„Ich dachte: Tiktok? Ist das nicht diese Tanz-App?“

Die Deutsche Alina Bock hat als Comedian ihren Erfolg auf Tiktok gefunden. Während der Pandemie habe ihr die Plattform die Möglichkeit gegeben, online ein Publikum zu finden.
Foto: L.P. Dohi

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Social Media hat dafür gesorgt, dass fast alle Angehörigen der Gen Z wissen, wie man sich ordentlich schminkt, hip kleidet und vorteilhafte Selfies macht. Nirgendwo sieht man das so gut wie auf Tiktok. Doch was wäre, wenn es in den Neunzigern schon Tiktok gegeben hätte?

Genau das zeigt Alina Bock, 36: Blauer Lidschatten bis zu den Augenbrauen, verschmierte Kajal-Augen und Make-up, das drei Töne zu dunkel ist – dazu läuft  der Neunziger-Dorfdissen-Klassiker „Saturday Night“ von Whigfield im Hintergrund. In solchen Videos erkennen sich wohl viele Nutzer*innen wieder, mittlerweile folgen Alina fast 900 000 Menschen auf Tiktok. Die Deutsche war aber schon vorher in der Unterhaltungsbranche unterwegs – bis 2010 war sie zum Beispiel Teil der deutschen Popgruppe BeFour. Seitdem arbeitet sie als Schauspielerin und Comedian in Hollywood. Mit jetzt spricht sie über Comedy und Generationenunterschiede auf Tiktok und das enorme Startsprung-Potenzial der Plattform.

jetzt: Wie bist du zu Tiktok gekommen?

Alina Bock: Das ging 2020 während der Pandemie los. Auf einmal hatte ich keine Arbeit mehr, alle Shows und Castings wurden abgesagt. Eine Freundin, die auch Comedy macht, hat dann angefangen, auf Tiktok Videos zu posten. Ich dachte: Tiktok? Ist das nicht diese Tanz-App? Ich habe mich bestimmt angehört wie unsere Eltern damals, als wir ihnen von MySpace erzählt haben. Aber ich saß ja eh den ganzen Tag daheim und konnte nicht mehr arbeiten – da habe ich das dann einfach mal selbst ausprobiert.

Die meisten Tiktok-Nutzer*innen sind  16 bis 24 Jahre alt, gehören also zur Gen Z. Wie ist es, als 36-Jährige auf Tiktok aktiv zu sein?

Am Anfang habe ich öfter mal Kommentare gelesen wie: „Ugh, jetzt sind die Millennials auf Tiktok!“ Mittlerweile ist die App aber bei mehreren Generationen angekommen. Bisher habe ich mich immer wohl gefühlt. Mein Publikum besteht wohl auch größtenteils aus Millennials. Aber es stimmt, manche Leute aus meiner Schulzeit verstehen immer noch nicht, was das eigentlich für eine App ist. Es muss dir halt egal sein, was der Lutz aus dem Heimatdorf darüber denken könnte.

Was war bis jetzt dein erfolgreichstes Video?

Mein erstes Video über einen Teenie in den Neunziger-Jahren. Das war eine ganz spontane Idee und inspiriert aus meiner eigenen Jugend. Ich fand es selbst erst total schlecht, habe es dann aber einfach gepostet. Und das ging dann auf einmal voll durch die Decke. Ich glaube, das lag auch daran, dass in der Pandemie die Nostalgie sehr groß geworden ist. Man möchte sich sicher fühlen, in Erinnerungen schwelgen. Die Leute sehen sich in diesen Videos wieder und können kurz lachen. Vor allem in einem Jahr wie 2020 war das schön.

„Tiktok ist in der Unterhaltungsindustrie nicht nur akzeptiert, sondern auch erwünscht“

Mittlerweile hast du fast 900 000 Follower*innen. Wie fühlt es sich an, auf einmal so eine Reichweite zu haben?

Das fühlt sich richtig gut an! Ich mache schon seit Jahren Comedy – und auf einmal hat man ein Publikum online. Es ist cool, wenn man mit Leuten aus der ganzen Welt eine Connection findet. Auf einmal gingen die Views, Likes und Follower hoch. Da bin ich dann einfach dran geblieben. Die Grundlagen von Charakter-Comedy habe ich bei einer Comedygruppe hier in Los Angeles gelernt – und die kann ich auch auf Tiktok anwenden. 

Ist Tiktok also eine Art Sprungbrett?

Tiktok ist in der Unterhaltungsindustrie nicht nur akzeptiert, sondern auch erwünscht. Du kannst deine Arbeit selbst öffentlich machen und dein dadurch entstandenes Publikum auch nutzen, wenn du bei anderen Projekten mitmachst. Wegen des Tiktok-Erfolgs habe ich ein neues Management bekommen und habe Meetings mit großen Talentagenturen, die mich vorher nie gesehen hätten. Ich bin seit neun Jahren hier in Hollywood und habe bei allen möglichen Dingen gedacht, das sei nun mein Durchbruch. Aber erst Tiktok hat mich auf eine Ebene katapultiert, auf der ich gesehen werde.

In Deutschland warst du schon mal vor ein paar Jahren bekannt – als Mitglied der Band BeFour. Ist das jetzt eine andere Art von Bekanntheit?

BeFour war ja für ein jüngeres Publikum. Konzerte, kreischende Kinder – ich habe es geliebt, mit der Band unterwegs zu sein. Jetzt habe ich ein Publikum, das eher meinem Alter entspricht. Doch Social Media ist anders – ich werde zwar von vielen Menschen gesehen, aber ich fühle mich jetzt nicht auf die klassische Art berühmt. 

Wie wird man auf Tiktok erfolgreich – hast du eine Art Erfolgsformel?

Tiktok ist schwer einzuschätzen. Bei manchen Videos frage ich mich: Hä, wieso hat das denn jetzt 7 Millionen Views? – Und manchmal sehe ich hochwertig produzierte Videos und da kommt nichts. Was ich aber allen raten kann: Man muss sein Ding finden und das immer wieder machen. Am Anfang ist Quantität wichtiger als Qualität. Manche Videos werden nicht gut ankommen, aber das ist okay. Anders kommt man nicht zur nächsten Idee. Ich kann auch nur raten, sich nicht mit anderen auf der Plattform zu vergleichen, was Erfolg oder Followerzahlen angeht. Dieser konstante Vergleich ist der Tod von Kreativität. Deswegen mache ich ab und zu auch mal eine Social-Media-Pause.

Du hast zwar einen deutschen True-Crime-Podcast, auf Tiktok bist du mehr auf Englisch unterwegs. Wie kommt’s?

Ich habe von Anfang an versucht, das Deutschsein nicht als meine Marke zu nehmen. Ich versuche es nur zu nutzen, wenn es für den Witz Sinn macht. Schon als Kind wollte ich immer nach Hollywood. Auch in Deutschland gibt es gute Comedy, aber meine Vorbilder waren schon immer amerikanische Stars wie Will Ferrell, Melissa McCarthy oder Kristen Wiig. Nach meinem Umzug nach Hollywood hatte ich zwar ein bisschen Angst, meinen deutschen Akzent nicht loszuwerden, aber da habe ich von der Comedy-Szene auch viel Unterstützung bekommen. 

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