Frauen, erobert euch die Straßen zurück!

Unsere Autorin geht seit Kurzem flanieren. Und ja, das ist was anderes als spazieren.
Von Franziska Koohestani

Illustration: Julia Schubert

Ohne Ziel und Grund streifen Maria und ich durch die Großstadt. Die Sonne knallt und die Leute drängeln sich in engen Gassen an uns vorbei. Aber heute ist das egal, denn wir lassen uns nicht hetzen. Stattdessen amüsieren wir uns über Geschäfte für Lampenschirme („so was gibt es noch?“) und diskutieren darüber, welche Symbolik mit Baugerüsten verbarrikadierte Regierungsgebäude transportieren. Nach ein paar Stunden legen wir eine Pause ein, in einem Buchladen-Café. Während ich draußen Platz nehme und die Eindrücke Revue passieren lasse, geht Maria hinein. Als sie zurückkommt, legt sie wortlos ein Buch auf den Tisch: „Flâneuese – Frauen erobern die Stadt“ von Lauren Elkin. Flaneuserie, so heißt das also, womit wir unsere Zeit verbringen! Ich bin begeistert – so wie man eben begeistert ist, wenn man für eine vermeintlich banale Beschäftigung eine wichtig klingende Bezeichnung findet. Verwinkelte Straßen erkunden, das Stadtbild unseren neugierigen Blicken unterziehen. Flanieren ist jetzt unser Ding. Zack: Buch gekauft, die neue Identität als Flaneuse gleich mit.

Flanieren vs. Spazieren

Eigentlich bedeutet Flanieren ‚zielloses Umherstreifen’, aber für mich ist es schon seit diesem Tag viel mehr als nur das. Nämlich: gesellschaftskritisch und feministisch! Was ich – auch dank des Buches – darüber gelernt habe: Es flanieren nicht mehr so viele Leute wie in früheren Zeiten. In kapitalistischer Manier legen wir hauptsächlich Wege zurück, die uns effizient scheinen. Wir haben ein Ziel vor Augen, wenn wir durch die Stadt laufen. Und oft auch ein Handy in der Hand, das per Navi den kürzesten Weg berechnet. Manchen Leuten ist es sogar peinlich, wenn sie merken, dass sie mal falsch abgebogen sind. Klar, einige wenige gehen noch spazieren, aber das ist anders.

Ich erkläre mich natürlich solidarisch mit allen Spaziergänger*innen dieser Welt. Denn auch sie gehen Wege, die nicht gegangen werden müssen. Aber als überzeugte Flaneuse beharre ich darauf, dass es Unterschiede gibt: Spazieren geht man, um den Kopf frei zu kriegen – flanieren, um ihn voll zu kriegen. Spazieren ist Weltflucht – flanieren ist Konfrontation. Bei einem Spaziergang freue ich mich über Blümchen und Schmetterlinge am Wegesrand. Wenn ich flaniere, beäuge ich kritisch, wie sich die Menschen um mich herum verhalten. Ich lausche Gesprächen und sinniere über das Leben der Anderen. Wenn ich flaniere, beurteile ich das Stadtgeschehen, die Gebäude, Baustellen und öffentlichen Plätze. Für wen sind sie da und für wen nicht? Beim Flanieren ist also der Weg das Ziel und der Grund des Flanierens liegt im Flanieren selbst. Schon darüber nachzudenken, macht ganz philosophisch.

Dass Frauen* flanieren, ist nicht selbstverständlich

Was ich außerdem über das Flanieren gelernt habe (und das hat mich besonders dazu angestachelt!): Ziemlich genau zwei Jahrhunderte lang war es Männersache. Der Flaneur war ein Dandy, ein intellektuelle Poser mit Spazierstock und Zylinder. Seine Haltung verriet: „Mir gehört die Stadt“. Selfmade-Flaneure wie Charles Baudelaire und Edgar Allan Poe haben ganze Geschichten und Gedichte darüber geschrieben, wie sie durch Städte schlendern. In Illustrationen sieht man sie mit Schildkröten an der Leine, diese Langsamkeit konnte ‚Mann’ sich schließlich leisten. Der Umherstreifende hatte Zeit, Style und das Geld. Diese Männer kamen meist aus dem Großbürgertum. Für Frauen hingegen schickte es sich nicht, auf der Straße trieben sich höchstens Prostituierte herum. In der Literatur des Flaneurs (zum Beispiel bei Marcel Proust) war dessen weibliches Äquivalent die Passante, und die huschte geschwind vorbei.

Aber auch damals gab es schon rebellische weibliche Flaneusen und die sollte man auf keinen Fall vergessen. In dem Buch von Lauren Elkin (durch das ich offiziell zur Flaneuse wurde) erzählt sie von jenen Frauen, die sich entgegen der Konvention auf die Straße wagten und ihre Erlebnisse später auf Papier oder die Leinwand brachten: zum Beispiel Filmemacherin Agnès Varda oder Schriftstellerin Virginia Woolf. Trotzdem: dass Frauen unbeschwert flanieren – oder eher: flan-eus-ieren – war alles andere als selbstverständlich.

Und das ist auch heute noch so. Ich merke, dass ich mich als Frau anders durch Städte bewege als Männer: weniger selbstbewusst, vorsichtiger. Zu bestimmten Uhrzeiten fühlt es sich sogar gefährlich an, in verlassenen Seitenstraßen umher zu wandeln. Der öffentliche Raum ist eine Herausforderung: ich denke immer wieder darüber nach, wie ich mich bewege, um gar nicht oder zumindest nicht unangenehm wahrgenommen zu werden. Ich laufe am liebsten zügig, um niemandem den Weg zu versperren. Ich starre auf den Boden oder geradeaus, um keine Blicke zu riskieren, die falsch verstanden und unangenehme Folgen haben könnten. Wenn ich raus auf die Straße gehe, dann habe ich oft die Befürchtung, dass mir etwas passieren könnte: dass ich angerempelt, geschubst, angefasst, belästigt oder beleidigt werden könnte – sexistisch und auch rassistisch. Grund dafür ist keine Hysterie, denn diese Dinge passieren. Das zeigte zum Beispiel das vor vier Jahren veröffentlichte Video einer durch New York laufenden Frau. Die Bilanz: Innerhalb von zehn Stunden wurde sie 108 Mal belästigt.

10 Hours of Walking in NYC as a Woman

Flanieren als Aktivismus?

Diese Spießrutenlauf-Erfahrungen auf der Straße machen vermutlich nicht nur Frauen, sondern Mitglieder aller marginalisierten Gruppen. Wir nehmen einen krasseren Kampf mit der Stadt auf als der klassische Flaneur, der nichts zu befürchten hat, weil ihm die Stadt gehört. Aber darin besteht auch ein Potential, nämlich: sich weniger dandyhaft-großbürgerlich und stattdessen wacher und kritischer durch die Stadt zu bewegen. Vor kurzem wurde das Buch „Flexen. Flâneusen* schreiben Städte“ veröffentlicht. Darin: 30 Texte, die genau jene anderen Sichtweisen auf Städte präsentieren – geschrieben von Frauen*, People of Colour oder queeren Menschen. Hier wird gezeigt, dass das Flanieren in manchen Regionen schon Aktivismus bedeuten kann, in Indien zum Beispiel. Sie zeigen, wie es sich anfühlt, als Frau mit Kinderwagen durch die Stadt zu laufen und wie eine andere Frau eine Großdemonstration in Dresden erlebt. Grundsätzlich geht es beim Flanieren schließlich darum, im wahrsten Sinne ‚auf die Straße zu gehen’ und den öffentlichen Raum zu erobern. Denn nur dadurch kann sich dieser auch verändern.

Ja, eine Flaneuse zu sein ist nicht so leicht wie es im ersten Moment klingt. Es kostet Überwindung und oft hält man es für Zeitverschwendung. Aber man muss (und sollte!) es gar nicht genauso machen, wie es der langsame Einzelgänger-Flaneur immer gemacht hat. Wenn man keine Zeit zu haben glaubt, reicht für den Anfang schon ein Flaneuserie-Quickie. Und wenn die Motivation fehlt, ist es sowieso viel schöner, gemeinsam zu flanieren. Ohne meine Freundin Maria wäre ich nicht nur niemals eine Flaneuse geworden, ich wäre vermutlich auch nicht lange eine Flaneuse geblieben. Zugegeben: Manchmal ist man dazu verleitet, es lieber wie die Oma von nebenan zu machen und das Straßengeschehen bequem vom Fenster aus zu beobachten. Aber wenn wir von da aus dann nur den Opa mit Stock, Hut und Schildkröte an der Leine vorbei flanieren sehen, dann bleibt halt auch alles so, wie es ist und wie es immer schon war.