Männer, habt ihr Angst, wenn Frauen sich vernetzen?

Venetzung ist für Frauen empowernd – ist sie für Männer bedrohlich?
Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Liebe Männer,

wenn Frauen sich vernetzen, kann das eine zerstörerische Kraft haben. Das haben wir bereits in verschiedenen Fällen gesehen: Bündnisse unter Frauen, die sexistisches, chauvinistisches und Macht missbrauchendes Verhalten von Männern aufgedeckt haben, waren unter anderem an dem Fall von Harvey Weinstein beteiligt. Sie haben etwa auch ans Licht gebracht, dass der ehemalige Chef des rechtskonservativen US-amerikanischen Fernsehsenders Fox News, Roger Ailes, angestellte Journalist*innen sexuell missbraucht haben soll.

Solche Beispiele zeigen, dass der Kampf gegen die Unterdrückung der Frau, gegen Sexismus und das Patriarchat noch nicht zu Ende ist. Unsicherheiten oder Gewalt, die wir erfahren, erfahren wir auch als Kollektiv. Das macht uns wütend. Und stark.

Mir haben schon viele Freund*innen von angsteinflößenden Begegnungen mit fremden Männern auf der Straße oder uneinvernehmlichen Körperberührungen erzählt. Und ich kann leider auch selbst aus Erfahrung sprechen. Ich bin froh, dass es mittlerweile viele Frauenbündnisse und Organisationen gibt, die sich für den allgemeinen Schutz von Frauen einsetzen. Dort erhalten diejenigen Frauen ein Sprachrohr, deren Stimmen im Dschungel der geschlechtsspezifischen Gewalt sonst untergehen.

Doch die Macht, die Männer in unserer Gesellschaft haben, wird nicht erst sichtbar, wenn Männer pure Gewalt ausüben. Sondern zum Beispiel auch, wenn man in die Führungsetagen von Unternehmen schaut, die von weißen Männern dominiert werden. Deswegen gibt es – gerade unter jungen Frauen – immer mehr Netzwerke.

Das Ziel weiblicher Netzwerke: einander hochziehen, helfen, empowern

Der deutsche Juristinnenbund beispielsweise vernetzt Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlerinnen deutschlandweit. Auch das Zentrum für feministische Außenpolitik, das seit 2016 besteht, möchte feministisch-intersektionale Perspektiven in das globale Politikschaffen einbringen und dieses inklusiver gestalten. Es gibt Netzwerke von Fotografinnen und jungen Journalistinnen. Berufsautorinnen, die im Deutschunterricht in Schulen unterrepräsentiert sind und sich auch auf dem Buchmarkt schwer gegen die Platzhirsche durchsetzen können, wird etwa mit dem neu eröffneten Buchladen „shesaid“ eine neue Bühne gegeben. Gründerin Emilia von Senger verkauft fast nur Bücher von Frauen und queeren Autor*innen. Und das sind nur einige Beispiele.

Das Ziel: einander hochziehen, helfen, empowern. Miteinander über Diskriminierung oder sexistische Witze reden können. Jobs weiterempfehlen und einander beistehen. Um irgendwann ein Netzwerk kreiert zu haben, das genauso stark ist wie das Männer-Netzwerk, das sich in den vergangenen Jahrhunderten in unserer Gesellschaft ganz natürlich aufgebaut hat. Und das Frauen oft im Weg steht.

Wir brauchen diese Vernetzung dringender als ihr. Dennoch: Macht euch jungen Männern diese Vernetzung Angst? Habt ihr das Gefühl, dass in geschlossenen Räumen unter Frauen Tipps ausgetauscht werden, die euch irgendwann fehlen? Angst, dass wir einander Jobs zuschustern könnten? Dass ihr etwas verpasst? 

Oder denkt ihr über diese Vernetzung gar nicht nach, weil ihr auch ohne ganz gut klarkommt? 

Erzählt mal,

Eure Frauen

Die Antwort: 

Liebe Frauen,

die schnelle Antwort auf eure Frage wäre: Nö. Macht ruhig. Das oder sowas in die Richtung würden zumindest die meisten Männer sagen, die die umfassende Benachteiligung von und Gewalt gegen Frauen als real und grundlegend falsch eingesehen haben und sich mit euch solidarisieren. Oder es zumindest versuchen.

Aber mal im Ernst – als Antwort ist das ein bisschen fad. Wollt ihr nicht lieber hören, was die andere Seite zu sagen hat? Die Männer, die sich im Leben nicht als Feministen bezeichnen würden?  Bis zu einem gewissen Grad kann ich hier nur spekulieren, aber meine starke Vermutung ist, dass man in dieser Sphäre Vernetzung von Frauen deutlich doofer findet. 

Reden wir erst einmal über die Vernetzung zwecks „hochziehen, helfen, empowern“. Hier spielt definitiv Futterneid eine Rolle: die Annahme, dass Wirtschaft, Erfolg, Macht ein Nullsummenspiel ist. Dass also Männer automatisch weniger bekommen, wenn Frauen mehr bekommen. Viele Männer sehen die Situation auch gar nicht so, dass sie irgendeinen unfairen Vorteil gegenüber Frauen haben. Nein, das System ist ihrer Ansicht nach an sich neutral und sie haben das, was sie haben, weil sie es verdient haben. Was ja jedem offen steht. Das liegt vielleicht daran, dass Privilegien für die, die sie haben, oft unsichtbar sind.

Der durchschnittliche Mann bekommt nicht in irgendwelchen geschlossenen Räumen Jobs zugeschustert. Und Buchverlage schließen wahrscheinlich auch nicht mit heimtückischen Absichten gezielt Verträge mit Männern ab, um weniger Literatur von Frauen unter die Leute zu bringen. Deshalb kann es oberflächlich so aussehen, als ob alle die gleichen Karten haben. Dass Verlage vielleicht mehr Bücher von Männern verkaufen können, weil Menschen per verinnerlichtem Vorurteil Männer unbewusst für die besseren Schriftsteller halten oder dass Jobs eher an Männer gehen, weil sie für kompetenter gehalten werden – sowas ist deutlich abstrakter und wenn man es nicht sehen will, sieht man es auch nicht.

Manche Männer sind neidisch auf Zugehörigkeit und offen zelebrierten Sister-Power-Pathos

Männer, die in ihrer Wahrnehmung bisher einfach nur ihr Ding gemacht und sich durch gerechten Wettbewerb ihren goldenen Arsch verdient haben, sehen in Frauen, die sich zusammentun, vielleicht eine unlautere Kartellbildung. Und Männer, die keinen Erfolg haben, sehen in ihnen möglicherweise den Grund dafür. 

Dann gibt es da auch noch eine andere Form von Neid, die glaube ich noch unterschwelliger wabert und tief zynisch ist. Es ist der Neid auf ein Narrativ. Auf Zugehörigkeit und offen zelebrierten Sister-Power-Pathos. Neid auf Sätze, die auch im Drehbuch für Braveheart stehen könnte, wie: „Das macht uns wütend. Und stark“ oder „Kampf gegen die Unterdrückung“. Und auch ein fehlgeleiteter Neid mancher weißer Männer darauf, dass sie ihr Versagen, ihr Unglück, ihre Depressionen nur auf sich selbst schieben können und nicht auf eine dunkle Macht, wie es in ihrer Wahrnehmung Feministinnen tun.

Und dann ist da noch die Form von Vernetzung, um Gewalt und Diskriminierung aufzudecken, anzuprangern, sich gegenseitig davor zu schützen und Halt zu geben. Ein Mann, der nichts von Feminismus hält, könnte durchaus Angst davor haben. Nicht unbedingt, weil er tatsächlich selbst gewalttätig wird, sondern weil er eine Art gesellschaftliche Lynchjustiz fürchtet. In den Köpfen vieler Männer wabert dieser Mythos der rachsüchtigen, verbitterten Feministin, die mit gezielten Falschanschuldigungen ihren Penisneid verarbeiten will. Gerade wenn diese Männer persönlich wenig von Gewalt an Frauen mitkriegen, nehmen sie Missbrauchsvorwürfe vermutlich eher als bösartige Attacken mit Verschwörungscharakter wahr. 

Die meisten Männer leben wohl im Glauben, dass ihnen in dieser Gesellschaft nicht so viel passieren kann 

Neben Angst und diffuser Wut spielt hier aber vielleicht auch Neid eine gewisse Rolle. Denn geschlechtsspezifische Gewalt wird zwar eindeutig von Männern an Frauen verübt, aber Gewalt an sich natürlich auch massiv unter Männern. In meinem männlichen Bekanntenkreis gibt es kaum jemanden, der nicht schon ein oder mehrere Male auf der Straße mehr oder weniger willkürlich von anderen Männern „auf die Fresse gekriegt“ hat. Und zwar so, dass das in nicht wenigen Fällen im Krankenhaus geendet hat. 

Und ich kann mir gut vorstellen, dass einige Männer, anstatt zu erkennen, dass die Vernetzung von Frauen gegen gewalttätige Männer und falsche Männlichkeit auch ihnen hilft, sich eher denken: „Ich bin auch Opfer, aber das interessiert natürlich keinen.“ 

Zum Schluss noch eine Ergänzung zum ersten Abschnitt: Es ist leicht, sich von all dieser Missgunst zu distanzieren und „Nö. Macht ruhig“ zu sagen. Aber die Wahrheit ist, dass auch dem progressivsten, selbstlosesten Feministen-Mann vermutlich irgendwann mal einer oder mehrerer dieser Gedanken durch den Kopf gehuscht ist. Aber man muss ja auch schließlich seine Ängste kennen, um sie zu überwinden.

Abgesehen davon schwingt in einem „Nö, macht ruhig“ vielleicht auch eine gewisse Überheblichkeit mit. Ein naives, unbewusstes Urvertrauen darauf, dass wir eh zu geil sind, als dass uns irgendeine Vernetzung von Frauen etwas anhaben könnte.

Aber nach all dieser Selbsterkenntnis, doch, ja – ist es möglich, dass wir jetzt vielleicht mit völliger Aufrichtigkeit sagen können: Nö. Macht ruhig?

Von einem heiligen Leuchten umgeben,

Eure Männer

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