Was eine Konversionstherapie anrichten kann

Das erzählt Raphaelle, die dadurch heterosexuell werden sollte. Sie sagt: „Ich habe damals gedacht, ich sei Abschaum“.
Interview von Raphael Weiss

Raphaelle spürt die Auswirkungen der „Konversionstherapie“ bis heute.

Foto: privat

Sogenannte „Konversionstherapien“ sind Verfahren, bei denen homosexuelle Menschen durch eine „Therapie“ von ihrer sexuellen Orientierung abgebracht werden sollen. Dabei wird teilweise zu drastischen Methoden gegriffen. Bei den Betroffenen richtet das oft bleibende Schäden an. Derzeit wird in Deutschland diskutiert, ob diese sogenannten „Therapien“ abgeschafft werden sollen. Raphaelle Rousseau, die im echten Leben anders heißt, hat erlebt, was das bedeutet. Unter ihrem Pseudonym möchte sie anderen Betroffenen helfen und über das Verfahren aufklären. Im Interview erzählt die 31-Jährige, wie sie die „Therapie“ erlebt hat und inwieweit sie die Stunden bei der „Therapeutin“ noch heute nachhaltig prägen. 

jetzt: Raphaelle, wie kam es dazu, dass eine sogenannte „Konversionstherapie“ bei dir angewendet wurde?

Raphaelle: Im Gegensatz zu anderen Betroffenen war ich ursprünglich nicht wegen Problemen mit meiner Sexualität beim Therapeuten. Ich dachte einfach generell, dass etwas nicht mit mir stimmt – aber natürlich lag das daran, dass ich einfach in einer Umgebung aufgewachsen bin, in der ich nicht ich selbst sein durfte. Da wird man einfach früher oder später depressiv. Aber diese Therapeutin war es, die mich später dazu getrieben hat.

Das heißt, deine Eltern haben nicht akzeptiert, dass du Frauen liebst? 

Ich hatte mit 14 meine erste Freundin. Mein Vater kam damit ein bisschen besser klar als meine Mutter. Sie hat mir öfter gesagt, dass ich nicht mehr ihre Tochter bin. Das war sozusagen meine erste „Konversionstherapie“ oder besser Suggestionsverfahren. Sie hat versucht mir Dates mit Jungs zu organisieren, hat mir immer wieder Sachen geschenkt wie eine „Back dir deinen Traummann“-Kuchenform. Sie hat mich mit Männern in einen Raum gesetzt und zugesperrt. Ich habe sie nachts oft weinen gehört, dann hat sie Sachen gesagt wie: ,Lieber Gott, warum habe ich so ein Kind verdient? Warum kann sie nicht normal sein?‘ Meine Therapeutin konnte einfach so daran anknüpfen.

Raphaelle klärt auf Instagram darüber auf, was so eine „Therapie“ für die Betroffenen bedeuten kann.

Foto: privat

Wie alt warst du, als du zu der „Therapeutin“ gegangen bist?

Ungefähr 22. Sie war damals die einzige Autoritätsperson in meinem Leben. Sie hat sich oft sehr rührend während meiner Depression um mich gekümmert und war damals fast schon ein Mamaersatz. Erst nach einem Jahr Behandlung hat sie zu mir gesagt: „Raphaelle, deine Homosexualität ist nur ein Symptom von tiefliegenden Problemen bei dir. Aber wenn du möchtest, können wir die Homosexualität behandeln, damit du zumindest ein normales Leben führen und einen Mann kennenlernen kannst. Das wirkt sich positiv auf deine Genesung aus.“

Hattest du selbst damals das Gefühl, dass deine Homosexualität eine Krankheit ist, die man „therapieren“ müsste?

Nein. Erst als sie das so genannt hatte. Erst als das so selbstverständlich aus dem Mund einer Autoritätsperson kam, habe ich angefangen, meine Homosexualität an mir selbst zu hassen und dachte: „Natürlich muss ich da behandelt werden. Wenn die Frau, der ich so vertraue, sagt, dass das eine Krankheit ist, dann ist das so und muss dem Folge leisten.“

Irgendwann ging es soweit, dass ich mit meinem besten Freund schlafen sollte

Wusstest du damals von den sogenannten „Konversionstherapien“?

Nein, ich kannte den Begriff nicht, den habe ich erst später gehört. In meinen Augen ging es damals um Heilung. Und deshalb habe ich diese – in fünfzig Anführungszeichen – „Therapie“ angefangen.

Wie lief das bei dir ab? 

Es hat eigentlich in einer Kaffeekränzchen-Atmosphäre begonnen. Sie hat grundlegend mit mir gesprochen und mir ihre nach und nach homophoben Meinungen eingepflanzt. „Raphaelle, wusstest du eigentlich, dass die Welt zugrunde geht, weil die ganzen Schwulen und Lesben Kinder adoptieren dürfen? Die können nur gestört aufwachsen.“ Das wandelte sich ganz schnell von diesen Gesprächen, in „entspannter Atmosphäre“ zu sehr indoktrinierenden Gesprächen, zu Licht-„Therapie“ und schließlich zu Hypnose.

Was passierte während der Hypnose?

„Folge meinem Finger. Schließe deine Augen. Jetzt stell dir vor: Einen Männerkörper, wie er nackt vor dir liegt.“ Spätestens ab dem Zeitpunkt wurde das übergriffig, mir wurde etwas suggeriert, was ich gar nicht wollte. Und dann habe ich irgendwann Hausaufgaben bekommen.

Was denn für Hausaufgaben?

Ich sollte Männer daten. Blinddates. Teilweise hat sie mir die auch vermittelt. Irgendwann ging es soweit, dass ich mit meinem besten Freund schlafen sollte. Ich sollte ihn dazu bringen, dass er mit mir schläft – was einfach auf so vielen Arten falsch ist. Nicht nur für mich, der Mann hat ja auch einen eigenen Willen und sollte nicht als ihr „therapeutisches“ Werkzeug missbraucht werden.

Hast du das denn alles gemacht?

Ja und es war sehr unangenehm. Nicht nur für mich, auch für die Männer. Die hatten andauernd das Gefühl, dass sie etwas falsch machen würden, weil ich bei den Treffen abwesend war. Ich hätte ihnen am liebsten gesagt: „Du kannst nichts dafür, ich habe einfach kein Interesse an Männern.“ Aber das durfte ich nicht, das war Teil der Aufgabe.

Und mit deinem besten Freund? Hast du wirklich mit ihm geschlafen?

Ich hab’s tatsächlich versucht. Aber es hat sich so unglaublich falsch angefühlt. Ich konnte es einfach nicht durchziehen. 

„Ich habe damals gedacht: Ich bin Abschaum, ich bin Gift für die Welt“

Wann hast du beschlossen, die „Therapie“ abzubrechen?

Wir haben besprochen, was es jetzt noch für Methoden gäbe und da sagte sie plötzlich: „Es gibt auch die Möglichkeit, es mit Elektroschocks zu probieren.“ Zu diesem Zeitpunkt habe ich dann zu mir gesagt: „Nein. Das wird nichts. Ich sehe keine Besserung. Ich fühle mich schlecht. Ich hasse mich. Ich habe keine Kraft mehr, dann bleibe ich lieber ,kaputt‘.“

Hat deine „Therapeutin“ den Abbruch überhaupt akzeptiert?

Nein. Die hat mich komplett weggestoßen, hat gesagt, dass ich nicht mehr ihre Patientin sein darf, da ich weiter kaputt bleiben will, weiterhin toxisch für diese Welt bleiben will. Das war das Schlimmste daran. So ein Schlusswort von einem Menschen, den du als Autorität ansiehst, dem man sich anvertraut hat, ist wirklich verheerend. Ich habe damals gedacht: „Ich bin Abschaum, ich bin Gift für die Welt.“ So etwas treibt dich auf jeden Fall in Richtung Suizid. Nicht, dass sie konkret gesagt hätte: „Bring dich um“, aber das war das Gefühl, das ich bekommen habe.

Wie war dann die Zeit nach der sogenannten „Therapie“?

Die „Therapie“ an sich ist gar nicht das Schlimmste, das habe ich auch von anderen Betroffenen gehört. Es ist die Zeit, die danach kommt. Der Gedanke, nicht heilbar zu sein. Der Selbsthass. Man bekommt jeden Tag aufs Neue bestätigt, dass man nicht normal ist: Im Fernsehen sind nur heterosexuelle Paare zu sehen. Die Freunde, die nur in heterosexuellen Beziehungen sind. Fragen wie: Hast du denn schon einen Freund? Das sind so permanente Trigger, die kratzen andauernd an dieser Wunde. Der Wunde, die einem heimlich still und leise in der „Therapie“ zugefügt wird und die über die nächsten Jahre immer wieder aufgerieben wird, aufgekratzt, bis es eitert und sich entzündet. 

Wie sah diese Entzündung bei dir aus?

Es war ein Teufelskreis. Erst gibt es diesen Selbsthass, dadurch traut man sich nicht mehr unter die Leute, dadurch, dass man sich nicht mehr unter Leute traut, fühlt man sich nicht mehr mit der Gesellschaft verbunden, dadurch entstehen neue Depressionen… und das zieht sich so lange hin, bis man entweder aufgibt oder das Glück hat, die richtigen Menschen zu treffen. 

Gab es bei dir ein besonderes Ereignis, das dich aus dem Teufelskreis rausgeholt hat?

Ich glaube, das war zu dem Zeitpunkt, als ich mehr Medien konsumiert habe, in denen auch lesbische Frauen zu sehen waren. Charaktere, die einfach nebenbei auch lesbisch waren. Da habe ich gemerkt: Hey, Das ist voll okay, das ist „normal“. Das ist sogar so okay, dass die einfach in einer Serie so sein können, wie sie sind.

„Zu wissen, dass der Staat wirklich hinter mir steht, wäre für mich ein großer Schritt“

Hattest du zu dieser Zeit keine homosexuellen Freunde, Menschen, die verstanden haben, wie es dir geht?

Nein, ich kannte bis dahin niemanden aus der LGBTQ-Szene. Mir wurde ja anerzogen, dass das schlechte Menschen sind und deswegen habe ich mich von solchen Leuten ferngehalten. Ich bin nicht auf den CSD oder ähnliche Veranstaltungen gegangen. Ich dachte damals, dass ich kein Teil davon bin. Aber nach und nach habe ich Freunde kennengelernt, für die meine Homosexualität vollkommen okay war, die selber bi sind. Da habe ich aber überhaupt nicht gezielt danach gesucht.

Ab wann hast du dich denn wohlgefühlt mit deiner Homosexualität?

Dieser Zeitpunkt ist, wenn ich ehrlich bin, noch immer nicht vollständig da. Ich versuche positiv nach vorne zu gehen, für andere Betroffene da zu sein und zu kämpfen. Aber es gibt oft genug Tage, an denen die Gehirnwäsche überhand nimmt und Nächte in denen ich wach liege und denke: Warum kann ich nicht einfach „normal“ sein? Ich weiß, dass das ein absolut schrecklicher Gedanke ist. Ich hasse es, dass ich so denke. Aber ich kriege es einfach nicht weg. Und ich befürchte, dass das noch lange Zeit, viel Reflexion und Therapien brauchen wird, bis ich denke: Ich bin echt voll okay, so wie ich bin.

Würde es dir dabei helfen, wenn von der Politik ein eindeutiges Signal kommt, also ein Verbot für diese „Behandlungen“?

Absolut. Ich bin mir sehr, sehr sicher, dass meine Therapeutin mich darüber aufgeklärt hätte, dass das eine illegale Behandlung ist, dass ich niemanden davon erzählen soll. Das wäre für mich ein Signal gewesen, nachzuforschen, mich zu informieren, zu fragen: Warum ist das illegal?

Würde es dir auch für deine jetzige Situation helfen?

Ja. Das würde mir zeigen: Du bist ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft, ganz egal wen du liebst. Da wäre ich sehr dankbar dafür. Zu wissen, dass der Staat wirklich hinter mir steht, wäre für mich ein großer Schritt.

Was würdest du Menschen raten, die sich vielleicht in einer ähnlichen Situation befinden wie du damals?

Macht eine Therapie. Aber nicht eine, die versucht eure Sexualität zu verändern. Sondern bei einem reflektierten Therapeuten, der euch dabei hilft, euch selbst zu finden und nicht versucht, euch von außen zu verändern. Ihr seid okay so wie ihr seid, das ist wunderschön. Ich weiß, ich wäre heute ein ganz anderer Mensch, wenn ich damals so einen Therapeuten gehabt hätte.

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