Was würden Frauen tun, wenn es einen Tag lang keine Männer gäbe?

Das fragte Influencerin Isabell Gerstenberger ihre Followerinnen – und umgekehrt auch ihre männlichen Follower. Die Antworten sind erschreckend.
Interview von Franziska Setare Koohestani
influencerin btgasi cover

Foto: Privat

Die Fragen, die Influencerin Isabell Gerstenberger (aka. @btgasi), 20, ihren Follower*innen gestellt hat, sind eigentlich ganz simpel: „An die Männer: Was würdet ihr machen, wenn es 24 Stunden keine Frauen gäbe?“ Und: „An die Frauen: Was würdet ihr machen, wenn es 24 Stunden keine Männer gäbe?“ Aber die Antworten haben es in sich. Während viele der Männer angaben, sich ohne Frauen eher zu langweilen, schien den meisten Frauen die Vorstellung eines Tages ohne Männer wie eine Befreiung. Isabell sammelte die Antworten und postete sie nebeneinander auf ihrem Instagram-Account. „Auch, wenn sich kaum ein Mann dieser Welt vorstellen kann, wie es ist, als Frau zu leben, hoffe ich, dieses Beispiel konnte euch wenigstens einen kleinen Einblick in die alltäglichen Ängste eurer Schwestern, Müttern und Freundinnen gewähren“, schrieb sie dazu. Ihr Post wurde mehr als  40 000 Mal geliked. 

Wir haben mit Isabell darüber gesprochen:

jetzt: Was würdest du denn machen, wenn es 24 Stunden lang keine Männer gäbe?

Isabell Gerstenberger: Ich würde rausgehen und das Leben genießen. Ich würde oberkörperfrei rumlaufen und abends mit meinen Mädels im Park liegen, mitten in der Stadt. Einfach befreit unterwegs sein in der Öffentlichkeit. Und ich würde das anziehen, was ich möchte – das mache ich zwar heute auch schon, aber ich fühle mich da trotzdem immer etwas unwohl. Es kostet mich Überwindung.

Du hast diese Frage deinen weiblichen Followerinnen auf Instagram gestellt. Wie waren ihre Reaktionen?

99 Prozent der Frauen haben genau das Gleiche gesagt. Die meisten haben geschrieben, sie könnten dann ohne Angst nachts draußen sein. 

 

Und bei den Männern?

Tja, das war anders. Ich habe die Frage extra auch den Männern gestellt, weil ich schon wusste, was dabei rauskommen würde. Und weil ich wusste, dass mein Punkt da noch deutlicher wird. Die Männer haben vor allem Sachen geschrieben wie: einfach meinen Tag weiterleben, 24 Stunden warten, bis meine Freundin wieder da ist, mit den Jungs rausgehen, mit meinen vergebenen Freunden endlich mal wieder was trinken. Alles ganz entspannt also. Ein krasser Kontrast zu den Antworten der Frauen.

„Es würde schon helfen, wenn Männer sich mehr damit beschäftigen und ihr Verhalten ändern würden“

Was müsste sich deiner Meinung nach denn verändern, damit Frauen sich draußen wieder wohlfühlen können? 

Es müsste sich so viel ändern – eigentlich alle Rollenbilder, die wir von klein auf lernen. Es ist eher die Frage, was sich jetzt gerade schon verändern kann. Es würde schon helfen, wenn Männer sich mehr mit den Ängsten der Frauen beschäftigen und ihr Verhalten ändern würden. Zum Beispiel, wenn ein Mann nachts hinter einer Frau läuft und er merkt: Die Frau dreht sich um, verhält sich anders, wirkt ängstlich – dass er dann einfach stehen bleibt, kurz den Schuh schnürt oder einfach die Straßenseite wechselt. 

Du hast vorhin gesagt, dass du trotzdem das anziehst, was du möchtest, auch wenn es unangenehm ist. Wie kannst du dich dazu ermutigen?

Das geht mit Baby Steps. Als Frau muss man in dieser Gesellschaft leider erst einmal das Selbstbewusstsein aufbauen, Dinge zu tun, die eigentlich selbstverständlich sein sollten: einen kurzen Rock tragen zum Beispiel. Auch mir ist es schon oft passiert, dass ich ein Outfit angezogen habe und 50 Meter entfernt von meiner Haustür habe ich dann gemerkt: ‚Ne, das kann ich heute nicht anziehen, das schaff ich nicht.‘ Aber das Ding ist: Egal, was ich anhabe – Catcalling passiert immer. Man wird nur wegen seines Geschlechts belästigt und nicht wegen der Klamotten. 

 

Wie war denn das Feedback auf deinen Post mit den Ergebnissen?

Unmittelbar danach kamen überwiegend negative Nachrichten von Männern. Sie haben geschrieben, dass sie sich unfair behandelt gefühlt haben. Einige haben mir vorgeworfen, ich würde Männerhass verbreiten. Teilweise kamen auch üble Beleidigungen. In den darauffolgenden Tagen, als der Post auch mehr Aufmerksamkeit bekommen hat, haben mich viele Frauen kontaktiert, die geschrieben haben: ‚Danke, dass du dich dazu äußerst und den Mut zusammennimmst.‘ 

„Danach sind mir 500 Männer entfolgt“

Glaubst du, du kannst durch deinen Post Männer für Sexismus sensibilisieren?

Ich denke schon. Es gab auch ein paar Männer, die mir geschrieben haben, dass ich ihnen damit die Augen geöffnet habe. Mir reicht schon, dass eine Person die Sichtweise verändert. Es kommt darauf an, wie stark der Mann, der den Post liest, sich dagegen wehren will. Mein Post allein wird vermutlich nicht reichen, um die Sichtweise von jemandem komplett zu verändern. Aber da muss ich einfach dranbleiben. 

 

Auf deinem Instagram-Kanal postest du hauptsächlich Lifestyle- und Mode-Content. Wie kommt es denn bei deinen Follower*innen an, dass du immer wieder auch auf feministische Themen aufmerksam machst?

Ich habe erst Anfang des Jahres angefangen, mich auf der Plattform für Feminismus einzusetzen und dadurch auch viele Follower*innen verloren. Das habe ich natürlich in Kauf genommen, weil es sich für mich richtig angefühlt hat. Nach dem Post war es aber besonders intensiv: Danach sind mir 500 Männer entfolgt. Da habe ich mir einfach gedacht: Warum könnt ihr die Wahrheit nicht aushalten? Ich glaube, dass Sexismus und Feminismus deshalb für viele Influencerinnen noch Tabu-Themen sind. 

„Seitdem ich mich mit Feminismus beschäftige, bin ich selbstbewusster“

 Warum hast du angefangen, dich mit Feminismus zu beschäftigen? 

Ich hatte lange Zeit immer den Eindruck, dass es gesellschaftlich schlecht angesehen ist, Feministin zu sein – leider auch von Frauen. Irgendwann hat es mich einfach zu sehr geärgert, dass wir Frauen es so lange hingenommen haben, uns einschränken zu lassen. Dass wir denken, es gehört nun mal zum Frausein dazu. Seitdem ich mich mit Feminismus beschäftige, bin ich selbstbewusster. Ich wünsche mir einfach, dass mehr Frauen darauf aufmerksam werden und sich gegen Sexismus wehren.

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