„Die Polizei tut nichts dagegen“

Für die 19-jährige Niederländerin Myrthe van der Houwen gehört sexuelle Belästigung zum Alltag. Deswegen hat sie eine Petition gestartet – und schon erste Erfolge erzielt.
Interview von Sarah Tekath

Myrthe in einer Fernsehsendung.

Foto: Myrthe van der Houwen

Vor wenigen Wochen sorgte das Video „Männerwelten“ von Joko und Klaas für Wirbel. In dem Beitrag zeigten verschiedene Frauen, dass sexuelle Belästigung Teil ihres Alltags ist. Das ist nicht nur in Deutschland so: Auch in den Niederlanden ist sexuelle Belästigung ein großes Problem. Die 19-jährige Studentin Myrthe van der Houwen aus Enschede hat nun eine Online-Petition gestartet hat, um endlich so viele Menschen wie möglich darauf aufmerksam zu machen. Mit dieser Aktion will sie sich bei der örtlichen Regierung in Enschede Gehör verschaffen und die zuständigen Behörden zwingen, etwas zu unternehmen.

jetzt: Myrthe, du hast vor knapp drei Wochen eine Petition gestartet gegen sexuelle Belästigung. Kannst du kurz beschreiben, was passiert, wenn du in Enschede durch die Stadt läufst?

Myrthe van der Houwen: Männer rufen mir oft etwas nach, wenn ich über die Straße gehe. Einmal ist es mir auch passiert, dass mir ein Mann nach Hause gefolgt ist. Männer kommen mir körperlich sehr nah. Das ist die Situation, wie ich sie erfahre. Aber auch meinen Freundinnen geht es so. Deswegen habe ich die Petition gestartet. Es ist für mich gar kein Problem, wenn jemand auf der Straße sagt: „Du siehst heute aber hübsch aus“. Das stört mich nicht. Aber es ist etwas anderes, wenn man zu hören bekommt, „wenn du älter wärst, würde ich es dir besorgen“ oder „ich will dein Fötzchen lecken“. Dafür müssen Menschen zur Verantwortung gezogen werden können. Ich muss so etwas dann anzeigen können. Aber aus meiner Erfahrung funktioniert das nie. Die Polizei tut nichts dagegen. Oftmals steht dann Aussage gegen Aussage und bevor die Polizei eintrifft, ist der Mann schon längst weg.

Was genau hoffst du, mit der Petition zu erreichen?

Zuerst einmal geht es mir darum, Aufmerksamkeit für das Problem zu schaffen. Denn gerade viele Männer reagieren überrascht und geben zu, gar nicht gewusst zu haben, dass die Lage für Frauen so schlimm ist. Zweitens möchte ich aber auch ein gesellschaftliches Verantwortungsgefühl erreichen. So ist es zum Beispiel noch nie vorgekommen, dass jemand etwas zu meiner Verteidigung gesagt hat, wenn ich auf der Einkaufsstraße belästigt wurde. Menschen müssen sich auch auf der Straße für andere stark machen. Und drittens möchte ich natürlich, dass die zuständige Gemeinde tätig wird. Aber die ist aktuell noch eher zögerlich, weil ein solches Problem natürlich nicht einfach zu lösen ist. Schließlich ist es eine Kombination von so vielen Faktoren. Es sind aktuell mehr Kameras auf der Straße im Gespräch, denn es braucht natürlich vor allem konkrete Maßnahmen, zusätzlich zu der Aufmerksamkeit und dem gesellschaftlichen Verantwortungsgefühl.

„Meinem Empfinden nach ist es durch die Krise schlimmer geworden, denn Menschen haben jetzt natürlich weniger zu tun“

Du wurdest knapp zehn Tage nach Start deiner Petition von der Lokalverwaltung Enschede eingeladen, dein Anliegen vorzutragen und zu beschreiben, was du auf den Straßen der Stadt erlebst. Was hat sich daraus ergeben?

Es folgt jetzt eine weitere Versammlung, die wahrscheinlich sehr lange dauern wird. Nächste Woche lege ich meine Petition dem Bürgermeister von Enschede vor. Die Behörden wollen gerne helfen, mehr Sicherheit auf den Straßen zu gewährleisten, aber es scheint schwer zu fallen, einen konkreten Plan dafür zu erarbeiten. Dafür wird wahrscheinlich ein langer Atem nötig sein. 

Hast du den Eindruck, dass sich die Situation für Frauen durch die Corona-Krise verschlechtert hat?

Meinem Empfinden nach ist es durch die Krise schlimmer geworden, denn Menschen haben jetzt natürlich weniger zu tun. Da ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass diese Männer, die Frauen belästigen, aus Langeweile auf der Straße rumhängen. Außerdem sind aktuell alle Bordelle geschlossen. Möglicherweise sind die Täter deswegen auch frustriert und lassen es dann eher an Frauen auf der Straße aus. Meine Petition beschränkt sich nur auf Enschede, weil es natürlich einfacher ist, erst einmal lokal zu agieren, statt gleich das ganze Land verändern zu wollen. Wir bekommen auch Reaktionen von Frauen aus den gesamten Niederlanden, die in ihrer Stadt sexuelle Belästigung erleben. 

Wie hast du bisher auf solche Arten von Belästigung auf der Straße reagiert?

Zuerst habe ich versucht, es zu ignorieren. Dann aber ist mir jemand nach Hause gefolgt und hat mich gegen meine eigene Haustür gedrückt. In dem Moment wurde ich einfach unendlich wütend. Danach konnte ich nicht mehr ignorieren, was diese Männer tun. Wenn ich Widerworte geben und Männern sage, dass sie den Mund halten sollen, kommt das meistens aber gar nicht gut an. Vor zwei Wochen lief ich zum Beispiel mit einer Freundin über die Straße und ein Mann fuhr mit seinem Fahrrad viel zu dicht an mir vorbei. Er sagte: „Na, Kleine, wenn du ein bisschen älter wärst, dann hätte ich es dir besorgt.“ Ich war viel zu geschockt, um zu reagieren, aber meine Freundin schrie ihn an, dass er den Mund halten und weiterfahren sollte. Daraufhin rastete er aus und brüllte herum, wartete auf uns und stieg immer wieder von seinem Rad ab, um uns einzuschüchtern. Da verstehe ich schon, dass Frauen lieber nichts sagen, damit die Situation nicht eskaliert. Sonst passiert vielleicht noch Schlimmeres.

„Wenn jemand einer Frau auf der Straße ,du Hure‘ hinterherruft, gilt das offenbar als Meinungsäußerung“

Was glaubst du, ist der Grund, dass die Politik so zögerlich agiert? 

Ich denke, ein Problem ist sicher, dass das niederländische Gesetz die freie Meinungsäußerung sehr weit auslegt. Wenn jemand einer Frau auf der Straße „du Hure“ hinterherruft, gilt das offenbar als Meinungsäußerung, da es sich dabei auch um einen Beruf handelt. So entschied Ende 2019 ein Richter in Den Haag. Interessant ist dabei allerdings, dass man so etwas zu Polizeibeamten nicht sagen darf, dann wird ein Strafgeld erhoben, aber gegenüber einer normalen Frau ist es hierzulande scheinbar in Ordnung.

Drei Wochen nach dem Start der Petition gibt es 16 700 Unterschriften. Hast du so eine starke Reaktion erwartet?

Gar nicht. Ich hatte gehofft, dass ich vielleicht 500 Unterschriften bekomme, sodass ich weiß, dass einige Menschen hinter mir stehen. Aber schon nach zwei Stunden hatte ich die 500 Unterschriften erreicht und es gingen Anfragen von Journalisten ein.

Du bist schon im niederländischen Fernsehen gewesen und auch verschiedene Zeitungen haben berichtet. Glaubst du, dass die Politik wegen der großen Aufmerksamkeit für deinen Fall nun aktiv wird?

Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Immerhin hat auch die Politikerin Dilan Yeşilgöz bereits vor sieben Jahren versucht, ein Gesetz gegen sexuelle Belästigung durchzusetzen. Das ist ihr aber nie gelungen. Es ist meist so, dass jemand einen neuen Versuch startet, die Lage zu verbessern, mit einer Petition zum Beispiel, oder mit einer anderen Aktion, die Aufmerksamkeit erreicht und dann ist das Medieninteresse eine Zeit lang groß, aber danach flacht es auch wieder ab. Ein Gesetz ist dabei bisher nicht zustande gekommen, aber ich finde, dass jetzt wirklich etwas passieren muss.

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