„Transfeindlichkeit ist tief in unserer Gesellschaft verankert“

Anton, Sanni und Feliciasind trans. Hier erzählen sie von offenen Anfeindungen und dem Druck der Gesellschaft.
Fotos: Privat / Rey KM Domurat / Uferlos Studios / Privat

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Triggerwarnung: Im Text tauchen Inhalte zum Thema transfeindliche Gewalt auf, die auf Leser*innen traumatisierend oder retraumatisierend wirken können.

Begriffsklärungen: 

trans (oder transgeschlechtlich) bedeutet, dass sich eine Person nicht mit dem Geschlecht identifiziert, das ihr bei der Geburt zugewiesen wurde 

cis bedeutet, dass sich eine Person mit dem Geschlecht identifiziert, das ihr bei der Geburt zugewiesen wurde

Als der Schauspieler Elliot Page öffentlich verkündete, dass er trans ist, schrieb er in seinem Statement auf Instagram nicht nur, wie gut es sich für ihn anfühle, jetzt out zu sein. Er betonte auch, dass er Angst habe: „Vor dem Hass, vor dummen ,Witzen‘ und auch vor der Gewalt.“ Denn genau das ist für viele trans Menschen weltweit Alltag.

Auch der von der Aktivistin Gwendolyn Ann Smith begründete Transgender Day of Remembrance (TDOR) am 20. November soll daran erinnern, dass weltweit transgeschlechtliche Menschen Gewalt, Hass und strukturellen Ungerechtigkeiten ausgesetzt sind. Er ist zugleich ein Gedenktag für Hunderte von trans Menschen, die jedes Jahr ermordet werden. Im vergangenen Jahr wurden 350 Fälle gezählt – häufig werden transgeschlechtliche Menschen aber in der Polizeistatistik nicht als trans erfasst und in vielen Staaten ist Queerfeindlichkeit kein eigener Tatbestand. In Deutschland werden angezeigte transfeindliche Taten in einer Statistik des Bundesinnenministeriums nicht eigens ausgewiesen. Die Zahl der sogenannten politisch motivierten Straftaten gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans und inter Personen wird für 2019 mit 576 angegeben, ein Bericht für 2020 liegt noch nicht vor. Eine aktuelle Studie zeigt aber auch: Nur wenige queere Menschen zeigen homofeindliche oder transfeindliche Gewalt an. Hier berichten drei trans Menschen von ihren Erfahrungen mit Transfeindlichkeit in Deutschland.

„Jemand hat mir geschrieben: ‚Wenn ich dich irgendwo auf einer öffentlichen Toilette treffe, schlage ich dich zusammen‘“

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Foto: Privat

Felicia Ewert, 34

Politikwissenschaftlerin, Autorin und Referentin für Transfeindlichkeit, Homofeindlichkeit und Sexismus

Pronomen: sie

„Zum ersten Mal als Frau geoutet habe ich mich 2014 vor einer Freundin. Bestimmte Formen von Queerfeindlichkeit habe ich aber schon vorher erlebt: Etwa, dass Leute von meinem Auftreten auf meine Sexualität schließen wollten. Solche Spekulationen sind unabhängig vom Geschlecht – und übergriffig! Bei Twitter hatte ich schon viele Formen transfeindlicher Einstellungen kritisiert – als ich dann schrieb, dass ich eine Frau bin, hat das voll eingeschlagen: Man hat versucht, mir anhand vermeintlicher biologischer Tatsachen mein Geschlecht abzusprechen und es gab viele frauenverachtende Äußerungen. Sexistische Kommentare, Suizidaufforderungen, auch Gewaltandrohungen. Jemand hat mir geschrieben: ‚Wenn ich dich irgendwo auf einer öffentlichen Toilette treffe, schlage ich dich zusammen.‘

Auch vor einem meiner Vorträge gab es eine direkte Morddrohung gegen mich und mein Publikum. Die Veranstaltung fand dann unter Polizeischutz statt. Ich habe mir damals mehr Sorgen um mein Publikum gemacht als um mich selbst – mich hat es in dem Moment eher in der Notwendigkeit meiner Arbeit bestärkt. Aber ich hatte ein mulmiges Gefühl, als ich in den Zug zum Veranstaltungsort gestiegen bin.

Die meisten Übergriffe passieren mir im digitalen Raum. Etwa haben mehrere Leute versucht, persönliche Daten und Fotos von mir zu veröffentlichen. Aber auch im analogen Leben bin ich nicht überall sicher vor Übergriffen. Auf der Damentoilette eines Restaurants ging mich einmal eine Frau an: Ob ich hier nicht falsch sei? Eine dritte Person ist dann eingeschritten und hat die Situation aufgelöst, indem sie sagte: ‚Nein, sie ist hier völlig richtig.‘ Als transgeschlechtliche Frau bin ich in der gesellschaftlichen Wahrnehmung quasi hypersexualisiert – einerseits als konsumierbares Objekt sexueller Begierde, andererseits auch als angebliche Bedrohung, der man unterstellt, andere Frauen zu belästigen und zu überfallen.

Transfeindlichkeit ist tief in unserer Gesellschaft verankert – alle Menschen haben bestimmte Einstellungen zu trans Personen verinnerlicht und tragen die auch nach außen, weil sich an die Kategorie ‚Geschlecht‘ immer noch normative Menschen- und Familienbilder knüpfen. Hasskommentare und Gewaltandrohungen kommen meist aus dem rechts-nationalistischen Lager und häufig von Männern – was aber nicht bedeutet, dass Frauen diese nicht billigen würden. Diese Menschen sehen durch meine Existenz ihre Vorstellungen von Männlichkeit und männlicher Vorherrschaft, die sie propagieren, herausgefordert: Dass ich eine lesbische trans Frau bin und mein Kind zwei leibliche Mütter hat, können sie nicht akzeptieren.

Die meisten trans Menschen haben irgendwann angefangen, sich über sich selbst bewusst zu werden – vielleicht in Auseinandersetzung mit dem, wie andere Personen sie lesen und was sie ihnen auf der Basis bestimmter Geschlechtervorstellungen zuschreiben. Genauso müssen cis Personen anfangen, sich ihrer eigenen Geschlechtervorstellungen, die sie erlernt haben, bewusst zu werden. Es geht darum, dass cisgeschlechtliche Menschen Verantwortung übernehmen, sich ihrer privilegierten Position im System ‚Zweigeschlechtlichkeit‘ bewusst werden – und einschreiten, wenn sie Transfeindlichkeit mitbekommen.“

„Ich stehe  ständig unter dem Druck, einer heterosexuellen Norm von Männlichkeit zu entsprechen“

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Anton, 26

Arbeitet einer Uni als Wissenschaftlicher Mitarbeiter. 

Pronomen: er

„Ich bin weiß, komme aus einer Mittelschichtfamilie und befinde mich daher auch einer sehr privilegierten Situation. Das ist mir wichtig, wenn es um dieses Thema geht. Denn ich glaube, dass mir deswegen sehr viele Anfeindungen erspart bleiben. Bisher habe ich keine offene Gewalt erlebt. Trotzdem stehe ich ständig unter dem Druck, einer heterosexuellen Norm von Männlichkeit zu entsprechen. Das ist sehr belastend. Ich habe immer wieder Angst, als ,Hochstapler‘ entlarvt zu werden. Bisher habe ich keine medizinischen Maßnahmen unternommen, nehme also keine Hormone und habe mich auch keinen geschlechtsangleichenden Operationen unterzogen. Klar könnte ich mich operieren lassen. Aber die Frage ist: Warum ist es nicht einfach möglich, verschiedene Formen von Männlichkeit leben zu können? Jetzt mache ich mir aber ständig Gedanken, ob zum Beispiel meine Brust genug verdeckt ist, damit ich auch von allen als Mann gelesen werde. Das ist auch im Arbeitskontext sehr anstrengend.

Mein Eindruck ist, dass sich vor allem cis Männer von trans Männern bedroht fühlen. Wenn sie entdecken, dass ich nicht cis bin, dann verstört sie das. Ich hätte oft Lust, mich femininer zu kleiden. Aber ich mache das nicht, weil ich weiß, dass ich dann ins Schussfeld gerate – ich würde dann das verkörpern, was man salopp als ,tuntig‘ bezeichnet. Das ist ein Schutzmechanismus von mir, das zu vermeiden. Ich bin schwul. Beim Dating treffe ich vor allem Männer, die bisexuell sind oder sich als heteroflexibel bezeichnen. Da mache ich sehr gute Erfahrungen. Bisher meide ich die klassische schwule Datingszene, die von cis Männern dominiert wird. Ich habe da, um ehrlich zu sein, auch Angst davor. Denn ich kenne trans Männer, die in der klassischen schwulen Datingszene sehr viel Ablehnung erfahren haben. Am Ende ist es aber meiner Erfahrung nach oft so: Wenn sich zwei Menschen mögen und anziehend finden, dann ist vor allem wichtig, dass es zwischenmenschlich passt. Alles andere ist verhandelbar. 

Ich hatte vor meinem Coming-out massive Angst, dass Menschen mich nicht mehr akzeptieren würden. Ich komme aus einem katholischen, ländlich geprägten, konservativen Teil Deutschlands. Vor zwei Jahren habe ich es dann gewagt, da war ich 24 Jahre alt und habe gerade in London den Master ,Queer History‘ studiert. Alle meine Mitstudierenden waren queer, das hat es massiv erleichtert. Vorher hatte ich bereits ein Coming-out versucht, als ich noch in Wien gewohnt habe. Das habe ich aber nicht geschafft. Mein Umfeld kannte mich schon lange, aber eben nicht als Mann. Es ist schwierig, sein Geschlecht zu wechseln, wenn man in einem Freundeskreis schon etabliert ist. Da sind Rollen schon vorgegeben und ich wollte Freundschaften nicht aufs Spiel setzen. Am Ende habe ich aber fast nur Zuspruch bekommen von Freund*innen und Familie. Das hatte ich so nicht erwartet. Allerdings habe ich festgestellt, dass einige Menschen, mit denen ich während der Schulzeit befreundet war, sich nach meinem Coming-out nicht mehr gemeldet haben. Ich habe jetzt keinen Beweis dafür, dass es an meinem Coming-out lag, aber ich vermute es. Vielleicht haben sie es nicht verstanden oder lehnen das ab.“ 

„Auf einmal wollten mich Männer nicht mehr prügeln, sondern eher vergewaltigen“

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Foto: Rey KM Domurat / Uferlos Studios

Sanni Est, 32

Musikerin, Performerin, Diversity-Trainerin

Pronomen: sie

„Ich wurde in Brasilien geboren und lebe in Berlin, seit ich 18 bin. Schon in der Schulzeit habe ich Femmephobia erlebt – also Feindlichkeit gegenüber allem, was als weiblich wahrgenommen wird. Wenn von dir eigentlich Männlichkeit erwartet wird, ist es noch viel gefährlicher und angreifbarer, wenn du Weiblichkeit repräsentierst. Als Kind war ich sehr klein und zierlich im Vergleich zu den anderen und wurde von ihnen angegriffen und beschimpft. Deshalb wollte ich im Klassenzimmer immer ganz vorn an der Tür sitzen – ich bin nie weggelaufen, aber das hat mir Sicherheit gegeben.

Nach meinem Coming-out während des Studiums in Berlin habe ich mir vorgenommen, meine weibliche Rolle perfekt zu spielen, weil ich dachte, dass meine Sicherheit davon abhängt. Dabei hat mir geholfen, dass ich als Latina in Deutschland durch mein Aussehen als ‚exotisch‘ gelte und automatisch weiblicher wahrgenommen werde: Meine braunen Augen, braune Haut und mein lockiges, volles Haar gelten als Signale. Ich werde auch öfter als je zuvor auf mein Aussehen und meinen Körper angesprochen.

Im Vergleich zu den Erfahrungen anderer trans Personen, die ich kenne, ist meine Situation angenehmer und sicherer, denn ich bin sehr schnell als Frau gelesen worden. Bei der Arbeit in Bars habe ich krasse Bestätigung bekommen, vor allem von Männern, und es sehr genossen. Das hat sich angefühlt, als hätte ich plötzlich eine Superkraft! Aber es war auch ein zwiespältiges Gefühl: Auf einmal wollten mich Männer nicht mehr prügeln, sondern eher vergewaltigen. Beides ist schrecklich, aber letzteres ist gesellschaftlich stärker geächtet als homophobe Angriffe.

Aber dann musste ich Transfeindlichkeit oft nachträglich erleben: dass Menschen, die mir erst sehr nah waren, sich von mir abwandten, nachdem sie erfahren hatten, dass ich trans bin. Personen, die Gefühle für mich hatten und auch körperlich mit mir waren, haben mich plötzlich komplett abgelehnt – von ‚Du bist die Liebe meines Lebens‘ zu ‚Ich kann dich nicht mehr anfassen‘. Das ist nicht körperlich verletzend, aber bei allen anderen Formen von Transfeindlichkeit hatte ich das Gefühl, mich davor schützen oder dagegen wehren zu können. Bei dieser Zurückweisung blieb nur das Gefühl zurück: ‚Du bist nicht genug, um als Mensch geliebt zu werden.‘

Zum Glück habe ich ein tolles Netzwerk von Freund*innen und Bekannten, die mir geholfen haben, alle Enttäuschungen zu überstehen. Ich habe mich irgendwann bewusst nur noch mit Menschen umgeben, die meine Lebensrealität verstehen. Meine Erfahrung ist: Menschen, die Diskriminierungserfahrungen gemacht haben – ob Rassismus, Klassismus oder Queerfeindlichkeit – sehen mich eher als Mensch als alle, die diese Erfahrungen nicht machen müssen. Als Frau, die trans und Latina ist, falle ich stark auf – und je auffälliger du bist, desto angreifbarer bist du auch.

Erst durch die Unterstützung aus meiner Community habe ich auch angefangen, den Weg zurück zu mir als Künstlerin zu finden. Denn nach meinem Coming-out dachte ich, dass ich diese Identität aufgeben müsste. Ich hasse Fragen wie ‚Was muss sich ändern, damit Transfeindlichkeit in der Gesellschaft aufhört?‘ Sie wird nicht einfach aufhören, solange sich das System, in dem wir leben, nicht ändert. Man müsste die Frage stellen: ‚Was macht ihr cis Menschen, um Transfeindlichkeit zu beenden?‘“

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