Wie ein Tiktok-Trend mit dem Klischee der „Hot Girls“ aufräumt

… und auch noch ein paar andere Rollenvorstellungen beseitigt.
buzz hotgirlshit

Psscht, super geheim: Wir sind alle nur Menschen.

Foto: Jacob Lund / Adobe Stock

„Hot Girls“, also „heiße Mädchen“ sind magische Wesen: Sie riechen gut, müssen nie groß, sind mysteriös, sexy und gleichzeitig fies genug, um nie wirklich erreichbar zu sein. Vor allem aber sind sie eines: nicht real. Sie leben meistens im Wunderland Hollywood in Filmen wie „Mean Girls“ „Drei Engel für Charlie“ oder „American Pie“. Genauso wie andere sexistische Klischees (tapfere Jungs, emotionale Frauen, starke Männer) ist das „sexy Mädchen“ eine eindimensionale Rollenvorstellung, die auf junge Frauen Druck ausübt. In einem neuen Trend auf der Video-Plattform Tiktok wird dankenswerterweise genau dieses „Hot Girl“-Image jetzt aufs Korn genommen.

Dazu posten junge Frauen Videos, in denen sie zu Beginn jemandem am Telefon mitteilen, sie hätten gerade leider keine Zeit, sie würden gerade Sachen machen, die sexy Mädchen so machen: „I can’t talk right now, I am doing hot girls shit.“ Anstatt sich dann aber die Nägel zu lackieren, shoppen zu gehen oder ein ähnlich dummes Hollywood-sexy-Mädchen-Klischee zu erfüllen, machen die jungen Frauen etwas anderes: Schlafen, sich die Kinnhaare auszupfen, zocken, die Zahnspange säubern – total normale Sachen eben.

Im Hintergrund der Hot-Girl-Videos hört man ein Track namens „Girls in the Hood“ von der Rapperin Megan Thee Stallion, die dieses Jahr schon mit mindestens zwei weiteren Nummern zum Thema Female Empowerment auf Tiktok viral gegangen ist: „Savage“ und „WAP“ (zusammen mit Cardi B). Die zu Beginn der Hot-Girls-Videos startende  Zeile „I can’t talk right now, I am doing hot girls shit“, stammt aber nicht aus dem Track von Megan Thee Stallion selbst, sondern aus der Feder dieser Tiktokerin:

Eigentlich war das Ganze, als es Mitte November online ging, ein simpler LipSync-Auftritt, ohne größere gesellschaftliche Meta-Ebene. Dass da weit mehr drinsteckt, zeigt sich daran, wie viele Menschen diesen Sound in den vergangenen Wochen hergenommen haben; mehr als 990 000 Videos gibt es Tiktok zufolge damit (Stand: 14. Dezember 2020). Im Orginial-Refrain heißt es allerdings: 

„Ich bin ein heißes Mädchen, ich mache heiße Sachen,

gebe sein Einkommen für mein Outfit aus,

ich schreibe nicht schnell zurück, weil ich keinen Bock drauf habe,

die Bitches sind sauer, sie wollen mir wehtun,

ich scheiße auf Gutsein, ich bin eine böse Bitch.“

Die Botschaft dahinter ist offensichtlich, Stallion inszeniert sich als „Femme Fatale“, also als sexy, starke Frau, mit der man nicht zu scherzen braucht, der die Meinung anderer Menschen erst einmal egal ist. Dabei hat die 25-jährige Stallion aber textlich wohl nicht ganz den Zeitgeist getroffen; eigentlich veräppeln die jungen Frauen den Track „Girls in the Hood“ fast durch ihre Videos. Und zeigen, dass es eben nicht darum geht. wer hier die Härteste oder die „Hotteste“ ist. Sondern eher darum, dass sie stinknormale Menschen sind, die sich nicht in eine Kategorie stecken lassen. Und zumindest dieses Motiv der Selbstbefreiung von sozialen Zwängen und Normen findet sich auch im Text von „Girls in the Hood“: „Ich habe keinen Bock auf Motherf****rs, die versuchen mir zu sagen, wie ich leben soll.“

Tatsächlich ist dieser Bruch mit Erwartungen und Selbstinszenierungen auf Tiktok so anschlussfähig, dass inzwischen mehr und mehr Menschen am Hot-Girl-Trend teilnehmen - auch wenn sie eigentlich nicht in die klassische Zielgruppe gehören: Junge Männer, ältere Damen, und sogar… Babys?

Viele nutzen den Sound also inzwischen einfach, um mit Klischees und Rollenvorstellungen egal welcher Art zu brechen – und um zu zeigen, wie sehr sie „außerhalb der Box“ denken können. In manchen Fällen sogar wortwörtlich.

mpu

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