Was bedeutet J.K. Rowlings Transfeindlichkeit für Harry-Potter-Fans?

Mit ihren Aussagen hat die Autorin viele enttäuscht. Darf man Harry Potter trotzdem noch gut finden?
Von Hannah Berger
harry potter trans cover

Foto: Stephan Rumpf/SZ Photo / Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Mit ihren wiederholt kritischen Äußerungen bezüglich trans*Menschen auf Twitter sorgte Schriftstellerin J.K. Rowling in den vergangenen Wochen für Aufsehen. Nicht nur aus der LGBTQ-Community hagelte es heftige Kritik. Auch immer mehr prominente Mitglieder des Harry-Potter-Casts distanzierten sich öffentlich von den fragwürdigen Ansichten der Autorin. Wenig später veröffentlichte Rowling auf ihrer Website ein langes Statement, in dem sie ausführlich Stellung zu den Vorwürfen bezieht. Wer auf eine Entschuldigung gehofft hatte, wurde bitter enttäuscht. Stattdessen verteidigt die Autorin ihre ursprünglichen Aussagen und stellt eine Reihe weiterer bedenklicher Thesen auf. 

Für mich als langjähriges Harry-Potter-Fangirl war es schmerzhaft, Rowlings Tweets und die Zeilen auf ihrer Internetseite zu lesen. Und ich habe mich gefragt, was die Debatte um J.K. Rowling nun eigentlich für mich als Fan bedeutet. Wenn ich mich von den problematischen Ansichten einer Autorin distanzieren möchte, wäre es dann nicht die logische Konsequenz, auch von ihrem Werk Abstand zu nehmen? Muss ich all meine Bücher, DVDs und Merch-Artikel auf der Stelle wegschmeißen? Oder muss ich in diesem Fall Autorin und Werk trennen? Kurzum: Darf ich Harry Potter noch gut finden?

Die Diskussion um die Trennung von Kunst und Künstler*in ist keineswegs neu. Dürfen Radiosender die Songs von Michael Jackson noch spielen? Sollte man die Musik von Xavier Naidoo noch hören? Darf man Filme von Harvey Weinstein oder Woody Allen noch sehen? Darf man Kevin Spacey für seine Schauspielkunst bewundern? Auf diese Fragen gibt es selten eine einfache Antwort. Und je mehr man das Werk eines Künstlers schätzt, desto schwerer fällt die Entscheidung. 

„Mit ihren Aussagen stellt sie unsere Realität infrage“

Mit ihren transfeindlichen Kommentaren hat die Schriftstellerin J.K. Rowling nicht nur mich vor den Kopf gestoßen. Besonders die zahlreichen Potterheads aus der LGBTQ-Community sind enttäuscht und aufgebracht. So geht es auch Emily (24). Das Harry-Potter-Franchise begleitet sie schon seit ihrer Kindheit. Als trans*Frau fühlt sie sich von Rowlings Äußerungen direkt angesprochen: „Natürlich halte ich absolut gar nichts von ihrem Verhalten. Mit ihren Aussagen stellt sie unsere Realität infrage.“ Für besonders problematisch hält Emily Rowlings fehlende Gesprächsbereitschaft und ihr Verharren in festgefahrenen Positionen. Zudem habe sich Rowling nur unzureichend über Gender und Transidentität informiert. „Niemandem kann man vorwerfen, wenn er sich mit einem Thema nicht auskennt. Wer aber in der Öffentlichkeit steht und solche Themen anspricht, sollte zumindest versuchen, sich mit der Thematik zu beschäftigen und dabei auch das Gespräch mit Betroffenen suchen.“

„Rowling kämpft einen Kampf, gegen den sich die Protagonist*innen ihrer Bücher zur Wehr setzen würden“

Viele hätten mehr erwartet von der Schöpferin des Potter-Universums: In ihren Büchern hat Rowling eine Welt erschaffen, in der Toleranz, Diversität, Freundschaft und Liebe großgeschrieben werden. Eine Studie der Universität Modena belegt sogar, dass die Auseinandersetzung mit Harry Potter dabei hilft, Vorurteile gegenüber Minderheiten abzubauen. 

Auch für Marius (26) stehen Rowlings Ansichten im krassen Kontrast zur Botschaft ihrer Bücher. Er ist trans und seit etwa elf Jahren Mitglied in Deutschlands größtem Harry-Potter-Fanclub: „Für eine Generation von Kindern und Jugendlichen bedeutet Harry Potter, dass es wichtig ist, sich gegen Diskriminierung aufzulehnen und sich für Gerechtigkeit einzusetzen. Nun kämpft Rowling selbst einen Kampf, gegen den sich die Protagonist*innen ihrer Bücher zur Wehr setzen würden.“ 

Für einige ist Harry Potter eben viel mehr als nur ein Buch

Gerade wegen dieses Widerspruchs halten viele Fans auch weiterhin an ihrer Liebe zur Harry-Potter-Reihe fest. Trotzdem: Der Zweifel sitzt tief. Was bleibt, ist ein blutendes Fan-Herz. Für Außenstehende mag dieses Dilemma nur schwer nachvollziehbar sein – ist schließlich nur ein Buch, in dem Kinder in Schränken hausen, gegen Wände laufen und mit Stöcken durch die Gegend fuchteln. Aber für einige ist Harry Potter eben viel mehr als nur ein Buch. Emily verbindet viele schöne Kindheitserinnerungen und prägende Erfahrungen mit der Buchreihe: „Der erste Band war einer der ersten Romane, die ich selbst gelesen habe. Ich habe mir eigene Geschichten ausgedacht, auf Flohmärkten nach günstigen Harry-Potter-Legosets gesucht und mich zu Halloween und Fasching als Harry Potter verkleidet.“

Auch ich bin mit den Geschichten über den Zauberschüler mit der blitzförmigen Narbe groß geworden. Mein Papa hat mir jahrelang aus den Büchern vorgelesen, in der Grundschule habe ich stolz einen Harry-Potter-Schulranzen getragen und mit Freund*innen Szenen aus den Filmen nachgespielt. Während ich diesen Text schreibe, trinke ich Tee aus einer Hogwarts-Tasse. Über meinem Schreibtisch hängen Fotos von meiner Schottland-Reise: Ich, wie ich in einem schottischen Pub grinsend ein ‚Butterbier‘ in die Kamera halte, wie ich bei strömendem Regen am Glenfinnan-Viadukt auf den Hogwarts-Express warte oder vor dem Café stehe, in dem der erste Harry-Potter-Band entstanden ist. So pathetisch es auch klingen mag: Harry Potter war und ist Teil meines Lebens. Und damit bin ich nicht allein.

Was zwischen Leser*in und Buch passiert, ist heilig und unantastbar

Vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt: Harry Potter ist längst mehr als seine Autorin. Millionen Menschen aus aller Welt haben ihre ganz persönliche Verbindung zu dieser Geschichte. Daniel Radcliffe hat es auf den Punkt gebracht: Was zwischen Leser*in und Buch passiert, ist heilig und unantastbar. Vom Moment der Veröffentlichung an gehörte die Erzählung eben nicht mehr nur J.K. Rowling. Jede Fan-Deutung hat ebenso viel Gewicht wie die Intentionen der Autorin selbst. Bis zu einem gewissen Grad sollte es also durchaus möglich sein, Kunst und Künstlerin voneinander zu trennen. 

Trotzdem existiert Literatur nie im luftleeren Raum. Die Moralvorstellungen, Werte und Meinungen des/der Verfasser*in fließen zwangsläufig auf die ein oder andere Weise in sein/ihr Werk mit ein. Und zumindest finanziell profitieren noch lebende Schriftsteller*innen vom Erfolg ihrer Bücher. Dessen ist sich auch Emily bewusst. Schweren Herzens zieht sie die Konsequenz: „Ich möchte mich klar von JKR distanzieren und werde sie auch möglichst nicht mehr unterstützen. Daher werde ich zukünftig davon absehen, Merchandiseprodukte zu kaufen.“ Von der einstigen Bewunderung für J.K. Rowling ist nichts mehr übrig geblieben. „Ich werde Harry Potter wohl nie ganz aus meinem Herzen ausschließen können, es wird jedoch wesentlich weniger Platz einnehmen als zuvor.“

„Rowlings Aussagen bestätigen, wie wichtig es ist, sich kritisch mit Literatur und Medien auseinanderzusetzen“

Aber auch wenn man entschieden hat, sich die Freude an seinen Lieblingsbüchern nicht von ein paar Tweets verderben zu lassen, so sollte man dennoch nicht vergessen: Auch die Harry-Potter-Bücher sind nicht unproblematisch. Als rassistisch kritisiert wird beispielsweise die Figur der asiatischen Hogwarts-Schülerin Cho Chang. In den geldgierigen, hakennasigen Kobolden aus der Zaubererbank Gringotts meinen manche, antisemitische Stereotype zu erkennen. Dass dicke Menschen nicht besonders gut wegkommen, lässt sich beim Anblick der Dursley-Familie, Malfoys fiesen Freunden Crabbe und Goyle und der ‚fetten Dame‘ nur schwer leugnen. Solche Vorwürfe mögen nicht für jede*n plausibel erscheinen. Ihre Berechtigung haben sie aber durchaus und sie verdienen es, ernst genommen und diskutiert zu werden. Auch Marius findet, dass sich Fanliebe und eine kritische Lesart nicht widersprechen müssen – im Gegenteil: „Die intensive Beschäftigung mit den Büchern brachte einige Elemente der Geschichte zutage, die ich missbillige. Mein Verhältnis zu Harry Potter ist trotz aller Liebe ambivalent. Rowlings aktuelle Aussagen bestätigen nur, wie wichtig es ist, sich kritisch mit Literatur und Medien sowie ihren Erschaffern auseinanderzusetzen.“

Statt bei der kleinsten Kritik blind vor Fanliebe wild um sich zu schlagen, sollte man erst einen Schritt zurücktreten. Auch als Harry-Potter-Fan ist es wichtig, sich um eine kritisch-konstruktive Lesart zu bemühen und nicht die Augen vor möglichen Schwachpunkten zu verschließen. Und ja, das kann manchmal wehtun. Aber echte Liebe hält das aus. Und auch gebrochene Fan-Herzen heilen. Was bleibt, sind blitzförmige Narben.

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