„Ich genieße, wie ihr leidet, weil ihr kein Geld mit mir macht“

Foto: Felix Leichum

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Sie war der erste Youtube-Star Deutschlands: Mit „Harry Potter“-Synchros, in denen sie die Filme der Reihe parodierte und Charaktere wie den rappenden „Fresh Dumbledore“ schuf, wurde Kathrin Fricke, besser bekannt unter ihrem Pseudonym „Coldmirror“, in den 2000ern zum Internet-Phänomen. Heute ist die mittlerweile 36-Jährige für öffentlich-rechtliche Formate als Videokünstlerin tätig und betreibt für „Funk“ unter anderem den „5-Minuten-Harry-Podcast“, in dem sie Folge um Folge jeweils einen kleinen Ausschnitt aus „Harry Potter und der Stein der Weisen“ haarklein analysiert, kommentiert und parodiert. Wir haben mit ihr über ihren Werdegang, ihre Arbeit, Zukunftspläne – und natürlich Harry Potter – gesprochen.

jetzt: Erinnerst du dich noch an das erste Video, das du jemals auf Youtube hochgeladen hast?

Coldmirror: Das war ein Home-Video, das ich mit meiner Schwester zusammen gedreht habe. Da müsste ich 17 gewesen sein, da gab es noch nicht mal Youtube. Hochgeladen habe ich es dann erst 2006. Wir wollten unbedingt „Harry Potter“ verarschen. Wir waren damals beide große Fans des Films und haben auf dem Weg zur Schule eine Kappe gefunden, auf der „Normi“ stand. Den Namen fanden wir so dämlich und dachten uns, dass so doch der geistig zurückgebliebene Cousin von Harry heißen könnte. Ja, und Normi Potter war dann ein Junge, der überhaupt nicht zaubern kann, sich einfach einen Besen zwischen die Beine klemmt, damit durch den Garten rennt und den „Stein der Weisen“ sucht, der dann einfach irgendein normaler Stein ohne magische Kräfte ist. Darüber haben wir kleine Sketche gedreht und uns kaputtgelacht dabei.

„Das allerbeste Kompliment, das ich jemals dazu bekommen habe, kam von einer blinden Person“

Und wie stehst du zu diesen alten Sketchen von dir?

Ich werde zwar immer noch für meine „Harry Potter“-Synchros von damals gelobt, aber manche Sachen sind halt so hart an der Grenze, dass ich echt den Kopf über mich selbst schütteln muss. Was den Humor von damals angeht - der war ganz klar rassistisch, ableistisch, homophob, und wahrscheinlich noch vieles mehr. Dorfjugend-Humor eben... und dazu kommt, dass mein Gehirn wohl auch nicht in einem besonders gesunden Zustand war. Die Videos sind in der Erinnerung von vielen Leuten glaub ich besser als sie in Wahrheit sind. Und auch wenn mir viele, sogar aus diesen Minderheiten-Gruppen, dann sagen: „Ach sooo schlimm war das nicht, ich habe auch gelacht!“, möchte ich aber nicht, dass Menschen sich wegen mir kacke fühlen.

Heute bist du 36, machst neben anderen Projekten immer noch „Harry Potter“-Content – und die jungen Leute lieben es weiterhin. Dein „5-Minuten-Harry-Potter“-Podcast ist auf Spotify unter den meistgehörten Podcasts überhaupt. Bist du es nicht langsam überdrüssig?

Nein, der Harry-Podcast ist sogar mein Lieblingsprojekt. Das ist etwas, wofür ich um sechs Uhr morgens aufstehe und denke „Geil, jetzt wieder Skript schreiben!“. Aber auch das Aufnehmen selbst und die „Response“ der Leute spornen mich an. Das allerbeste Kompliment, das ich jemals dazu bekommen habe, kam von einer blinden Person, die auch Fan von „Harry Potter“ ist. Sie hat die Bücher gelesen und die Filme mit Audiodeskription „gesehen“. Manche Sachen sind da aber sehr unklar, man weiß nicht ganz genau, was passiert. Und weil ich das so detailgetreu beschreibe, hat die Person den Film zum ersten Mal tatsächlich „gesehen“, zum ersten Mal in allen Details in ihrem Gehirn drin gehabt. Und da dachte ich mir: „Wenn ich deine Augen sein kann, ist das das größte Kompliment!“

Woher kommt die nachhaltige Potter-Faszination?

Ich habe „Harry Potter“ zuerst gehasst und fand den Hype darum total blöd, wurde aber von Freunden quasi dazu gezwungen, das zu gucken. Und irgendwie hat es mich dann doch gefangen. In einer dunklen Stunde habe ich die Bücher gelesen und gedacht „Hm, das ist gar nicht mal so scheiße, sogar ziemlich gut.“ Die Reihe hat mir in einer düsteren Zeit ein Licht am Ende des Tunnels gezeigt und seitdem hat der Kosmos einen Platz in meinem Herzen. Er ist ein „Safe Space“ geworden, in den ich mich geistig zurückziehen konnte. Realitätsflucht ist zwar eigentlich blöd, aber das war nun mal ein Grund für mich, überhaupt weiterzuleben und es sogar zu genießen, weiter am Leben zu sein. Dafür bin ich „Harry Potter“ für alle Zeit dankbar. Es ist nicht der beste Film der Welt, es gibt auch besser Buchreihen – aber damals war es für mich einfach das absolut Beste.

„J.K. Rowling kann mir das nicht kaputt machen“

Und die Kritik an J.K. Rowling, der Autorin der Buchreihe? Wie stehst du dazu?

Nun, früher wollte ich ihr mal die Hand schütteln und einfach „Danke“ sagen. Das will ich jetzt nicht mehr. Jemand, der so eine schöne Welt erschafft, und von Freundschaft und Akzeptanz schreibt, verhält sich plötzlich so kacke. Klar, sie ist auch nur ein Mensch, will in ihrem Herzen Gutes tun, aber sie hat sich sehr in dieses Gender-Thema verbissen und tut damit vielen Menschen weh. Da hatte ich, wie andere Fans auch, das Gefühl, dass ich diese schöne Welt nicht mehr genießen kann. Aber Daniel Radcliffe, aka „Harry Potter höchstselbst“, hat das dann sehr schön kommentiert: Wenn eine Geschichte einem im Leben hilft, kann sie dir keiner wegnehmen. Ich sehe J.K. Rowling inzwischen abgesondert von meiner Liebe zu Harry Potter. Sie kann mir das nicht kaputt machen, sie ist nicht die Geschichte, sie hat sie nur geschrieben.

Heute bist du ein richtiger Star. Aber kannst du dich noch daran erinnern, wann dich dann zum ersten Mal jemand auf der Straße erkannt hat und wie das für dich war?

Ich kann mich nicht an das allererste Mal erinnern. Das Mal, an das ich mich erinnern kann, war aber auf jeden Fall auch merkwürdig: Ich bin zur Uni gegangen, das war 2006 oder so, als die Synchros gerade groß wurden. Eine damalige Kommilitonin von mir – wir waren in der Kantine und wollten uns etwas zu Essen holen – hat ein paar Cent aus ihrem Pulli geholt und gesagt: „Höhö, guck mal, wie reich ich bin!“ Da dachte ich mir „Oh shit! Das ist ein exaktes Zitat aus der Synchro-Folge, in der Harry im Hogwarts-Express Ron seine vielen Goldstücke zeigt. Wir hatten uns die ganze Zeit normal unterhalten und dann bringt sie einfach diesen Satz! Sie wusste, dass das von mir ist, hat aber nie etwas gesagt.

Dein Freund „Süßi“ ist, seit man dich kennt, an deiner Seite. Wie findet er denn eigentlich, dass du mittlerweile einen Berühmtheitsstatus erlangt hast?

Ich glaube, er ist sehr stolz und findet das cool. Und ich finde es wiederum cool, dass er gar nicht in dieser Welt unterwegs ist. Er schaut sich zwar alles an, was ich mache, er ist mein Testpublikum. Aber er hat einen etwas anderen Humor. Trotzdem ist er meine Muse. Manchmal unterhalten wir uns über irgendetwas, er erzählt mir seine Ideen und ich bin dann so: „Boah, voll cool, genau das mach‘ ich nicht!“ Aber das löst zumindest einen Gedankenprozess in mir aus und so komme ich auf neue Ideen.

Du bist vor allem wegen deines außergewöhnlichen Humors bekannt. Wie würdest du den Menschen beschreiben, die noch nie ein Video von dir gesehen haben?

Oh Gott! Insgesamt ist mein Youtube-Kanal sehr nerdig und sehr Fanwissen-lastig. Die Animationen, wie „StarStarSpace“, die sich auf „Star Trek“ und „Star Wars“ beziehen, erfordern einiges an Vorwissen. Die „Japanoschlampen“ – so schlimm wie der Titel auch ist – beziehen sich wiederum auf Anime-Serien. Wenn du kein Fan davon bist, wirst du wahrscheinlich auch meine Videos dazu nicht mögen. Also wenn du Fan von irgendeiner Sache bist, dann wirst du unweigerlich auf meinem Kanal irgendwas finden, dass das verarscht. Denn ich drücke meine Liebe durch Parodien aus.

Mit Formaten wie diesen wurdest du zeitweise zur meistabonnierten Youtuberin Deutschlands. Du hast dich aber dagegen entschieden, deine Videos zu monetarisieren. Warum?

Weil ich mich nicht von diesem System abhängig machen wollte, sag‘ ich immer. Die wahre Antwort ist: Kann ich halt nicht, weil Copyright-Gedöns. Bei Fan-Content muss man unweigerlich irgendwelche Bilder einbinden und das zu umgehen, war mir einfach zu viel „struggle“, ehrlich gesagt. Irgendwann kam aber tatsächlich ein offizieller Youtube-Mensch zu mir, hat mir die Hand geschüttelt und ich habe kleine Dollarzeichen in seinen Augen gesehen. Er hat mir nahegelegt, einen weiteren Kanal anzulegen, mit dem es keine Copyright-Probleme gibt. In dem Gespräch habe ich aber festgestellt, dass man in erster Linie auf mich zukam, weil man mit mir Geld machen wollte, dass sie etwas mit meinen Views verdienen wollten. Da hat meine sadistische Ader übernommen und ich dachte: Nein. Und: „Ich genieße das. Ich genieße, wie ihr leidet, weil ihr kein Geld mit mir macht. Tut euch das weh?“

„Du musst dich eigentlich nur zwei Minuten darin bewegen, und du wirst sauer. Ein paar Kommentare lesen und dein Tag ist versaut“

Wie stehst du denn Youtube, und allgemein den sozialen Plattformen, heute gegenüber?

Ich bin ein bisschen zwiegespalten: Youtube wurde von Google aufgekauft und die wollen nun mal Geld machen. Da bleibt natürlich die Förderung von kreativen Leuten, die sich neue Dinge ausdenken, auf der Strecke. Man möchte zuerst Klicks generieren, was dazu führt, dass eher Skandalvideos millionenfach gesehen und zusätzlich gepusht werden. Das ist auch in allen anderen Social-Media-Bereichen der Fall: überall Aufreger. Du musst dich eigentlich nur zwei Minuten darin bewegen, und du wirst sauer. Ein paar Kommentare lesen und dein Tag ist versaut. Ich glaube, das war früher nicht so. Damals habe ich noch mehr mit Leuten interagiert, aber mittlerweile habe ich gemerkt, dass das meinen kreativen Prozess nicht gerade fördert. Ich lese natürlich noch mit, aber ich reagiere nicht mehr. Das „Social“-Element ist für mich nicht mehr „social“.

Dann kam irgendwann der Sprung von Youtube hin zu den öffentlich-rechtlichen Formaten. Wie hat das angefangen?

Es hat angefangen mit einer E-Mail, die ich 2010 von „YouFM“, ein Radiosender des Hessischen Rundfunks, bekommen habe. Später kam der Sender „EinsFestival“ auf mich zu, der eine Clip-Show starten wollte. Die dachten sich dann: „Die Coldmirror, die könnte ja Moderator-mäßig was sein, oder Host oder so.“ Aber letzten Endes haben wir dann nur die Clips, die ich für Youtube gemacht habe, im Fernsehen ausgestrahlt. So ist die Fusion entstanden: Ich habe einfach weitergemacht, was ich vorher auch gemacht habe, nur dass es jetzt eben auch für die Öffentlich-Rechtlichen war.

Mit dem Wechsel zu den Öffentlich-Rechtlichen hast du dich auch immer wieder für Themen engagiert, die gesellschaftlich relevant sind. Würdest du dich als politischen Menschen beschreiben?

Oh Gott, nein! Immer wenn ich etwas Relevantes mache, ist das so ein: „Ja, kann man machen!“, aber nicht so ein: „Ich bin da total überzeugt von, und ich mach das jetzt, weil ich Leute belehren will!“. Als ich beispielsweise etwas zu Anti-Hate-Speech gemacht habe, hab‘ ich das eher als Internet-Tutorials über Sachen, die man wissen sollte, verstanden. Aber da ist nie ein wirklich politischer Hintergedanke gewesen. Ich bekomme auch manchmal Anfragen, die mir zu politisch sind, die ich absage, weil ich weiß, dass es Leute gibt, die das besser erklären können als ich.

Hast du aktuell schon neue Projekte geplant?

Nö! Das was ich mache, wird fortgesetzt. Ich plane gar nicht so viel. Mir fällt irgendwie immer alles in den Schoß oder ich mach‘ einfach. Am Ende sagen die Leute: „Ja, war gut!“ Und ich denke mir: „Okay, das habe ich einfach gemacht, weil mir langweilig war.“ Also mal sehen, was in den nächsten Jahren noch so aus Langeweile in meinem Gehirn entsteht.

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