„Meine Freunde hielten eine Intervention für mich ab“

In unserer Kolumne erzählt Mia von ihrem Leben als Kifferin. Folge 18: Akzeptiert ihr Umfeld das?
Protokoll von Niko Kappel

Foto: Addictive Stock / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Zum Kiffen hat so ziemlich jede*r eine Meinung. In der öffentlichen Debatte darüber kommen die Konsument*innen aber am wenigsten zu Wort. Das sind in Deutschland rund 3,7 Millionen Menschen – und längst nicht alle kiffen aus medizinischen Gründen. Die Studentin Mia kifft seit sieben Jahren. Hier erzählt sie von ihrem Alltag mit Cannabis. 

Ich war mit 17 Jahren mal bei einer Freundin zum Lernen eingeladen. Ich kam also  mit meinen Englisch-Schulsachen zum Haus ihrer Eltern und dachte mir nichts Böses. Aber als meine Freundin die Tür öffnete, saßen alle meine Freunde versammelt im Wohnzimmer. Von der Decke hing ein Banner, auf dem stand: „Intervention“. Kein Scheiß. Meine Freunde hielten eine Intervention für mich ab. Damals lief die Serie „How I Met Your Mother“ im Fernsehen rauf und runter, in der die Protagonisten das immer wieder machten. Anscheinend hatten meine Freunde zu viel Fernsehen geguckt. Sie machten ernste Gesichter, jeder hatte auf Zetteln ein paar Dinge aufgeschrieben.

Die erste Freundin begann, zu sprechen: „Wir machen uns alle Sorgen“, sagte sie.  Alle schauten mich mit ernsten Blicken an, es war so super klischeehaft, genau wie in der Serie. Nach und nach sagte jeder und jede Einzelne, dass mein Graskonsum bedenklich sei, dass ich ja gar nicht mehr ohne Gras könnte und dass sie Angst hätten, dass ich bald auch härteres Zeug nehmen würde. Im ersten Moment fand ich das total lächerlich. Viele von ihnen hatten schon mit mir gekifft. Ich fühlte mich betrogen und fand ihr Verhalten heuchlerisch. Weil sie sich aber die Zeit für mich nahmen und sich ernsthaft um mich kümmern wollten, war ich auch ein bisschen gerührt. Ich versprach, dass ich mehr über meinen Konsum nachdenken würde, wusste aber insgeheim, dass ich eh nichts ändern würde.

So wie bei der Intervention läuft es es eigentlich bis heute, wenn andere Menschen mit mir über meinen Konsum sprechen wollen. Zuerst reagiere ich mit Ablehnung. Wenn ich dann merke, dass Menschen mich nicht von oben herab behandeln, sondern sich ernsthaft Gedanken machen, dann dringen sie zu mir durch. Da viele meiner Freunde auch kiffen, nehme ich es ernst, wenn sie sich Sorgen um meinen Konsum machen. Sie können das einschätzen, sie kennen die Droge. Heute machen sich meine Freunde aber in der Regel keine Sorgen mehr um meinen Konsum, weil sie wissen, dass ich mein Leben auf die Reihe kriege.

Was für Leute fremd ist, dass beäugen sie erstmal skeptisch

Ich finde es schwierig, wenn mir jemand was über Gras erzählen will, der noch nie gekifft hat. Wie sollen solche Menschen denn einschätzen, was das mit einem macht? Ich will von Fremden keine Einschätzung zu meinem Konsum, wenn sie nicht gerade Suchtberater oder Ärzte sind. Ich kommentiere ja auch nicht ungefragt deren Leben. Von fremden Leuten bekomme ich aber eigentlich nie Kommentare zu Gras. Weil man in Deutschland nicht in der Öffentlichkeit kiffen darf, sehen mich ja auch sehr selten Leute rauchen, die ich nicht kenne.

Dass ich als exzessive Kifferin in meinem Umfeld toleriert werde, hat sich in den vergangenen Jahren erst entwickeln müssen. Ich glaube, das geht jedem Menschen so, der etwas tut, was nicht der Norm entspricht – oder in meinem Fall gegen das Gesetz ist. Man muss sich immer verteidigen, wenn man etwas „übertreibt“. Ob das jetzt ein Hobby, ein Kleidungsstil oder eine Musikrichtung ist. Was für Leute fremd ist, dass beäugen sie erstmal skeptisch. 

Die Menschen denken oft nur Kiffen mache dumm, langsam und vergesslich. Dass Gras Menschen gegen Schmerzen und Probleme hilft, davon haben meiner Auffassung nach die meisten auch 2020 noch nie gehört – so kommt es mir zumindest vor. Deshalb habe ich übrigens auch zugestimmt, als ich gefragt wurde, ob ich hier meine Geschichte erzählen will. Dieses Stigma des dummen Stoners ist in den Köpfen, auch weil Cannabis verboten ist und deshalb extra schädlich wirkt. Wir wissen alle, wie das mit Stigmatisierung läuft: Du kriegst die Vorurteile kaum mehr aus den Menschen raus, wenn sie erstmal in den Köpfen sind. Das macht Konsumentinnen und Konsumenten wie mir zu schaffen. Denn wir Kiffer sind nicht alle dumm und langsam.

Natürlich bin ich ein Spezialfall, weil ich schon mit 16 so krass viel gekifft habe. Rückblickend wäre ich sogar sehr enttäuscht von meinen Eltern gewesen, wenn sie das einfach so toleriert hätten. Ich sehe ein, dass mein Graskonsum mit 16 absolut gefährlich war. Dass sie mich zur Drogenberatung geschickt haben, war richtig. Auch, dass sie mich ständig auf meinen Konsum angesprochen haben, finde ich inzwischen gut. Hätten Sie sich da nicht um mich gekümmert, hätte ich sicher noch viel schlimmere Sachen gemacht – härtere Drogen genommen zum Beispiel. Einfach nur, um zu rebellieren und um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich bin froh, dass meine Eltern meinen Konsum früher nicht tolieriert haben.

Aber heute ist es anders. Man kann mir nach acht Jahren Konsum nicht mehr viel erzählen. Ich glaube, dass ich mittlerweile am besten weiß, was gut für meinen Körper ist. Meine Grenzen habe ich ausgetestet. Ich war bei der Drogenberatung und habe dort vieles über Sucht gelernt. Weitergekifft habe ich trotzdem. Und obwohl niemand damit gerechnet hat, habe ich mein Abi geschafft, studiere mittlerweile und gehe nebenher noch arbeiten. Man hat mir immer eingeredet, dass ich das alles wegen des Kiffens niemals schaffen würde – und hier bin ich.

Gras hat zwischen meinen Eltern und mir immer für Konflikte gesorgt

Ich habe gelernt, dass Toleranz nur entsteht, wenn man offen miteinander redet. Es war am Anfang nicht geplant, aber meine Eltern lesen mittlerweile diese Kolumne. Hi Mama, hi Papa! Ich finde das wichtig, weil ich will, dass sie mich so tolerieren, wie ich bin. Seitdem sie das alles auch mal aufgeschrieben sehen, verstehen auch sie mehr, was mich bewegt und warum ich tue, was ich tue. Wir können offener miteinander reden, weil sie viele Dinge mittlerweile wissen, die ich ihnen nie ins Gesicht gesagt habe, weil ich mich das nicht getraut hab. Zum Beispiel, wie viel Geld ich für Gras ausgebe.

Natürlich ist das manchmal auch hart. Gras hat zwischen meinen Eltern und mir immer für Konflikte gesorgt und tut das auch weiterhin. Trotzdem tut diese Offenheit unserer Beziehung gut. Sie versuchen, mich zu verstehen und sind dankbar dafür, dass ich mit ihnen teile, was mich beschäftigt. Auch wenn sie es nicht gut finden. 

Mia heißt nicht wirklich Mia, möchte aber  ihren richtigen Namen nicht im Internet lesen. Ihr wahrer Name ist der Redaktion bekannt. Für diese Kolumne treffen wir sie regelmäßig und sprechen mit ihr über ihr Leben als Kifferin.

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