viele Ungeimpfte zugesagt hätten, wäre es sowieso nicht erlaubt gewesen. Aber im Sommer, da könnten wir uns ja wieder treffen, schlägt sie vor. 

Haben wir damit eine Chance auf eine echte Diskussion verpasst? Haben sich die Gräben durch diese Absage noch weiter gefestigt – oder haben wir nur tiefere Verwerfungen verhindert? Einerseits bin ich erleichtert. Ich hoffe zwar, dass Weihnachten für einige meiner Mitmenschen buchstäblich besinnlich wird, aber ich freue mich auch einfach auf Feiertage ohne Diskussionen. Andererseits: Wann war das schon mal der Fall? 

*Unsere Autorin möchte anonym bleiben, um die Gräben in ihrer Familie nicht noch weiter zu vertiefen und ihre Verwandten zu schützen.

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